Grisham «Das Gesetz» Triefende Klischees

John Grisham (Foto)
Wurde mit Justizgeschichten berühmt: John Grishams jüngstes Buch ist eine Sammlung von Kurzgeschichten. Bild: ap

Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann
Die Kritik an Amerikas Justizsystem ist John Grishams effektivste Waffe. Solche Geschichten locken die Leser. Sein Ausflug ins Kurzgeschichtenfach, den Grisham mit Das Gesetz macht, ist allerdings eine glatte Bruchlandung.

Seine Justizromane sind Bestseller. Fast jährlich erscheint ein neues Buch. Doch gelegentlich wagt es Autor John Grisham, Thema und Genre zu wechseln. So sind etwa Der Coach und die Weihnachtskomödie Das Fest entstanden.

Sein jüngstes Buch Das Gesetz ist ein weiterer Ausflug abseits der gewohnten Linie. Für Grisham-Fans eine Herausforderung, wenn nicht gar gewöhnungsbedürftigt. Das Buch ist eine Sammlung von sieben, etwas zu lang geratenen Kurzgeschichten, die mit dem sonst üblichen Schlagabtausch zwischen Mächtigen und denen, die im System etwas bewegen wollen, herzlich wenig zu tun haben.

Grisham porträtiert Schicksale in der Provinz - genauer gesagt im fiktiven County Ford, angesiedelt im US-Bundesstaat Mississippi. Womit dem Grisham-Kenner klar ist: Das ist die persönliche Note des Autors. In einem Interview hat der bereits verraten: «Ich kenne diese Menschen in Mississippi, das macht das Buch persönlich. Der Humor, der verschrobene Charakter der Kleinstadt-Bewohner, die frustrierten Anwälte, die von einem anderen Leben träumen. Es ist alles Fiktion, aber es basiert auf meinen damaligen Erlebnissen.»

Doch die meisten Charaktere des Buches sind weniger verschroben, denn schlichte Menschen, die die Gesellschaft oft ganz bewusst aus ihren Gedanken verbannt. Es sind die Verlierer, die weniger Intelligenten, diejenigen, denen Erfolg nie beschieden ist. Der rote Faden der kleinen Fische zieht sich durch alle Kurzgeschichten. Nichts an ihnen ist spannend oder besonders.

Denkmal für die Deppen der Nation

Da sind drei Kleinstadt-Kerle, die für einen der ihren, der den Absprung aus dem drögen Landleben geschafft hat und nun im Dienst verletzt wurde, Blut spenden wollen. Also machen sie sich auf in die große Stadt, freilich ohne zu fragen, in welchem Krankenhaus der Bekannte liegt. Schlussendlich landen sie halb besoffen in einem Stripclub, der ihnen einen Besuch hinter schwedischen Gardinen einbringt.

Ein anderer Fall ist der eines erfolglosen Anwalts, der wie viele seiner Zunft auf den großen, Geld bringenden Anruf wartet. Der kommt dann tatsächlich, was ihn dazu veranlasst, seiner ohnehin miesen Ehe ein Ende zu bereiten, seinen Job aufzugeben und sich abzusetzen.

Dieser Blick von unten ist ein spannender Ansatz, er ist ungewöhnlich. Doch Grisham gelingt es nicht, der drögen Kleinstädtigkeit Charme zu verleihen. Stattdessen sieht sich der Leser konfrontiert mit Plattitüden, Satzungetümen und Begriffskonstruktionen, die vor allem Herz vermissen lassen. Eben das, was den Leser für die Charaktere einnimmt. Und statt ein gewisses Mitleid zu empfinden, oder das Interesse für die Lebensumstände zu wecken, bleibt stellenweise ein bitterer Nachgeschmack: der, dass die beschriebenen Menschen bis zum Lächerlichen stilisiert werden, zu unfreiwilligen Deppen der Nation.

Eine Geschichte, die tatsächlich im Gedächtnis bleibt, ist die des aidskranken Adrian, der mit seiner Rückkehr in die Heimatstadt ein Tabu bricht. Die Einwohner zerreißen sich das Maul über einen, der eigentlich nicht mehr will, als einen friedlichen Ort zum Sterben. Von der Familie verstoßen, fristet er seine Tage bei Emporia im Schwarzenviertel. Da sticht der nachdenklich, der wirklich kritische Grisham wieder durch.

Tatsächlich wird der deutsche Titel des Buches seinem Inhalt auf den ersten Blick nicht gerecht. Es geht nicht um das Recht im juristischen Sinn, sondern um das, was die Menschen als gesellschaftliches Gesetz empfinden. Mit dem Originaltitel Fort County - Stories wäre die Sammlung von Kurzgeschichten wesentlich besser gefahren. Dann wäre auch verständlich gewesen, warum die Erzählungen nur so vor Klischees und vorhersehbaren Ereignissen triefen.

Die Überlänge der Geschichten macht es nicht besser. Eine straffere Erzählführung hätte dem kleinstädtischen Denken und den eingefahrenden Gewohnheiten der Bürger mehr Reiz verliehen.

Titel: Das Gesetz
Autor: John Grisham
Verlag: Heyne
Seiten: 383
Preis: 19,99 Euro
Erscheinungstermin: 30. August 2010

oro/news.de

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