Interview mit OMD «Wir fühlen uns, als ob wir wieder 19 wären»

OMD (Foto)
Paul Humphreys (links) und Andy McCluskey sind seit mehr als 30 Jahren der Kern von OMD. Bild: news.de

Von news.de-Redakteur Michael Kraft
Orchestral Maoeuvres In The Dark haben in den 1980ern die Charts regiert. Nun sind Andy McCluskey und Paul Humphreys wieder zusammen. Sie verraten, warum sie nochmal die alten Keyboards rauskramen und wieso Deutschland ihnen so wichtig ist.

Ihr habt Kraftwerk immer als wichtigsten Einfluss für die Musik von OMD bezeichnet. Fühlt es sich für Euch deshalb ganz besonders an, in Deutschland zu sein?

Humphreys: Klar. Deutschland war für uns immer ein ganz besonderer Ort. Ohne deutsche Musik würde OMD gar nicht existieren. Mitte der 1970er Jahre haben wir wie wild aus Deutschland importierte Platten gekauft, vor allem Kraftwerk, aber auch Neu!, La Düsseldorf und Can.

McCluskey: Außerdem waren wir in Deutschland immer sehr erfolgreich. Auch, als es in den anderen Ländern nicht mehr so gut für uns lief, haben wir hier noch viele Platten verkauft.

Interview mit OMD
«Die Fans haben Angst vor neuen Songs»
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Humphreys: Die deutschen Fans haben immer zu uns gestanden. Es gibt nur sehr wenige Länder, wo man ein so treues Publikum findet.

Es gibt noch einen Bezug zu Deutschland: Eine eurer ersten Bands hieß «Hitlerz Underpantz». Eine Jugendsünde?

Humphreys: Klar, das ist ein ausgesprochen dummer Name für eine Band. Hitlerz Underpantz war aber auch eher ein Blödel-Projekt.

McCluskey: Hitlerz Underpantz war ein Kollektiv: Jedes Jahr trafen sich eine Menge Musiker unter diesem Namen und machten zusammen echt schräge Musik. Wir waren in der zweiten Formation dabei, aber den Namen gab es da schon. Zumindest können wir also sagen: Das war nicht unsere Idee.

In einem Interview hasst Du auch einmal gesagt, dass Du Euren eigenen Bandnamen nicht besonders gelungen findest. Manche finden die Formulierung «Orchestral Manoeuvres In The Dark» in der Tat ziemlich prätentiös.

McCluskey: Manche Leute finden sogar mich ziemlich prätentiös. (lacht) Aber der Name ist wirklich verrückt. Das Problem ist: Eigentlich wollten wir diesen Namen nur für eine einzige Show benutzen. Und jetzt hängt er uns immer noch nach, 32 Jahre später.

Gibt es andere Dinge, die ihr rückblickend anders machen würdet? Hättet ihr beispielsweise schon am Beginn Eurer Karriere gerne die technischen Möglichkeiten gehabt, die es heute gibt? Oder benutzt ihr gerne noch Eure alten Instrumente?

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Humphreys: Als wir 2007 erstmals wieder auf Tour gegangen sind, haben wir wirklich viele der alten Synthesizer wieder rausgeholt, denn nur die kriegen diesen typischen Sound hin. Aber bei den Aufnahmen für das neue Album haben wir fast nur moderne Technik benutzt. Ich bin rückblickend froh, dass es all diese Möglichkeiten noch nicht gab, als wir angefangen haben. Denn sonst wäre auch unser Sound ein anderer gewesen. Die Einfachheit und Beschränktheit der Technik hat zu einem gewissen Teil definiert, wie OMD klingen. Wir konnten uns damals längst nicht so viele Instrumente leisten wie beispielsweise Kraftwerk, und deshalb haben wir Sachen selber gebaut oder improvisiert - und das hat uns dann ausgemacht.

Hat sich durch die neue Technik auch das Komponieren verändert?

McCluskey: Wenn wir zusammen arbeiten, ist das eigentlich noch ganz ähnlich wie früher: Ich werfe Ideen in den Raum und Paul macht daraus Klang. Aber wir haben diesmal viele Teile der neuen Songs per Mail hin- und hergeschickt, weil Paul in London wohnt und ich in Liverpool. Dann dauert zwar alles ein wenig länger, aber das funktioniert.

Lag es auch daran, dass zwischen der Ankündigung des OMD-Comebacks und dem Erscheinen das neuen Albums History Of Modern fünf Jahre vergangen sind?

McCluskey: Ganz so lange hat es nicht gedauert. 2005 haben wir uns entschieden, wieder zusammenzuarbeiten. 2007 waren wir dann wieder auf Tour. Aber es stand die ganze Zeit noch die Frage im Raum: Sollen wir es wagen, eine neue Platte zu machen? Das ist eine sehr riskante Sache, und das kann verdammt ins Auge gehen. Die Fans mögen eben die alten Hits, aber sie haben Angst vor neuen Songs. Das ist auch kein Wunder: Die meisten Bands, die in unserem Alter ein Comeback starten, machen ziemlich schreckliche neue Platten. Wir wollten sicher sein, dass wir gute Ideen und gute Songs haben, wenn wir uns wirklich an ein neues OMD-Album wagen.

Humphreys: Uns war klar: Wir hatten in unserer Karriere wirklich eine Menge Hits - und alles, was wir jetzt machen, wird sich daran messen müssen.

Habt Ihr bei der Arbeit an History Of Modern bei Null angefangen? Oder gab es auch ein paar Fragmente, die noch aus alten OMD-Zeiten übrig waren?

McCluskey: Ein paar Sachen hatten wir noch übrig. Wir sind sehr gut im recyceln, und eine gute Idee werfen wir niemals weg. Von den 13 Songs auf dem Album haben vielleicht 3 oder 4 auch ältere Elemente, den Rest haben wir komplett neu geschrieben.

Wenn man die Songs anhört, klingen sie wie eine sehr gute Zusammenfassung der Karriere von OMD, aber zugleich auch sehr zeitgenössisch. Ist es für Elektro-Bands leichter, modern zu bleiben als für Rockbands?

McCluskey: Als wir mit History Of Modern angefangen haben, wollten wir den definitiven OMD-Sound hinbekommen, und den haben wir auf unseren ersten vier Alben geschaffen. Das war der Bezugspunkt, aber zugleich sollte es modern bleiben. Wir wollten keine nostalgische Retro-Platte machen.

Humphreys: Unser Glück ist, dass elektronische Musik wieder angesagt ist. So ähnlich wie OMD zu klingen, ist wieder cool - und das hilft uns natürlich.

Macht es Euch stolz, wenn junge Künstler wie Hurts oder The Killers sich auf OMD beziehen?

McCluskey: Auf jeden Fall. Vor allem, wenn man bedenkt, wie es vor 15 Jahren aussah. Damals haben Bands wie Oasis noch behauptet, elektronische Musik sei tot.

Was faszinert die Leute so sehr am Sound der Achtziger?

McCluskey: Wahrscheinlich ist das einfach eine Wellenbewegung. Jede Generation lehnt das ab, was vor ihr da war. Als wir Mitte der 1970er Jahre angefangen haben, wollten wir vor allem das Rock'N'Roll-Monster töten, das die Sechziger und Siebziger beherrscht hatte. So ähnlich ist es jetzt wieder: Es entsteht eine Generation von Bands, die genug hat vom Britpop, der so etwas wie die Wiederauferstehung dieses Monsters war. Echte Musik, Gitarren, Schweiß, Sex & Drugs & Rock'N'Roll - für die neuen Elektronik-Bands sind das bloß langweilige Klischees. Sie wollen intelligente, coole, romantische Musik machen und nicht bloß herumlärmen und allen erzählen, dass sie den größten Schwanz haben.

In welche Richtung werden sich OMD nun entwickeln? Wird es nach History Of Modern noch weitere neue Alben geben?

McCluskey: Wir hatten nie damit gerechnet, dass wir wieder zusammenfinden. Und momentan macht es großen Spaß. Aber auf jeden Fall wird es keinen schnellen Nachfolger für History Of Modern geben. Wir haben uns ganz bewusst viel Zeit gelassen, um ein wirklich gutes Album hinzulegen, und es wäre dumm, danach mit einem Schnellschuss alles wieder kaputt zu machen, der vielleicht nicht so gelungen ist. Aber wenn wir genug gutes Material haben, wird es auch ein nächstes Album geben.

Ihr habt in den vergangenen Jahren jeder für sich weiter Musik gemacht, zum Beispiel Songs für Atomic Kitten geschrieben. Warum gab es trotzdem die Sehnsucht, wieder ein Teil von OMD zu sein?

McCluskey: Ich arbeite einfach viel lieber mit fetten, glatzköpfigen 50-Jährigen zusammen als mit hübschen Teenager-Mädels (lacht).

Humphreys: Es lag einfach in der Luft. Wir wollten wieder OMD sein. Die Frage war eher, ob wir das auch noch können. Und ob irgendjemand uns überhaupt noch haben will. Als wir 2007 wieder die ersten Shows gespielt haben, hatten wir ursprünglich nur 9 Konzerte geplant. Aber die Nachfrage war so groß, dass daraus 40 geworden sind.

Wie sieht Eure Erwartung für History Of Modern aus? Werden OMD auch weitermachen, wenn das Album kein Erfolg wird?

McCluskey: Das Gute ist: Wir haben gar keine Erwartungen. Wir haben das Album nicht für andere Leute gemacht, sondern für uns. So haben wir immer die besten Ergebnisse erzielt und am meisten Erfolg gehabt: Niemand redet uns rein, und wir machen einfach, was wir wollen. Diese Phase unserer Karriere fühlt sich wieder ein bisschen an, als wären wir erst 19. Damals haben sogar unsere besten Freunde unsere Musik für dämlich gehalten, und deshalb haben wir nie damit gerechnet, eines Tages Popstars zu sein. Paul wollte Elektroingenieur werden und ich Archäologe. Aber wir haben's vermasselt.

Orchestral Monoeuvres In The Dark wurden 1978 von Paul Humphreys (Keyboards) und Andy McCluskey (Gesang, Bass, Gitarre) in Liverpool gegründet. Mit ihrem anfangs experimentellen, später sehr eingängigen Elektropop und Hits wie Enola Gay, Locomotion oder Maid Of Orleans wurden OMD eine der erfolgreichsten Bands der 1980er Jahre. 1989 verließ Humphreys die Band, 1996 löste McCluskey OMD auf. Seit 2005 arbeiten sie wieder zusammen. Dem aktuellen Album History Of Modern folgt im November eine Deutschland-Tournee.

Im YouTube-Channel von news.de können Sie das gesamte Interview mit OMD auch als Video sehen: Teil 1, Teil 2 und Teil 3.

roj/news.de

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