So., 27.05.12

Hartz-IV-Talkrunde 29.09.2010 Wie wenig darf’s denn sein?

Maischberger (Foto)
Martin Lindner und Sahra Wagenknecht waren die größten Streithähne. Bild: WDR

Von news.de-Redakteur Michael Kraft

Rudelbumsen, Kochkünste und DDR - dass es bei Menschen bei Maischberger eigentlich um Hartz IV ging, würde man bei diesen Themen gar nicht vermuten. Trotzdem führte die Diskussion in der Talkrunde zu einer spannenden Frage: Wie viel darf Würde kosten?

Der Hartz-IV-Regelsatz

Sandra Maischberger drängte zwar darauf, ähnlich wie zwei Tage zuvor schon ihre Kollegin Anne Will, dass nicht über Bildung, Mindestlohn oder Kinderbetreuung gesprochen wurde. Trotzdem bekam sie eine interessante Diskussion zustande. Auch wenn die Politiker in der Runde am wenigsten dazu beitrugen, gab es doch mindestens sieben überraschende Erkenntnisse.

1. Wenn früher in einer politischen Talkrunde ein Koch auftrat, dann hieß der mit Vornamen noch Roland. Heute ist es Christian Rach, bekannt als RTL-Restauranttester. In seinem aktuellen TV-Projekt baut er ein Restaurant mit einer Belegschaft auf, die komplett aus ehemaligen Hartz-IVDie Hartz-Gesetze sind das Ergebnis einer von der damaligen rot-grünen Bundesregierung unter Kanzler Gerhard Schröder eingesetzten Kommission zur Reform des Arbeitsmarkts. Hartz I (Zeitarbeit), Hartz II (Mini- und Midijobs), Hartz III (Umbau der Bundesagentur für Arbeit) und Hartz IV (Zusammenlegung von Sozialhilfe und Arbeitslosengeld II) traten zwischen 2003 und 2005 in Kraft. -Empfängern besteht.

Basierend auf diesen Erfahrungen gibt Rach bei Maischberger wahlweise den Mann aus der Praxis oder die Stimme des gesunden Menschenverstandes. «Das Geschrei nach ‹Immer mehr› kann ich nicht mehr hören», lautet seine Botschaft. Wer gemeinsam isst, prügelt sich nicht, und deshalb kann man mit Gastronomie auch Gewalt verhindern, ist eine weitere These. Und vor allem gehe es darum, auf unbürokratisches Vorgehen und mehr Eigeninitiative zu setzen. Nur so könne man das Ziel erreichen, wieder mehr Leute in Lohn (aber nicht Mindestlohn!) und Brot (aber kein Discounter-Brot!) zu bringen.

2. Auch Mitarbeiter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks kaufen bei Lidl ein. Zumindest die Maischberger-Redaktion hat dort eine kleine Shoppingtour gestartet und festgestellt: Man kriegt eine ganze Menge für die fünf Euro, die Hartz-IV-Empfängern jetzt als Erhöhung des Regelsatzes in Aussicht gestellt wird. Rach allerdings bezweifelte sofort, dass man sich mit Brot, Magarine, Milch und Fleischwurst dauerhaft «gesund» ernähren kann.

3. Wenn sich der FDP-Bundestagsabgeordnete Martin Lindner einen Eindruck von der Hartz-IV-Realität machen will, dann schaut er sich die Sendung von Rach bei RTL an. Ansonsten benimmt er sich gerne wie ein schlecht erzogener Schnösel und trägt unter seinem Anzug womöglich ein T-Shirt mit dem Slogan «Alle scheiße, außer ich. Und vielleicht noch Guido.» Mit zwei groß bedruckten A4-Seiten in einem putzigen Klemmhefter will er nachweisen, dass die Sozialpolitik der Linkspartei unrealistisch ist. «Ich habe da etwas vorbereitet», kündigt er diese Aktion an – ist das nicht sonst ein Spruch für Fernsehköche?

Auch sonst hat Lindner wundersame Ansichten. Ein Drittel aller Arbeitslosen hat in seinen Augen bloß «keine Lust» auf einen Job. Zudem sieht er bei vielen Hartz-IV-Empfängern ein neues Lebensmodell namens «Alleinerziehend», und das funktioniert so: «Das sind Frauen, die zwei bis drei Kinder von drei bis vier Männern haben.» Für solche Leute solle dann auch noch der Staat für den Unterhalt aufkommen, weil sich die Damen «an die Väter plötzlich nicht mehr erinnern können». Rudelbumsen als Sozialstaats-Abzocke - so sieht also bei der FDP das Bild von Hartz-IV-Empfängern aus.

4. Sahra Wagenknecht, Vizechefin der Linkspartei, hat man klugerweise direkt neben Lindner platziert. Sie reagiert genauso reflexhaft auf die gleichen Kampfbegriffe wie der FDP-Mann, nur mit etwas mehr Stil. Man kann das Pärchen einfach streiten lassen und im Rest der Runde schon einmal weiter diskutieren. Die beiden machen sehr anschaulich: Je weniger Politiker man in eine politische Talkshow einlädt, desto gehobener ist die Gesprächskultur.

5. Arnulf Baring scheint die meiste Zeit der Sendung über zu schlafen. Wenn er aufwacht, erzählt der Historiker kurz etwas von der DDR, dann ist wieder Ruhe. Soziale Gerechtigkeit ist für ihn nur «eine Nebenfrage» des Staates, der ohnehin schon zu viel Geld für Soziales ausgibt (wie die DDR, und da hat man ja gesehen, wo das hinführt). Was mit den Armen passiert, wenn sie kein Geld mehr vom Staat erhalten, diese Frage stellt sich Baring offensichtlich nicht.

6. Es geht bei Sandra Maischberger auch noch, man hatte es geahnt, um Geld. «Wie viel darf’s denn sein?» lautet die Frage - und gemeint ist die gerechte Höhe des Regelsatzes. Die Positionen sind klar: Die jetzt beschlossenen 364 Euro sind für Baring zu viel, für Lindner gerade noch akzeptabel. Ulrike Mascher, Präsidentin des Sozialverbandes VdK, hält 420 Euro für angemessen. Wagenknecht kann sich auch 500 Euro im Monat vorstellen.

Bei dieser Frage kommt schließlich auch Silvia Schwab ins Spiel. Sie soll wohl eigentlich für die Empörung sorgen, die im Titel der Sendung heraufbeschworen wird: Hartz-IV-Wutwelle: Werden die Armen verhöhnt? Doch die alleinerziehende Mutter von vier Töchtern und Hartz-IV-Empfängerin gibt sich kleinlaut, fast demütig. «420 Euro wären angebracht», lautet ihre Erfahrung.

«Wie wenig darf’s denn sein?» lautet die Frage, die direkt daraus folgt - gemeint ist das Limit, das man Arbeitslosen noch zumuten kann, ohne ihnen die Würde zu rauben. Die Männer in der Runde sind sich einig, dass es Kürzungen geben muss, wenn Hartz-IV-Empfänger nicht arbeiten wollen. Doch keiner wagt es, eine Untergrenze für die Würde zu beziffern. Silvia Schwab hat diese Grenze schon erreicht. Am Monatsende muss sie oft zur Tafel, weil das Geld nicht mehr zum Einkaufen reicht. Als ein Einspieler zeigt, wie unwohl sich ihre Teenager-Töchter damit fühlen, fließen bei der Mutter Tränen. Doch es sind keine Tränen der Wut. Es sind Tränen der Scham.

7. Sandra Maischberger kann aus zwei Streithähnen, einem Schnarchsack, einer Betroffenen, einem Koch und einer Lobbyistin tatsächlich eine interessante Sendung machen. Das gelingt ihr vor allem deshalb, weil sie sich - anders als Anne Will beim selben Thema - auch selbst eine Meinung anmerken lässt. Sie beweist: Der Begriff des Moderators muss nicht zwangsläufig mit totaler Neutralität einhergehen. Manchmal hilft es, die Gäste einfach zu ignorieren oder auszulachen, wenn sie Mist erzählen. Und dass dies in Talkshows öfters mal geschieht, das ist nun wirklich keine überraschende Erkenntnis.
 

cvd/ivb/news.de
Leserkommentare (3) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • nachodka
  • Kommentar 3
  • 18.02.2012 18:06
 

Die Reichen und Ihre Handlanger, betrügen seit Jahrzehnten die Arbeiter! Wie? Ganz einfach: für die Lohnerhöhungen gibt es keine Möglichkeit, aber für die HORENDEN Einkommen der Reichen, immer mehr wie genug. 100% Betrug und keiner schreitet ein, werden ja gut zugefüttert, siehe wüllfi(Spitze vom Eisberg). Hartz IV ist minimum was einer braucht, eigentlich braucht ein Mensch mehr, sei´s drum. Die Arbeiter bekommen definitiv viel zu wenig! Wie soll man sonst die Yachten und sonstigen Schrott - z.B.: Banken, Großverdiener - "unterstützen" u.s.w.

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  • abrasiv
  • Kommentar 2
  • 09.11.2010 23:12
 

Herr Lindner gehört auch zu unseren "Spitzenpolitikern" die bei abgabe des Amtseides schon verhaftet gehören, weil Sie da schon einen Meineid geschworen haben! Was Frau Maischberger und Frau Will betrifft so sitzen Sie im warmenund Betroffene um die es geht sind nicht anwesend, könnte ja sein , daß die Wahrheit zu Tage kommt und das ist nicht gewollt!Wie können Millionäre,satte Menschen über Armut , Hunger und Schmerzen diskutieren,es ist Hohn was da zustande kommt. von Leyen wird ein wenig- nach absprache- befragt, anschliesend wird sich auf die Schultern geklopft und ein getrunken !Prost

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  • moptop
  • Kommentar 1
  • 29.09.2010 13:12
 

Herr Lindner hat sich in dieser Sendung wirklich sagenhaft blamiert. Dass sich solche Leute "liberal" nennen dürfen, ist eine Schande.

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