Berlin-Festival Fast ein Abbruch und doch ein Erfolg

Berlin Festival (Foto)
Mehr als 20.00 Musikfans kamen zum Berlin Festival. Bild: Berlin Festival/Geert Schäfer

Von den news.de-Redakteuren Ines Weißbach und Michael Kraft, Berlin
Die Gefahr einer Massenpanik überschattete das zweite Berlin-Festival. Aus Sicherheitsgründen wurde das Programm verkürzt. Trotzdem gab es am Flughafen Tempelhof viel Spaß - und diesmal sogar echte Festival-Atmosphäre.

Wenn es spätabends überall nach Urin riecht, wenn Schnapsleichen dort liegen, wo vor ein paar Jahren noch Urlaubsträume wahr wurden und wenn die Erinnerung an eine Katastrophe eine wichtige Rolle spielt, dann sind das nur selten Indizien für eine erfolgreiche Veranstaltung. Beim Berlin-Festival war das aber so.

Die Hauptstadt bewies an diesem Wochenende eindrucksvoll, dass sie auch Festival kann. War das Berlin-Festival bei seinem Debüt im Vorjahr noch als etwas klinisch wahrgenommen worden, gab es diesmal kaum noch Spuren von Retorte. Dazu trugen nicht nur die mehr als 20.000 Besucher bei, sondern auch die sehr stimmige Integration ins Programm das Popkomm samt der damit einhergehenden iPhone-, Twitter«Twitter» (www.twitter.com) ist eines der am schnellsten wachsenden sozialen Netzwerke, mit dem sich Nachrichten von 140 Zeichen veröffentlichen lassen. «Twitter» kommt aus dem Englischen und bedeutet Gezwitscher. Die Nachrichten («Tweets») können abonniert und beantwortet werden. So entsteht ein weltweites Geflecht aus Botschaften. und Coolnessfülle im Publikum.

Rock in Tempelhof
Die besten Bands beim Berlin-Festival
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Das leicht veränderte Gelände am ehemaligen Flughafen Tempelhof inklusive einer zusätzlichen dritten Bühne, das gelungene Programm mit nach wie vor relevanten alten Helden (Edwyn Collins, Gang Of Four, Wedding Present), den heißesten aktuellen Acts (Hot Chip, Robyn, We Have Band) und ein wenig Lokalkolorit (die Wahl-Berliner Peaches und Gonzalez) sowie das wunderbare Wetter: All das sorgte für echte Festival-Atmosphäre.

Trotzdem ist am Flughafen Tempelhof noch Luft nach oben: Es gab beispielsweise deutlich zu wenige Toiletten. Auch die Wege zwischen den beiden Nebenbühnen in den Hangars 4 und 5 hätten kürzer sein können. Und dann war da ja noch das Sicherheitsproblem: Das Konzert von 2ManyDJs wurde am späten Freitagabend vorzeitig abgebrochen, weil zu viele Besucher in Richtung der Bühne strömten, nachdem das Programm auf der Hauptbühne beendet war. Vor den Einlassschleusen am Hangar 4 stauten sich nach Angaben der Organisatoren die Besucher. Auch wegen der noch frischen Erinnerung an die dramatischen Szenen bei der Loveparade in Duisburg gingen die Veranstalter ganz auf Nummer sicher: Gegen 2.30 Uhr wurden die Show und der gesamte restliche Festival-Tag abgebrochen, obwohl Headliner Fatboy Slim noch gar nicht aufgetreten war.

«Duisburg im Hinterkopf»

«Der Abbruch war eine überaus harte Entscheidung, die manche für übervorsichtig halten mögen», räumten die Organisatoren ein. Aber mit «Duisburg im Hinterkopf» habe man verhindern wollen, dass es zu Verletzten kommt, sagte Sprecher Sven Städtler. Letztlich nachvollziehbare Argumente – auch wenn man den Veranstaltern vorwerfen muss, dass man hätte ahnen können, dass nach dem Ende der Shows auf der Hauptbühne nicht plötzlich alle Besucher nach Hause gehen, sondern zu den Nebenbühnen strömen.

Zudem mehrten sich tags darauf Gerüchte, der Abbruch hätte nicht nur mit der Angst vor einer Massenpanik zu tun, sondern auch mit Lärmschutzproblemen. Dazu passt zumindest auch die Entscheidung der Veranstalter, das Programm am Samstag einzudampfen. Rund zehn Acts fielen komplett aus. Auf sämtlichen Bühnen war gegen 23 Uhr Schluss. Eigentlich sollte die Party in Tempelhof erst um 6.30 Uhr zu Ende gehen. Bei der Berliner Polizei war aber bis heute Mittag über eventuelle Beschwerden von Anwohnern «nichts bekannt», wie ein Sprecher auf Anfrage von news.de mitteilte. Die Lärmschutzproblematik insbesondere auf der Hauptbühne sei vom Veranstalter bereits vor Beginn des Festivals berücksichtigt worden.

Doch auch in abgespeckter Form gab es genug zu sehen. Vor allem führten die beiden Tage noch einmal gut vor Augen, dass Musikfestivals heutzutage wie das Fernsehen mit Fernbedienung funktionieren: Wenn das Programm langweilt, schaltet man um. Keine Probleme mit einer derart kurzen Aufmerksamkeitsspanne hatten Fever Ray, die mit ihrer gewohnt originellen, mysteriösen Show faszinierten. Ihre schwedische Landsfrau Robyn hatte sich in Bomberjacke und Tarnfarben-Leggins gehüllt und fiel am Freitagabend in die Rubrik: zurückspulen, unbedingt noch mal erleben! Editors aus Birmingham, gaben sich bei ihrem letzten Konzert, bevor es wieder ins Studio geht, noch mal richtig Mühe. Mit Feuerfontänen und einer Setlist, mit der die Briten ihr gesamtes bisheriges Indie-Düsterrock-Werk abgrasten, waren sie ein gebührender Abschluss für die Hauptbühne am Freitag. Ein klarer Fall von: lauter drehen!

Am zurechtgestutzten Samstag hatten Gang Of Four dann sichtlich Probleme, das Publikum vor der Hauptbühne bei Laune zu halten. Dass man irgendwann einmal sehr einflussreich war, reicht eben nicht, um im Hier und Jetzt zu begeistern. Die Münchner von Lali Puna hatten derweil mit der Technik zu kämpfen. The Morning Benders brachten aus Kalifornien nicht nur die Sonne mit, sondern auch sehr sympathischen Rock und zum Abschluss ihrer Show ein bisschen A-Capella-Gesang in bester Beach-Boys-Manier. Als ob man beim Zapping plötzlich eine extrem schöne Sendung entdeckt hat.

Trip-Hop-Pionier Tricky lud hingegen allenfalls zum Vorspulen ein: Er zog fast alle Stücke mit vielen Soli und ungewohnt hohem Gitarren-Anteil künstlich in die Länge. So gab es viele enttäuschte Gesichter. Kein Wunder: Der Anteil des Meisters an seiner eigenen Show beschränkte sich oft darauf, ein paar Mikrofone zu zerstören und auf der Bühne zu kiffen. Das finden wohl höchstens noch Leute rebellisch oder gar innovativ, deren Geburtsjahr mit den Ziffern 199 anfängt. 

Peaches hatte 28 Laser mit auf die Bühne gebracht, um das Publikum zu blenden. Im Glitzeroutfit einer lebenden Diskokugel brach sich das Licht. An ihrem Auftritt schieden sich die Geister. Musik erwartbar, fast langweilig, Show innovativ und bunter als alles beim Berlin Festival dagewesene.

Auf der Hauptbühne gab es am Samstag auch noch zwei absolute Höhepunkte: Soulwax führten vor Augen, dass die Hits, zu denen man im Club am liebsten tanzt, auch in der Abenddämmerung im Freien für viel Euphorie sorgen können. Und Hot Chip, deren Show der krönende Festival-Abschluss wurde, weckten sogar in manchem Fan das Bedürfnis, eine ähnlich alberne, verspiegelte Baseballmütze zu tragen wie Sänger Alexis Taylor. Das Beste daran: an ihrem feinen Gespür für Pop, irren Sounds und unwiderstehlichen Rhythmen hatten die Londoner selbst offensichtlich genauso viel Spaß wie ihr Publikum. So muss es sein.

cvd/ddp/dpa/news.de

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