Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen
Neues vom Kult-Kommissär aus Basel: ein havariertes Hausboot auf dem Rhein. Ein Theaterskandal. Und ein paar alte Rechnungen. Hansjörg Schneiders Hunkeler-Bücher haben eine große Fangemeinde. Jetzt liegt der achte Kriminalroman vor.
Der Basler Schriftsteller Hansjörg Schneider ist als Krimiautor ein Geheimtipp, seit er 1993 seinen ersten Kriminalroman um den Kommissär Peter Hunkeler veröffentlichte. Seine Bücher erreichen zwar keine so hohen Auflagen wie die seiner schwedischen Kollegen, aber sie sind auf hohem Niveau geschrieben, mit gesellschaftlich-hintergründigem Witz und immer auch mit einer subtilen Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen angereichert, besonders denen in Basel und in der Schweiz.
Nun liegt der achte Krimi vor: Hunkeler und die Augen des Ödipus. Darin steht Hunkeler kurz vor der Pensionierung und wünscht sich zum Abschied vom Berufsleben nur eines: keinen großen Abgang. Lieber lässt sich der alte Herr treiben – im Rhein, in der Poesie des Alltags und in der Literatur, er liest Hölderlins Gesamtwerk, darunter auch seine Übersetzung von Sophokles’ König Ödipus. Als Jungspund war Hunkeler beim Basler Theater. Das Regietheater heutzutage krankt nicht an den abstrusen Einfällen, sondern daran, dass diese niemand mehr versteht, denkt der Kommissär. Und daran, dass auf der Bühne die echten Typen fehlen – wie im richtigen Leben. Zu viel Theorie, daran soll wohl der Leser denken.
Wie es der Zufall will, verschlägt es Hunkeler bei seinem letzten Fall ins Theatermilieu. Denn Theaterdirektor Bernhard Vetter ist spurlos verschwunden und sein Hausboot wird herrenlos beim Stauwehr im deutschen Märkt aufgefunden - dies nur wenige Tage nach einer umstrittenen «Oedipus«-Aufführung in Basel. Die Inszenierung des jungen Regisseurs Stephan Hulsch löste im Publikum tumultartige Szenen aus. Nach Ende der Aufführung kam es zu Handgreiflichkeiten: Eine Dame hat Hulsch mit ihrem Granatring gar zwei Zähne ausgeschlagen. Tage später wird Vetter gefunden - mit ausgestochenen Augen. Hunkeler wird bei der Polizei zwar verabschiedet, aber er recherchiert weiter.
Es macht einfach Spaß, sich mit dem Kommissär auf den Weg zur Auflösung des Verbrechens zu machen. Er kennt in Basel Gott und die Welt und seine sozialen Kontakte machen vor Klassenschranken und sozialen Milieus nicht Halt. Er verkehrt mit Schriftstellern, Künstlern und Theaterleuten, Lebenskünstlern, halbseidenen Figuren an der Grenze zur Unterwelt. Er trifft sie auf der Straße, in Cafés, vor allem aber abends und nachts in den alten Basler Beizen, die vom Aussterben bedroht sind, und denen Schneider in seinen Büchern nebenbei ein Denkmal setzt.
Auch den Baslern setzt der Schriftsteller ein Denkmal. Denn man hat den Eindruck, dass jede der im Roman auftauchenden Figuren Ebenbilder hat in der Realität und Vergangenheit der Schweizer Stadt, in der Schneider nun selbst seit Jahrzehnten schwimmt, so wie sein Kommissär im Rhein.
So viel sei verraten: Hunkeler löst den Fall. Und dabei hilft ihm wieder einmal seine Gabe, sich gut in Menschen hineinversetzen zu können. Er hat eben dieses gewisse «Gespüri». Und so viel ist sicher: Schneiders Fangemeinde wird auch den neuen Hunkeler mit Begeisterung verschlingen. Aber am Ende werden sich die Leser bange fragen: War's das jetzt? Hunkeler tut sich schwer mit seinem Rentnerdasein, die Leser wohl auch. Bleibt zu hoffen, dass der Autor einen Dreh findet, um den Basler Kommissär weiter ermitteln zu lassen.
Titel: Hunkeler und die Augen des Oedipus
Autor: Hansjörg Schneider
Verlag: Diogenes
Seiten: 232
Preis: 19,90 Euro
Erscheinungstermin: September 2010