Von news.de-Redakteur Herbert Mackert
In seiner Geschichte hatte Haiti unter vielen Tyrannen zu leiden. Im TV-Film Moloch Tropical zeigt Regisseur Raoul Peck die Götterdämmerung eines von ihnen. Bei der Berlinale erfuhr der Streifen wegen des Erdbebens erhöhte Aufmerksamkeit. Nun zeigt Arte den Film.
Haiti ist nicht erst seit der verheerenden Naturkatastrophe das Armenhaus der westlichen Welt. Dikaturen, Korruption und Misswirtschaft plünderten den Karibikstaat seit seiner Unabhängigkeit von Frankreich im Jahr 1804 aus. Die Hälfte der neun Millionen Haitianer ist unterernährt, genauso hoch ist die Analphabetenrate.
Das mediale Interesse für das Schicksal dieser Menschen hat sich längst wieder gelegt. Umso wichtiger, dass Regisseur Peck mit Moloch Tropical die prekäre politische Lage des Landes beleuchtet. Der Film wurde vor der Erdbeben-Katastrophe gedreht.
Schauplatz ist der festungsähnliche Palast von Staatspräsident Jean Dieu (französich für «Gott»). Haiti begeht den 200. Jahrestag der siegreichen Revolution gegen die französische Fremdherrschaft. Dieu faselt von Demokratie und dass Kolonisation Terrorismus sei, beschwört das Volk zu Solidarität. Doch der Präsident und sein Operettenregime sind unaufhaltsam ihrem Untergang geweiht.
Immer mehr hochrangige internationale Gäste sagen ihr Kommen zum Festakt ab. Auf den Straßen der Hauptstadt rebelliert das Volk gegen die Herrschaft des Sonnengotts. Die Stimmung gegen den Präsidenten kippt. Schließlich lassen ihn auch die USA fallen. Doch der demokratisch gewählte Staatschef klammert sich an sein Amt. Dieu lässt die Revolte niederknüppeln und bittet trotzig zum Dinner.
Der Sonnengott erlebt sein Golgatha
Es sind die letzten 24 Stunden des Machthabers. Aber er will das nicht wahrhaben. In seinem blinden Wahn gleicht Dieu vielen Diktatoren der Welt von Kaiser Nero bis Napoleon Bonaparte, von Hitler bis Honecker. Wie Stasichef Erich Mielke («Ich liebe Euch doch alle!») ruft auch Dieu verzweifelt: «I love my people!»
Immer wieder kippt die Farce ins Absurde. Etwa wenn der Präsident einen regimekritischen Journalisten erst foltern, dann für ein luxuriöses Dinner wieder herrichten und ihn schließlich bei lebendigem Leib verbrennen lässt. Oder wenn Dieu in den nebligen Höhen über der Stadt in Wagnerscher Manier seine private Götterdämmerung inszeniert. Sich größenwahnsinnig mit Jesus und Jean d'Arc («Christus bestieg sein Golgatha und Jean d'Arc ihren Scheiterhaufen») vergleicht und die Offenbarung des Johannes rezitiert.
Ähnlichkeiten mit Diktator Jean-Bertrand Aristide seien rein zufällig, versichert Regisseur Peck, der 1996 und 1997 selbst Kulturminister des Landes war: «Es ist keine Biografie von Aristide.» Die Geschichte ist auf zahlreiche Gewaltherrscher und Kleptokraten übertragbar, die das lateinamerikanische Land zu ertragen hatte. Leider.
Zwei seiner Herrscher - Fausti Soulouque (Faustin I.) und Jean-Jacques Dessalines (Jacques I.) - schwangen sich nach der Unabhängigkeit von Frankreich zu Kaisern auf. Bis in die 1980er Jahre malträtierten Francois Duvalier (Papa Doc) und sein Sohn Jean-Claude Duvallier (Baby Doc), unterstützt von den USA, das Land. Ihre Diktatur sicherte die berüchtigte Geheimpolizei «Tontons Macoutes»Der Name heißt übersetzt „Onkel Umhängesack“ und bezeichnet eine Art Butzemann, der nachts durch die Straßen zieht und kleine Kinder entführt, die so spät noch draußen sind. Er verstaut die Kinder in seinem Umhängesack (macoute). Der offizielle Name der Schlägertruppe lautete "Milice de Volontaires de la Sécurité Nationale - „Nationale Sicherheitsmiliz aus Freiwilligen“.
. So wie «Baby Doc» 1986 wurde schließlich auch Aristide 2004 vertrieben - im Jahr der Revolutionsfeiern.
«Mein Schwanz explodiert gleich»
Nach Haitian Corner (1988) und Der Mann auf dem Quai (1993) ist es Pecks dritter Film aus Haiti. Das Politische lässt ihn beim Filmemachen nicht los. Mit «Lumumba - Tod des Propheten» (1992) über den zairischen Freiheitskämpfer und Politiker Patrice Lumumba gelang ihm der internationale Durchbruch. Vor fünf Jahren lief sein erschütterndes Drama «Sometimes in April» über den Völkermord in Ruanda im Berlinale-Wettbewerb. Als nächstes Projekt bereitet er einen Spielfilm über den jungen Karl Marx vor.
In «Moloch Tropical» wollte Peck hinter die Kulissen der Macht schauen. Er ist überzeugt: «Politik ist die gewalttätigste Welt, die ich kenne. Dort verraten sich sogar die besten Freunde gegenseitig.» Ihm sei es darum gegangen, zu zeigen, wie leicht Machthaber ihre Grenzen überschreiten.
Bei Dieu ist es seine Lüsternheit. Brutalstmöglich macht er seine Bediensteten an und sagt Sätze wie «Mein Schwanz explodiert gleich» oder «Ist deine Muschi auch so scharf wie diese auf dem Bild?» Die einzige Frau, die ihm Grenzen setzt, ist seine Mutter. «Du schmierst dich mit Bleichmitteln ein», schimpft sie mit ihm. Egal. Den Bezug zur Wirklichkeit hat der Präsident längst verloren.
Titel: Moloch Tropical
Regie: Raoul Peck
Darsteller: Zinedine Soualem, Sonia Rolland, Mireille Metellus
Sendetermin: Freitag, 10. September, 20.15 Uhr, Arte