Wikipedia «Machtstrukturen transparenter machen»

Wikipedia-Konferenz (Foto)
In Leipzig fand unter dem Titel «Wikipedia: Ein kritischer Standpunkt» eine internationale Konferenz zur Wikipedia statt. Bild: cpov.de

Von news.de Redakteur Martin Walter
Lange Zeit galt Wikipedia als Vorzeigeprojekt demokratischer Zusammenarbeit im Internet. Doch mittlerweile mehren sich kritische Stimmen. Der Soziologe Thomas König ist selbst Wikipedianer, prangert aber zugleich die aktuellen Strukturen an.
 

Thomas König schreibt seit 2004 aktiv an der Wikipedia mit. Der Soziologe, der an der University of Surrey in England arbeitet, gilt dennoch als Kritiker der aktuellen Wikipedia-Strukturen. Im Interview mit news.de Ă€ußert er seine Bedenken und wagt einen Blick in die Zukunft der Online-EnzyklopĂ€die.

Herr König, was sind Ihre Hauptkritikpunkte an der aktuellen Wikipedia?

Thomas König: Mein Hauptkritikpunkt ist die soziale Schließung, die Etablierung einer sozialen Oligarchie. Ich denke, dass sich bei Wikipedia Strukturen gebildet haben, in denen nur noch ganz bestimmte Personen aufsteigen können. Diese Hierachie macht es sehr schwierig sich als neuer Autor zu integrieren. Die einzige Möglichkeit ist es, sich der herrschenden Ideologie anzuschließen und Kritik als negativ darzustellen. Diejenigen, die an den FĂŒhrungspositionen in der Wikipedia und der Wikimedia sitzen, sind kein reprĂ€sentativer Querschnitt der Bevölkerung, sondern meist mĂ€nnlich und  zwischen 20 und 40 Jahre alt. Technikaffine Personen, die demnach eine ganz spezifische Wahrheit bevorzugen. Dadurch werden auch die Inhalte beeinflusst.

Wie könnte demnach eine Wikipedia 2.0 aussehen?

König: Meine Empfehlung wĂ€re, den formalen Zugang zu den Hierachiepositionen zu erleichtern. Etwa indem ein Nutzer nach einer gewissen Zahl von Artikelbearbeitungen automatisch zum Administrator aufsteigen kann. Außerdem sollte man die Machtstrukturen innerhalb der Wikipedia transparenter machen, sowohl im Verein als auch in der Wikipedia. Man muss von sich selber einfach mehr hergeben. Da sollten wir als Wikipedianer einfach transparenter unsere eigenen Ziele und Motivationen darlegen.

Ist die Wikipedia aus Ihrer Sicht ein kritisches Medium?

König: Wikipedia ist garantiert kein kritisches Medium, da vor allem das Mainstreamwissen und die Ansichten bestimmter Interessengruppen stark reprĂ€sentiert sind. In der deutschen Wikipedia ist das beispielsweise der deutsche Staat, der durch die Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung im Bereich der politischen Bildung und der Zeitgeschichte sehr stark eingreift. Aber auch die christlichen Kirchen haben eine ziemlich starke Position innerhalb der deutschsprachigen Wikipedia. Zum Beispiel darf die Bibel als ziemlich einziges Werk legitim in einem Fließtext der Wikipedia zititert werden, wĂ€hrend alle anderen Werke als Fußnote zitiert werden. Ein kritisches Medium ist die Wikipedia derzeit also sicher nicht. Aber ein kritisches Medium könnte auch nicht eine solche Reichweite haben, von daher weiß ich nicht, ob es die Aufgabe der Wikipedia sein kann, zu einem kritischen Medium zu werden.

voc/news.de

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