Durchgehört Kompromisslos bis ins hohe Alter

Die schwedische Band Junip macht endlich das, was ihr Frontmann José González allein schon hinter sich hat: durchstarten. Erdmöbel, eine Band aus Münster, zeigt, wie kluger Pop klingen kann. Und die britische Techno-Band Underworld ist auch nach 30 Jahren noch laut.

Eigentlich ist es ja so: Erst kommt der Erfolg als Band, danach versucht sich der Sänger allein. Bei der Band Junip aber war es genau andersrum. Weil Gitarrist und Sänger José González zwischenzeitlich mit der Single Heartbeats und zwei Solo-Alben überraschende Welthits feiern konnte, wurde das Bandprojekt noch vor dem ersten Album wieder auf Eis gelegt. Etwa zwölf Jahre hat es gedauert, bis die Band jetzt etwas spät doch noch ihr Debüt feiert. Das schwedische Trio setzt sich zusammen aus Tobias Winterkorn (Keyboards), Elias Araya (Drums) und dem verloren gegangenen José González (Gitarre und Gesang). Fields führt warme Folkpop-Melancholie und kühle Krautrock-Melodik zusammen, wie man es selten zu hören bekommt. Über Rhythmus und Elektro-Loops thront die melodische Stimme von González.

Die 2005 veröffentlichte EP Black Refuge war eigentlich als Vorbote für ein komplettes Album gedacht, sorgte dann aber ungewollt für das frühzeitige Ende der Band: Der mit zarter Gitarre unterlegte Folksong Heartbeats begleitete den Werbespot für ein Fernsehgerät. Drei Jahre war González, der Kopf der Band, daraufhin solo unterwegs. Irgendwann langweilte ihn das und die drei Freunde nahmen in Göteborg den fast schon verlorenen Faden wieder auf. Und auch wenn der Sänger der Band mittlerweile eine große Fangemeinde hat, sagt González bescheiden: «Junip ist nicht meine Band, sondern ich bin nur ein Teil davon». Bei einer großen Tournee durch Europa, die USA und Australien von diesem Spätsommer an wollen Junip nach den langen Jahren in der Warteschleife doch noch durchstarten und vielleicht sogar aus dem Schatten ihres erfolgreichen Frontmanns treten. Zu wünschen wäre es dem Trio.

Den kompletten Album-Stream für Junips Fields gibt es hier.

Interpret: Junip
Album: Fields
Plattenfirma: City Slang (Universal)
Veröffentlichung: 10. September 2010

Deutsche Musik ist dieser Tage ja schwer angesagt: Wir sind Helden haben sich in den letzten Tagen mit einem neuen Album zurückgemeldet, genauso die Band Juli. Beide Bands sind erwachsener geworden, spielen mit der deutschen Sprache, erzählen Geschichten die jeder versteht und kleiden sie in Musik die vielen gefällt. Die westfälische Band Erdmöbel wird es deshalb nicht leicht haben, im deutschen Popmusik-Zirkus erfolgreich mitzumischen. Und das, obwohl sie den Erfolg mindestens genau so verdient haben. Dass Krokus das mittlerweile achte Album ist, das die Band abliefert, zeigt auch, dass die Band trotz geringem Erfolg an ihre Musik zu glauben scheint. Und das ist gut so: Wie dehnbar das Verständnis von Indie-Pop sein kann, führt die 1995 gegründete Band mit ihrem aktuellen Album Krokus vor. Da werden Bossa-Nova-Rhythmen reaktiviert, andernorts zarte Klavierlinien gekonnt in den Vordergrund gerückt und über allem die singende Erzähler-Stimme von Frontmann Markus Berges. Geschnippst wird auch, gegroovt sowieso und hin und wieder gibt es Posaunenchöre, die die klugen Texte der Band zeitlos machen. Mit der Erdmöbel-Poesie ist es ohnehin so eine Sache. Da werden Worte erfunden und aneinandergereiht, nur um Alltagsgeschichten zu erzählen, wie man sie in der Form noch nicht gehört hat. Mutig ist das, was Erdmöbel hier wagen. Deutschen Edel-Pop von dieser Sorte gibt es ohnehin zu wenig.

Interpret: Erdmöbel
Album: Krokus
Plattenfirma: Content Records
Veröffentlichung: 17. September 2010

Seit mehr als zwei Jahrzehnten ist die britische Electro-Band Underworld schon im Musikbusiness unterwegs und will ihre Hörer immer noch überraschen. Für ein paar der neun Tracks auf ihrem neuen Album Barking haben sich Karl Hyde und Rick Smith mit Vorzeigekünstlern aus den verschiedensten Genres der Musikwelt zusammengetan. Nach so langer Zeit im Musikbusiness darf man das als Künstler schon mal tun. Drei Jahre nach der Veröffentlichung ihres letzten Albums sind auf Barking Kollaborationen mit Szenegrößen wie dem Drum'n'Bass-Pionier High Contrast oder dem Trance-Gott Paul van Dyk entstanden. Kompromisslos mischt das alteingesessene Duo Hyde & Smith die Elemente der Co-Producer mit seinem eigenen unverkennbaren Sound. Underworld-Fans wird der neue Sounds zunächst sicher überraschen. Die Songs des Albums bilden eine homogene Einheit, klingen manchmal weniger nach Techno, dafür mehr nach hymnenhaftem Pop. Das zu erreichen, war sicher nicht einfach, bei den verschiedenen Künstlern, die am Album mitgewirkt haben. Befreit von jeglichem Zwang spiegeln Underworld mit Barking das Schaffen ihrer Karriere wider und schaffen es darüber hinaus, sich weiterzuentwickeln. Dank der guten Auswahl an Kollaborateuren kann die Band davon ausgehen, nicht nur der geneigte Underworld-Fan, sondern auch den Liebhaber anspruchsvoller elektronischer Musik auf dieses Album aufmerksam zu machen. Und dass die Band nicht jeden aktuellen Trend mitmacht, verzeiht man den alten Haudegen gern. Man macht eben das, was man am besten kann.

Interpret: Underworld
Album: Barking
Plattenfirma: Universal Music Domestic Rock/Urban
Veröffentlichung: 10. September 2010

Wer das siebte Studioalbum von Edwyn Collins verstehen will, muss bis ins Jahr 2005 zurückgehen: Zwei Schlaganfälle trafen den schottischen Indie-Songwriter innerhalb von wenigen Tagen. Sechs Monate lag Collins im Krankenhaus. Er konnte weder sprechen, noch lesen oder schreiben - vom Singen und Songschreiben ganz abgesehen. Die Rehabilitation dauerte Jahre - und das Album Loosing Sleep spiegelt diese Wiedergeburt wider. So wichtig wie ihm die Musik offenbar in der Genesung ist, so kraftvoll legt er in Loosing Sleep los. Der Indie-Pop, der sich Anleihen aus Beat, Soul und Surfrock sucht, startet ruhiger und dreckiger als auf früherer Werken des Schotten, der mit A Girl Like You 1994 zu Weltruhm gelangte. Auf früheren Alben spielte Collins alle Instrumente selbst ein - das kann er seit seinem Schlaganfall nicht mehr. Dafür hat er sich Verstärkung geholt: Mitglieder von Franz Ferdinand oder The Drums sind beteiligt - beim Gesang, aber auch bei einigen Gitarren-Riffs. Manchmal biegt eine Surf-Gitarre um die Ecke, ein anderes Mal kommt ein Tamborin aus der Versenkung. Auch die Texte reflektieren die schwierigen Jahre; sie sind nicht mehr so süffisant wie auf den Vorgängern. Aber Loosing Sleep ist ein einziges Kraftwerk des Musikers: lebensfroh und temporeich. Wer einen Beweis braucht, dass ein Mensch erst nach harten Schicksalsschlägen das Leben so richtig schätzten lernt, sollte in das Album reinhören.

Interpret: Edwyn Collins
Album: Loosing Sleep
Plattenfirma: Cooperative Music (Universal)
Veröffentlichung: 17. September 2010
 

roj/jag/ruk/news.de/dpa

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