Alexander Marcus Musikantenstadl der Technogeneration

Alexander Marcus (Foto)
Alexander Marcus in Uniform. Seine Fans uniformieren sich mit T-Shirts, auf denen «Homo Dance» steht. Bild: dpa

Von news.de-Redakteurin Ines Weißbach
Für ihn ziehen sich junge Menschen Hawaiihemden und türkisfarbene Hosen an. Sie kaufen T-Shirts, auf denen «Homo Dance» steht und tragen sie auch. Alexander Marcus ist ein Phänomen. Muss deswegen die Frage beantwortet werden: Meint der das ernst?

Gefragt, in welchen Situationen er nicht gern Alexander Marcus wäre, antwortet eben jener: «Auf öffentlichen Partys mit vielen angetrunkenen jungen Leuten.» Dann sollte er besser von seinen eigenen Konzerten fernbleiben. Denn da versammeln sich grölende Menschen unter 30. Mit der selbstkombinierten Musikrichtung Electrolore, aus elektronischer Musik und Folklore, bringt er das Publikum auf seiner gerade stattfindenden Tournee in Gleichklang. Er ist gekommen, um sein zweites Album Mega live darzubieten. Eine Art Musikantenstadl der Technogeneration, mit Hüpfen, ohne Schunkeln. Und alle machen mit.

In seinem Vorstellungsvideo zu Beginn der Show bescheinigt ihm ein Arzt, dass Alexander Marcus sterben wird, sollte er jetzt auf die Bühne gehen. Da er, wie umgekehrt auch, vor seinem Publikum keine Scham kennt, antwortet der Künstler: «Ich würde sterben für meine Fans.» Das alles ist bereits unterlegt mit wummerndem Housebeat, der Ohrenstöpsel erfordert, während die Magengrube unaufhaltsam schwingt.

Wer annimmt, dass der Folkloreteil in Electrolore ältere Fansemester anzieht, wird schon auf dem Weg zum Konzert eines besseren belehrt. Junge Menschen, die neben Hawaiihemden und türkisfarbenen Hosen auch T-Shirts mit der Aufschrift «Homo Dance» tragen, strömen zum Veranstaltungsort. Das ist so, in jeder Stadt, in der Alexander Marcus auftritt. Ginge es nach ihm, dürften sich jedoch auch ältere Damen ins Konzert wagen. «Ich mag die achtzehnjährigen Mädchen in der ersten Reihe genauso wie die 80-jährige Oma, die mir Fanpost schickt», sagt er im Interview mit news.de. Da er jedoch durchs Internet bekannt geworden ist, mutmaßt Alexander Marcus selbst, dass vorwiegend junge Menschen seiner Musik zugetan sind.

Alexander Marcus
Homo Dance
Video: YouTube

Ciao Ciao Bella

Denn Musikvideos mit dem gewissen Heimvideotouch haben ihn zum Youtube-Phänomen werden lassen. Das Filmchen zu Ciao Ciao Bella, bei dem er eine übergewichtige Dame in einem karg ausgestatteten Raum bezirzt, stellte er bereits vor vier Jahren ins Netz. Über drei Millionen Mal wurde es bis heute geklickt. Das liegt an der kruden Mischung aus Dauergrinsen, Yuppie-Attitüde, amtlichem Beat und trashig-gereimten Texten wie «Ich fragte nach deinem Namen, du sagtest Felicita, das war der schönste Tag in diesem Jahr.» Getoppt werden die persönlichen Alexander-Marcus-Klickcharts vom Video Papaya mit zehn Millionen Aufrufen. Einem Machwerk, bei dem Alexander Marcus im Muschelumhang und allgegenwärtiger rosa Hose im Baggersee planscht. Die Poesie liegt auch hier nicht zwischen den Zeilen. «Die Fischer haben's am Feuer erzählt, da gibts ein Land in dem die Liebe regiert. Komm mit mir, nach Papaya» ist unvermeidbare Konsequenz aus soviel positivem Wahnsinn.

Der stümperhafte Homevideo-Grauschleier war anfangs sein Markenzeichen. Mittlerweile ist der verschwunden. «Die technische Qualität ist zwar besser, wir filmen mit besseren Kameras, aber am Ende haben wir doch unseren Stil beibehalten», meint Alexander Marcus auf die mögliche Enttäuschung der Fans angesprochen, da seine Videos nun auf Hochglanz poliert sind. «Durch den Erfolg habe ich jetzt die Mittel, meine Videos in besserer Qualität herzustellen und meine Fans profitieren doch davon.» Hawaii Toast Song und Homo Dance sind Zeugen dieser qualitativen Offensive.

Sei kein Frosch, kleine Maus

Die Trashecke füllt er damit jedoch weiterhin aus, in die er sich unter anderem durch die Nennung von Vorbildern wie Roland Kaiser und Klausjürgen Wussow manövrierte. Ein Ausgangspunkt, bei dem die Kollaboration mit Künstlern wie den Atzen oder B-Tight auch nur kurzzeitig für Verwirrung sorgt. Der Aggro-Berlin-Rapper gab 2008 beim Song Sei kein Frosch, kleine Maus folgende Drohung zum Besten «Keiner fickt mit Alexander Marcus. Damit dat klar is'». Damit das tatsächlich nicht passiert, hat Alexander Marcus übrigens immer seinen besten Freund, eine Art Beschützer, dabei: Globi, der Globus. Wie sein Besitzer hat der selbst Kultstatus erreicht. Wenn er bei Marcus' Auftritten auf die Bühne gebracht wird, jubelt die Menge. Da er während einer Tour ständig von Stadt zu Stadt geschleppt wird, habe der Globus schon Blessuren erlitten, sagt Marcus. Mehrere Reparaturen seien nötig gewesen. «Es ist auch für mich nicht leicht, ihn immer dabeizuhaben, ähnlich wie bei einem Haustier, um das man sich kümmern muss. Aber er gehört dazu und ich werde weiterhin keine Bühne ohne ihn betreten», sagt der Sänger.

Fazit ist, dass Alexander Marcus, ein Typ mit Gelfrisur, mittlerweile seit Jahren Rätsel aufgibt. Meint er das ernst?, ist die oft gestellte Frage. Dabei macht er eigentlich gar keinen Hehl daraus, dass hinter der Kunstfigur der Berliner House-Produzent namens Felix Rennefeld steckt. Er hat Alexander Marcus geschaffen und verkörpert ihn mit einem Dauergrinsen. Rennefelds Bilder auf seiner Seite im Netzwerk LastFM zeigen einen ernst schauenden, gellosen Musiker.

Auf die musikalische Begabung lassen Remixe und eigene House-Stücke schließen, die Rennefeld veröffentlicht hat. Geradezu humorlos scheinen Mensch und Werk. Wäre da nicht noch schauspielerisches Talent, das durch das Verbleiben in der Rolle des Alexander Marcus ans Licht kommt. Auch wenn er Interviews lieber schriftlich gibt als persönlich. Deshalb ist es keine Frage, ob er die sensible Weltverbesserungsschlager-Haltung, die er auf der Bühne zeigt, ernst meint. Denn Alexander Marcus tut das natürlich.

Das Karussell dreht sich immer weiter

Der kann übrigens privat gar keine Musik mehr hören. Eine Art Berufskrankheit. «Wie bei einem Koch, der keinen Spaß mehr dabei empfindet, ins Restaurant zu gehen.» Da alles «wie vom Reißbrett» klinge. Und da liegt auch der feine Unterschied von seiner Musik zum elektronischen Hüttenremix des Tony-Marshall-Klassikers Schöne Maid oder den alljährlich-chartträchtigen Mallorcaschlagern mit dem Wummsbeat. «Man hört es einfach oder man hört es nicht. Für die Einen ist da gar kein Unterschied und elektronische Musik gleich elektronische Musik, so wie vielen Menschen wahrscheinlich Dosenravioli genauso gut schmecken wie frischgemachte Ravioli, oder sogar besser. Andere hingegen hören, dass meine Beats und die Produktionen ambitionierter und anspruchsvoller sind.»

Alexander Marcus
Hawaii Toast Song
Video: YouTube

Genau so will er an die Produktion eines dritten Albums gehen. Es wird ein Soundtrack zu einem Alexander-Marcus-Film, dessen Dreharbeiten im Frühjahr beginnen sollen. Fans können sich finanziell am Bewegtbild beteiligen, erhalten dafür eine Komparsenrolle oder werden im Abspann genannt. Wenn nicht genug Geld zusammenkommt, könnte dann wieder mehr Heimvideocharme mitspielen.
Die Electrolore bleibt also nicht sein einziges Tätigkeitsfeld. Wo er sich doch schon mit dem aktuellen Song Karussell zum «Kirmes-Autoscooter-Rock'n'Roll-Sound» wagt. Dessen Botschaft ist laut Alexander Marcus übrigens: «Dass man alles nicht so ernst nehmen soll im Leben.»

Alexander Marcus auf Tour 2010

16.10. Münster, 22.10. Frankfurt am Main,  29.10. Bremen, 4.11. Saarbrücken, 5.11. Erfurt, 19.11. Düsseldorf, 26.11. Wien, 3.12. Heidelberg, 4.12. Hamburg, 18.12. Berlin

ruk/ivb/news.de

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Anna Lena Schmidt
  • Kommentar 1
  • 14.10.2010 12:21

Vielen Dank für den Artikel über diesen exorbitanten Musiker! Die Meldung über den Film empfinde ich als so formidabel, dass dieser jetzt schon in meiner persönlichen Hitliste auf Topposition steht. Beste Mittagspause seit langem!

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