Mi., 22.05.13

Cornelia Funke Märchen des Grauens

Reckless (Foto)
Mit Spannung erwartet: Cornelia Funkes neues Buch Reckless. Bild: Dressler

Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann
Wer wünscht sich nicht manchmal, dem Alltag mit der Flucht in eine spannende Spiegelwelt zu entfliehen. Ein Schritt, den Cornelia Funke mit ihrem aktuellen Buch Reckless - Steinernes Fleisch vollzieht. Aber nicht, ohne der anderen Welt ihren Zauber zu nehmen.

Reckless - mit diesem Begriff buhlt Cornelia Funke derzeit um die Gunst junger und älterer Leser. Reckless - das ist mehr als der Nachname der jüngsten Hauptfigur aus dem Funke-Universum. Der englische Begriff ist Programm, steht er doch im Deutschen für Adjektive wie «sorglos», «unbekümmert», «waghalsig».

Damit charakterisiert die gebürtige Hamburgerin, die ihre Wahlheimat in Los Angeles gefunden hat, nicht nur Hauptfigur Jacob. Der Titel steht auch für ihren Umgang mit dem Stoff.

Dabei ist die Geschichte nicht allein aus den Ideen Funkes entstanden. Auf dem Buchumschlag mag es nicht stehen. Doch im Buch selbst ist er erwähnt, der Name des zweiten Kopfes, der über Figuren und Stil der Geschichte mitentschieden hat: Lionel Wigram. Bei diesem Namen dürften nicht nur Fans der Harry-Potter-Filme aufhorchen. Fest aber steht: Wigrams Stil hat nicht unerheblich abgefärbt.

Zwar wies bereits die Tintenherz-Trilogie eine gewisse Düsternis auf. Doch in Reckless - Steinerndes Fleisch ist dieser Einschlag einen Zacken schärfer ausgeprägt. Manche Geschichte, die fantasievoll die jungen Jahre der Leserschaft geprägt haben dürfte, wird hier ins Gegenteil verkehrt.

Brüder Grimm als Ideenquelle

Schon der Blick auf die erste Kapitel-Überschrift lässt erahnen: Cornelia Funke schreitet in ihrem neuen Buch auf märchenhaften Pfaden. Und spätestens mit der Vorstellung der Hauptfiguren Jacob und Will ist klar, wo sich die Autorin ausgiebig bedient hat: bei den Brüdern Grimm.

Bei Funke allerdings scheinen sich die moralisch-belehrenden Geschichten für ihre Verklärung rächen zu wollen: Die Grenzen zwischen den guten und bösen Märchenfiguren, der realen und fiktionalen Welt verwischen, märchenhafte Illusionen werden entzaubert.

Jacob und Will leben in keiner glücklichen Familie. Der Vater ist auf Nimmerwiedersehen verschwunden, die Mutter geht daran praktisch zugrunde. Doch Jacob kann das nicht hinnehmen. Im unverändert gelassenen Arbeitszimmer des Vaters geht er auf Spurensuche. Ein Spiegel eröffnet ihm den Weg. Doch der Wunsch, die Welt dahinter für sich allein zu behalten, verleitet den Jungen zu einem verhängnisvollen Fehler.

Der ist es auch, der die Flucht aus der Realität jäh beendet, als Jacobs Bruder in der Märchenwelt versteinert. Zu einer Kreatur aus Jade, die eine Kindergeschichte aus der Welt hinter dem Spiegel real werden lässt. Während Jacob zur Rettung schreitet und Cornelia Funke ihn dafür sterben lässt, wird die Vermischung beider Welten immer deutlicher.

Das Buch steht für die Suche nach einem Leben, das seine Protagonisten aus der Traurigkeit ihres Alltags entführt. Das aus einem Jungen einen Schatzjäger macht, der eigentlich nur einen Schatz will: väterliche Liebe.

Viel Zeit nimmt sich Funke dafür, die zentralen Charaktere einzuführen, ihre Persönlichkeit deutlich zu machen. Nicht zuletzt deshalb ziehen sich zwei rote Fäden auffallend stark durch das Buch: Die äußerst bildhaft-detailreichen Beschreibungen, mit denen sie Ereignisse und Personen inszeniert, und der massive Einsatz von Schätzen und Figuren aus Märchen, Sagen und Legenden - weit über die Sammlung der Grimms hinaus - von denen die meisten deutschen Kinder und Erwachsenen auf jeden Fall gehört haben.

Da findet die Loreley genauso ihren Platz wie der Knüppelausdemsack, Rapunzels goldenes Haar, des Froschkönigs goldener Ball oder Dornröschens verwunschenes Schloss. Wie oft ist der Wunsch in Kindertagen erwachsen, die Macht dieser Gegenstände und Schauplätze für sich nutzen zu können.

Kleine Horrortripps für die Leser

Cornelia Funke hat keine Hemmungen, genau das zu tun. Mehr noch: Sie reizt die latente Gruseligkeit der Märchenwelt aus und schickt den Leser auf kleine Horrortripps. Und selbst, wenn sich viele der schillernden Märchengegenstände als nützliche Objekte für den Protagonisten erweisen: Die Autorin vergisst nie, eine Kehrseite der Medaille zu präsentieren.

In Reckless hat der Prinz Dornröschen nie wachgeküsst, stattdessen liegt dieses Wesen im 200-jährigen Schlaf inmitten von mit Rosenranken überwucherten Toten. Der goldene Ball ist kein Spielzeug, sondern eine ziemlich gemeine Falle. Und die sonst so zauberhaften Feen erweisen sich als intrigante Sippschaft. Es sind nicht mehr die Märchen, die eine zauberhafte Macht ausstrahlen. Die Figuren haben die Macht ergriffen, während unterirdische Wesen die Oberhand gewinnen.

Statt auf eindrucksvolle, fesselnde Dramaturgie zu setzen, konzentriert sich die Autorin auf den inneren Widerstreit, der unvermeidlich ist, wenn sich Menschen in scheinbar ausweglosen Situationen für eine Weg entscheiden müssen - obwohl keine Option wirklich erfolgversprechend erscheint. Freilich immer unter Zeitdruck, damit der Leser gespannt ist auf den Ausgang der Geschichte.

Fraglich bleibt letztlich aber der Rahmen, in dem Funke ihre Geschichte spinnt: Sich dermaßen überschwänglich bei bereits vorhandenen Figuren anderer Geschichten zu bedienen und diese anders zu inszenieren, erscheint wenig kreativ. Doch die Vorgehensweise lässt sich durchaus plausibel begründen: Reckless - Steinernes Fleisch ist der Kampf der Märchen um ihre Daseinsberechtigung in einer modernen Welt, die sich immer weniger auf ihre Fantasie besinnt.

Titel: Reckless
Autorin: Cornelia Funke
Verlag: Dressler
Seitenzahl: 346
Preis: 19,95 Euro
Erscheinungstermin: 14. September 2010

car/reu/news.de

Leserkommentare (1) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • qwert
  • Kommentar 1
  • 15.09.2010 18:05
 

Ohne Phantasie ist die Welt ein Irrtum. Nur wer träumt, lebt wirklich.

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