Islam und Integration Alice Schwarzer ist der bessere Thilo Sarrazin

Alice Schwarzer (Foto)
Seit 30 Jahren schreibt Alice Schwarzer gegen die Unterdrückung von Frauen im Islam an. Bild: ddp

Von news.de-Redakteur Michael Kraft
Seit Jahrzehnten kämpft Alice Schwarzer gegen die Unterdrückung von Frauen im Islam. Mit ihrem neuen Buch Die große Verschleierung legt sie den Finger auch in die große Wunde Integration. Und zeigt: Wir brauchen dringend eine Moslemanzipation.

Alice Schwarzer ist schon so oft angeeckt, dass sie eigentlich eine Stoßstange bräuchte. Deutschlands Vorzeige-Feministin weiß auch sehr genau, wie man einen Skandal inszeniert. Vor knapp 30 Jahren brachte sie Frauen mit dem Bekenntnis «Wir haben abgetrieben» auf die Titelseite des Stern, wodurch die Debatte um das Recht auf Schwangerschaftsabbruch noch emotionaler wurde. Sieben Jahre später verklagte sie eben jenes Magazin wegen sexistischer Titelbilder. Mit Verona Feldbusch, deren Selbstvermarktung sie als «Ohrfeige für alle Frauen» betrachtet, stritt sie sich im Fernsehen. Und im Jahr 2007 ließ sie sich von Bild für eine Werbekampagne einspannen, was einen Aufschrei im linken Lager zur Folge hatte.

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Nun wandelt Alice Schwarzer, auch wenn ihr dieser Vergleich nicht lieb sein wird, auf den Spuren von Thilo Sarrazin. Im morgen erscheinenden Sammelband Die Große Verschleierung, der von Alice Schwarzer herausgegeben wird, plädiert sie laut Untertitel zwar Für Integration, gegen Islamismus. Doch nach der Lektüre ist klar: Alice Schwarzer stellt hier nichts weniger als die Frage, ob Moslems überhaupt in unsere Gesellschaft passen. In der aktuellen Debatte um Integration ist das sozialer Sprengstoff. Man kann schon jetzt davon ausgehen, dass Alice Schwarzer wegen dieses Buches als Rassistin, Neonazi oder geistige Brandstifterin angefeindet werden wird. Schwarzer kalkuliert diesen Skandal ein. Und sie nimmt in Die große Verschleierung kein Blatt vor den Mund.

Schon im Vorwort beklagt sie, dass in Deutschland jahrelang ein «falscher Dialog» geführt worden sei und eine «falsche Toleranz» geherrscht habe. Sie beobachtet eine schleichende «Schariaisierung des deutschen Rechtsstaats». Dann wird sie noch deutlicher: «Die Islamisten haben nie einen Hehl aus ihren Absichten gemacht. So wenig wie einst die Nationalsozialisten. Auch in Mein Kampf stand ja schon alles drin.»

Schwarzers Kernforderung lautet: «Wir dürfen unsere Augen nicht länger verschließen vor dem doppelten Zwei-Klassen-System: dem zwischen Deutschen und Zugezogenen einerseits - und dem zwischen Männern und Frauen innerhalb der Einwanderergemeinschaft andererseits.» Dahinter steckt der Vorwurf: Im Islam werden Frauen systematisch unterdrückt. Kopftuch, BurkaDie Burka ist ein Ganzkörperschleier, der von muslimischen Frauen getragen wird. Die Burka bedeckt den gesamten Körper, nur für die Augen gibt es einen kleinen Schlitz. In einigen europäischen Ländern, beispielsweise in Belgien und Frankreich, ist das Tragen der Burka verboten, weil darin ein Symbol der Unterdrückung von Frauen gesehen wird. oder NiqabDer Niqab ist ein Gesichtsschleier, der vor allem auf der Arabischen Halbinsel verbreitet ist. Er bedeckt zumindest Kinn, Mund und Nase; mitunter sind auch nur noch die Augen zu sehen. sind dafür nur die vordergründigen Symbole. Das Grundproblem ist, dass sich eine Verwirklichung der Menschenrechte nach westlichen Vorstellungen nur schwer mit dem vereinbaren lässt, was in Moscheen weltweit gepredigt wird.

Schwarzer weiß gut, dass viele Islam-Befürworter diese Argumentation für arg pauschal halten werden. Doch man muss ihr zugute halten, dass sie in ihrem Buch, das 30 Beiträge enthält, von denen Schwarzer ein Drittel selbst geschrieben hat, sehr genau differenziert. Immer wieder betont sie: Ihr geht es nicht um den Islam als Religion, sondern um den Islamismus als politische Strategie. Es geht nicht um Glaube, sondern um Macht. Es gibt viele Moslems, die sich von den radikalen Vertretern ihrer Religion nicht repräsentiert fühlen, gerade in Deutschland. Die «wahre Linie» verlaufe «keineswegs zwischen Türken und Deutschen, sondern zwischen DemokratInnen und DemagogInnen».

Schon 1979 hatte Alice Schwarzer betont, der Westen sei arrogant, wenn er alles Islamische als mittelalterlich abtun wolle. «Es ist nicht alles schlecht, was islamisch ist. So einfach ist das nicht», lautete ihr Fazit nach einem dreitägigen Besuch im Iran kurz nach der islamischen Revolution. Das ist, neben dem Bemühen um Differenzierung, die zweite Stärke des Buches: Schwarzer kann durchaus als Expertin für das Thema angesehen werden. Schon 2002 hatte sie sich in Die Gotteskrieger und die falsche Toleranz mit der islamistischen Gefahr befasst. Die große Verschleierung versammelt nun in erster Linie Beiträge, die bereits in Emma erschienen sind. Das führt ebenfalls vor Augen, wie ausdauernd sich Schwarzer mit der Problematik beschäftigt hat, hat aber auch ein paar lästige Dopplungen zur Folge..

Der Mann steht über der Frau, und Gott über dem Staat

Das Buch hat weitere Schwächen. Schwarzer und die anderen Autorinnen können es nicht lassen, gleich noch gegen andere Probleme zu polemisieren: Abtreibung, EU-Osterweiterung, die deutsche Strategie in Afghanistan, der Paternalismus der Linken, die seltsame Neigung der Deutschen, sich selbst zu verneinen - all das wird hier ebenfalls kurz angerissen.

Größter Knackpunkt an Die große Verschleierung ist aber: Die Trennung zwischen Islam und Islamismus, auf die Schwarzer so sehr pocht, funktioniert nicht. Schon ihre eigene Argumentation macht deutlich: Im Islam steht - in Theorie und Praxis - der Mann über der Frau, und Gott über dem Staat. Beides lässt sich nicht vereinbaren mit unserer Grundordnung, die von der Gleichheit aller Menschen und der Trennung von Staat und Kirche ausgeht.

Besonders eindrucksvoll weist Rita Breuer im Buch in ihrem Aufsatz Mitten in Europa auf dieses Dilemma hin. Wer als Moslem in Deutschland etwa «die Scharia umfassend befolgt, wird kaum Berührungspunkte mit der einheimischen Gesellschaft haben», schreibt sie. Ein solcher Glaube sei unvereinbar mit zentralen Werten unserer Kultur und unserer Gesellschaft, etwa Gleichberechtigung, Toleranz oder dem Gewaltmonopol des Staates. «Auch wenn es wehtut: Hier zeigt sich, dass es mit der typischen Unterscheidung zwischen Islam als Religion und Islamismus als politischer, extremistischer Ideologie nicht so einfach ist.»

Gerade deshalb ist Die große Verschleierung eine so lohnende Lektüre: Eine diffuse Angst vor dem Islam hatte auch Sarrazin mit seinem Buch Deutschland schafft sich ab verbreitet. Doch bei ihm fußt sie auf der absurden These, Moslems seien kulturell, intellektuell und gar genetisch zurückgeblieben sowie auf der reichlich weit hergeholten Perspektive von einer Überfremdung in Deutschland durch die höhere Geburtenrate von Migranten.

Alice Schwarzer verspürt offensichtlich ein ähnliches Unbehagen. Doch sie hat bessere Gründe dafür. Mit welchen Strategien hier an Grundfesten unserer Werteordnung gerüttelt wird, welche Versäumnisse es bei der Integration von Moslems und im Kampf gegen Islamismus gibt, wie menschenunwürdig das Leben für manche Muslima auch mitten in Deutschland ist - das führt ihr Buch überaus klar und fundiert vor Augen. Und es pocht darauf, nicht mit zu weit gehender Toleranz zu reagieren, sondern über die Angst vorm Islam zu reden. Und das gilt nicht nur für Frauen.

Herausgeberin: Alice Schwarzer
Titel: Die große Verschleierung. Für Integration. Gegen Islamismus.
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Umfang: 272 Seiten
Preis: 9,95 Euro
Erscheinung: 23. September 2010

juz/news.de

Leserkommentare (67) Jetzt Artikel kommentieren
  • Ramona Engel
  • Kommentar 67
  • 31.03.2013 03:10

Alice Schwarzer hat dem frauenfeindlichen Islam in dreierlei Hinsicht gedient: Sie hat alles Männliche bekämpft - auch das Männliche, das zum Schutz und der Integrität unserer Gesellschaft beigetragen hätte Sie hat mit ihrem Ansinnnen, die Abtreibung zu legalisieren, zu (geschätztt) 8 Mio. Abtreibungen beigetragen, damit zum unrevidierbaren Bevölkerungsschwund Sie gehört einer Generation an, die die Familie, die Ehe, das Mutter-Dasein, aber auch das Christsein in unserer Gesellschaft erbittert bekämpft und ausgehölt hat. In dieses Vakuum stößt nun der Islam Frau Schwarzer "beklagt" sich...

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  • Widukind
  • Kommentar 66
  • 22.08.2011 21:47
Antwort auf Kommentar 50

Wir bauen keine "Feindbild auf", wenn wir eine Situation beschreiben oder einen Lagebericht abgeben. Eine Beschönigung gibt es auch schon deshalb nicht, weil das Verneinen der freiheitlich demokratischen Grundordnung durch die religiös motivierten Institutionen der zugewanderten Fachkräften schlichtweg als verfassungsfeindlich definiert ist.

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  • nepomuk
  • Kommentar 65
  • 15.12.2010 09:50

Wo soll den Kommentar 49 bitte so toll sein? Fällt denn niemandem auf, dass alle überall - in Zeitungen, im Fernsehen, Radio, in den Diskussionen, Debatten, Kommentaren - ja überall nur Kopftücher vom Kopf reißen wollen? Fällt euch denn garnicht auf auf welchem Kurs wir uns derzeit befinden? Fällt euch nicht auf, dass viele eurer Argumente ja richtig sein mögen, aber für eine Hetzkampagne wie zu Hitlers Zeit missbraucht werden? Frau Schwarzer war damnals schon eine Mitläuferin und ist es auch heute! Wo bitte eckt sie denn an? Sie bläst doch in jeder Zeit immer in das Horn des Medientrends?!!

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