So., 12.02.12

Mitgefühl und Kritik Kampusch liest ihr Schicksal

Von Miriam Bandar

Artikel vom 10.09.2010

Nervosität bei Natascha Kampusch sowie bei ihrem Publikum: Vor rund 800 Menschen hat die 22-jährige Österreicherin, die mehr als acht Jahre lang in den Händen ihres Entführers Wolfgang Priklopil leiden musste, aus ihrer Biografie gelesen.

Es wirkt ein wenig wie eine Gruppentherapie mit sehr, sehr vielen Teilnehmern. Rund 800 Menschen hören dem österreichischen Entführungsopfer Natascha Kampusch bei der Lesung ihrer Biografie 3096 Tage am Donnerstagabend in einer Wiener Buchhandlung gebannt zu. Vielen treten Tränen in die Augen, während die hochnervöse junge Frau leise und mit zunehmend starker Stimme Passagen ihres Martyriums verliest.

Doch so mitfühlend ist nicht das ganze Land: Viele nehmen der 22-Jährigen die öffentliche Aufarbeitung übel und manche Medien reagieren mit Häme auf das Buch. «Geldmacherei», «So schlimm kann's ja nicht gewesen sein» und «mediengeil» sind noch die harmlosesten Kommentare, die in Online-Foren zum Schicksal des Entführungsopfers zu finden sind, das achteinhalb Jahre von ihrem Peiniger Wolfgang Priklopil in einem Kellerverlies eingesperrt wurde. Manche Zeitungen charakterisieren das Buch bereits als Flop, basierend auf Aussagen einzelner Buchhändler.

Kampusch versucht ihre Medienpräsenz zu steuern

«Wenn man sich in der Licht der Öffentlichkeit begibt, dann muss man damit rechnen, dass man hinterfragt und bewertet wird», sagt die Medienwissenschaftlerin Julia Wippersberg von der Universität Wien. Statt hilfloses Opfer zu sein, habe Kampusch versucht, ihre Medienpräsenz zu steuern und nicht alle intimen Details preisgegeben. «Das hat man ihr übelgenommen - im Sinne von: ‹Da wird eine Sensation vergeudet›», sagt die Expertin.

Kampusch selbst fühlt sich von den negativen Kommentaren tief getroffen und weiter in ihrer Freiheit eingeschränkt, sagt sie: «Das ist so, wie wenn man jemandem, der am Boden liegt, noch mal einen Tritt gibt, damit er da auch bloß liegen bleibt.» Bei ihrer Lesung führt sie auf dem Podium ein kurzes Gespräch mit ORF- Moderator Christoph Feuerstein. Fotografieren und Fragen des Publikums sind verboten, auch eine Signierstunde gibt es nicht. Dutzende Sicherheitskräfte regeln den Massenandrang.

«Sie kommt einem für das, was passiert ist, ziemlich ruhig und erwachsen vor», sagt die 14-jährige Zuhörerin Flora. Die Wiener Schülerin und ihre Freundin Theresa sind mit dem Entführungsfall aufgewachsen und wollen Kampusch endlich live sehen. «Als das rausgekommen ist, waren wir total schockiert. Wir waren damals genau in dem Alter, in dem sie entführt wurde», erinnert sich Theresa.

«Ich wollte ein neues Leben beginnen.»


Kampuschs Aufarbeitung ist nach wenigen Tagen im Handel beim Online-Buchhändler Amazon bereits hinter Thilo Sarrazin auf Verkaufsrang Zwei. Die erste Auflage liegt bei 50.000, weitere sind geplant. Sie habe das Buch aber nicht gemacht, um primär Kapital zu schlagen, sagt Kampusch bei der Lesung: «Ich wollte ein neues Leben beginnen.» Endlich mit der Vergangenheit abschließen.

Das wird der jungen Frau nach Einschätzung der Medienwissenschaftlerin aber in Österreich nie gelingen. Sie habe sich wie eine «traurige Marke» tief in das gesellschaftliche Bewusstsein eingebrannt: «Man hört den Namen Kampusch und die ganze Geschichte ist wieder präsent.» Für ein erneutes Aufflammen öffentlichen Interesses reichten schon Kleinigkeiten wie Fotos einer Männerbekanntschaft oder vom Besuch des Hauses ihres Entführers.

Da Kampusch sich weigert, ihre Identität zu wechseln, will sie nun lernen, mit der Kritik besser umzugehen. «Ich denke, viele Leute nehmen ihr übel, dass sie eine hübsche junge Frau ist und sich gut ausdrücken kann», sagt die Burgenländerin Brigitta Ressl bei der Lesung. Wenn sie permanent weinen würde, schlüge ihr wahrscheinlich mehr Mitleid entgegen, meint die 54-jährige Bankangestellte. Kampuschs Buch und ihre Medienpräsenz stören die sichtlich ergriffene Frau nicht: «Es ist ihr gutes Recht sich zu Wort zu melden, wenn sie schon so viele Jahre nichts zu melden hatte.

juz/jag/news.de/dpa
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