Von news.de-Mitarbeiterin Denise Peikert
Im Oktober gibt es die Artikel des Tages bei Wikipedia auch als Audioversion: Die Enzyklopädie vertont zusammen mit der Zentralbücherei für Blinde das Wissen. Bibo-Direktor Thomas Kahlisch spricht mit news.de darüber, warum Barrierefreiheit im Web kein Sonderweg für blinde Menschen ist.
Blechern tönt es aus den Lautsprechern. «Auf der Forbesliste war Merkel vier Jahre in Folge 2006 bis 2009 die mächtigste Frau der Welt. Eins.» Die Stimme kommt von der Plattform Pediaphone. Sie ist synthetisch und kann jeden beliebigen Artikel aus der Wikipedia vorlesen. Die «eins» hinter dem Satz über die Bundeskanzlerin und CDU-Chefin ist eine Fußnote, mit der der Computer nichts anfangen kann. Er liest einfach die Ziffer vor. Auch mit Geburtsdaten und Kapitelüberschriften hat er zuweilen Probleme.
Die 408 Artikel, die derzeit bei dem Projekt Gesprochene Wikipedia abgerufen werden können, kommen damit besser zurecht. Sie wurden wie die geschriebenen Texte von freien Autoren der Wikipedia erstellt. Die Aufnahmen sind gut zu verstehen, aber manchmal ist im Hintergrund Straßenlärm oder Kindergeschrei zu hören. Im Oktober wird es jeden Tag einen professionell eingesprochenen Wikipedia-Text geben. Die Deutsche Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig (DZB) erstellt Audioversionen des jeweiligen Artikels des Tages. Mit professionellen Sprechern wie Günter Schoßböck, der auch aus Fernseheserien wie Polizeiruf 110 und In aller Freundschaft bekannt ist.
Computer können keine Tabellen vorlesen
Trotz der vollautomatischen Sprachplattform Pediaphone lohnt sich laut Thomas Kalisch der Aufwand. «Sie werden schnell merken, worin der Unterschied zwischen einem Menschen und einer Maschine besteht», sagt der Direktor der DZB. «Sprachsyntheseprogramme wie bei Pediaphone sind nicht in der Lage, eine mathematische Formel, eine Bildbeschreibung oder eine Tabelle mal eben so schnell zu übernehmen.»
Schwierig wird es für den PC schon bei einer einfachen Tabelle, die anzeigt, wie viele männliche und weibliche Personen es in einem Jahr gegeben hat, wie dieser hier:
| Jahr | Weibliche Personen | Männliche Personen |
| 2009 | 55 | 49 |
Der Computer würde zunächst den Tabellenkopf hintereinander vorlesen und dann mit den einzelnen Zeilen anfangen: «2009 55 49» hieße die Zahlenkolonne im Beispiel, die der Hörer spätestens bei der fünften Zeile nicht mehr verarbeiten könnte. «Ein menschlicher Sprecher kann einen Sinnzusammenhang herstellen», sagt Thomas Kahlisch. Er würde die Zeile der Tabelle so auslesen: «Im Jahr 2009 gab es 55 weibliche und 49 männliche Personen.»
Gerade bei wissenschaftlichen Texten wie denen auf der Wikipedia arbeiten die Autoren viel mit Tabellen oder sie müssen ebenso schwer auszulesende Formeln verwenden. Das Unternehmen Wikimedia unterstützt in Deutschland die Wikipedia-Angebote und will sich nach eigener Aussage stärker für die Barrierefreiheit des Lexikons einsetzen. «Wir erreichen neben den blinden und sehbehinderten Menschen damit auch Nutzer, die einfach Lust auf Hörversionen haben», sagt Wikimedia-Geschäftsführer Pavel Richter.
«Barrierefreies Internet nützt allen»
Grundsätzlich können blinde Menschen auch Standardtechnologie- und Standardwebseiten im Netz nutzen. Möglich ist das durch einen sogenannten Screenreader, der alles vorliest, was auf dem Computerbildschirm dargestellt wird – auch, wenn sich irgendwo ein Löschen-Button befindet. Voraussetzung dafür, dass das Programm einwandfrei funktioniert, ist das sogenannte barrierefreie Webdesign. «Grundsätzlich wollen wir nicht, dass man für uns Hintereingänge, Sonderwege oder besondere Textoberflächen einbaut,» erklärt Blindenbibliotheks-Chef Kahlisch. «Das hat man vor zehn Jahren so gemacht. Heutzutage kann ein gutes Webdesign auch automatisch barrierefrei sein», sagt er und nennt die wichtigsten Faktoren für eine barrierefreie Webseite.
• klare Struktur für die Webseite finden, die für jedermann verständlich ist
• gültige HTML-Befehle benutzen
• bei der Programmierung auf richtige Darstellung in möglichst vielen verschiedenen Browsern achten
• Grafiken, Bilder und aktive Schaltflächen (z.B. Buttons wie «Löschen» oder «Absenden») per Alt-Tagein alternativer, umschreibender Text für optische Elemente wie ein Bild
beschriften, sodass sie von Screenreadern ausgelesen werden können
Kahlisch arbeitet täglich am PC. Wie viele Webseiten besucht er, mit denen er vollständig zufrieden ist? «Das sind die allerwenigsten», sagt er. «Aber ich erwarte auch keine vollste Zufriedenheit.» Er sei schon froh, wenn Seitenbetreiber bereits sind, Dinge zu verbessern. «Besonders ärgerlich ist es, wenn Behördenwebseiten nicht klar strukturiert sind», sagt er. Bei Shoppingwebseiten klappe das schon besser. Die seien schon für Sehende übersichtlich aufgebaut, damit das Einkaufen für jedermann möglichst reibungslos funktioniert. «Barrierefreies Internet nützt also allen», sagt Kahlisch.
Und so sind die gesprochenen Artikel des Tages bei der Wikipedia zwar freilich besonders schön für blinde oder sehbehinderte Menschen. Aber auch Interessierte, die keine Behinderung haben, können davon profitieren. Beim Joggen zum Beispiel, mit dem Wissen im Ohr.
naf/news.de