Eingriff am eigenen Herzstück
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Von news.de-Redakteur Martin Walter
Artikel vom 10.09.2010
Googles neue Suchfunktion greift massiv in das eigene Kerngeschäft ein. Eine gewagte Veränderung mit vielen Risiken. Aber auch mit großen Chancen. Über den Erfolg wird der Nutzer entscheiden.
Wie bei allen Neuigkeiten rund um den Internetgiganten schlagen die Wellen seit der Vorstellung der neuen Suchfunktion am Mittwoch in San Francisco hoch. Google reformiert seine ureigenste Funktion der Internetsuche und damit auch zu einem guten Stück sich selbst. Das ehrgeizige Versprechen: Ab sofort soll der User mit Google Instant noch schneller zum gewünschten Suchergebnis gelangen. Zwei bis fünf Sekunden spart dies laut Google-Produktmanagerin Marissa Mayer pro Anfrage. Und in der Tat verfügt die zunächst unwesentlich anmutende Neuerung über revolutionäres Potenzial.
In der Praxis sieht der Instant-Service so aus: Der User bekommt schon bei der Eingabe des ersten Buchstabens eine umfangreiche Liste an Adressvorschlägen geliefert. Tippt man ein «f» in die Suchmaske, so erscheinen zig Seitenvorschläge, die alle mit dem sozialen Netzwerk Facebook in Verbindung stehen. Diese Anzeige aktualisiert sich in der Folge mit jedem weiteren Tastendruck. Folgt dem «f» ein «u», hat man Links rund um den Fußball vor sich und so weiter. Die angezeigten Ergebnisse speisen sich dabei aus der Häufigkeit, mit der die jeweiligen Seiten angefragt werden.
Google wird also nicht durch einen neuen Algorithmus schneller, sondern indem man dem Nutzer bei der Eingabe seiner Anfrage unter die Arme greift. Während der Anwender seine Eingabe tippt, bietet die Suchmaschine ihm bereits eine Latte an Kombinationen des Suchbegriffs. Das soll und wird den User dazu bewegen, so die Hoffnung von Google, den Suchbegriff bereits während der Eingabe in die Maske komplexer und zielgerichteter zu gestalten. Google erzieht den User damit gewissermaßen zu sinnvollen Eingaben. Sollte sich diese Art der Erziehung durchsetzen, würde Google Instant in der Tat einen enormen Fortschritt in der Suchmaschinennutzung darstellen.
Verunsicherung bei Googles Goldeseln
Allerdings wird Googles Neuerung von vielen Seiten auch skeptisch betrachtet. Vor allem fühlt sich eine ganze Branche bedroht, die in den letzten Jahren im Schlepptau der Google'schen Erfolgsgeschichte erst gewachsen ist. Sie hat gerade von den «schlecht erzogenen» Suchmaschinennutzern sehr gut gelebt. Es handelt sich um die Gemeinde der Search Engine Optimizer («Suchmaschinenoptimierer»), die bisher, ihrem Namen entsprechend, von Internetseiten profitierten, deren Google-Ranking sie verbessern konnten. Wenn nun Google zukünftig selbst einen großen Teil dieser Arbeit übernimmt, indem es den User zu intelligenteren Anfragen zwingt, droht den Suchmaschinenoptimierern Teilzeitarbeit.
Google fährt in dieser Hinsicht einen riskanten Kurs, schließlich profitiert man finanziell ja nicht unwesentlich von den jeweiligen Partnern. Zu Recht bezeichnet Martin Weigert vom Internetblog netzwertig.com den Eingriff daher auch als «eine Operation am offenen Herzen». Andererseits stehen die Chancen natürlich gut, dass Google seine Marktführerschaft durch den neuen Service weiter ausbauen kann. Weit oben rangierende Anzeigen werden noch lukrativer, Google kann sich diesen Service entsprechend teurer vergüten lassen. Auch hinsichtlich der innovativen Suchtechnik müssen Konkurrenten wie Microsofts Bing erst einmal wieder nachziehen, um mühsam eroberte Marktanteile nicht gleich wieder zu verlieren.
Kritisch beäugt, wie sollte es bei Google anders sein, wird die Neuerung vonseiten der Datenschützer. Da sich die Instant-Funktion aus der enormen Menge an User-Daten weltweit speist und dabei auch Informationen wie den Wohnort des Nutzers (soweit sich dieser aus der IP-Adresse ergibt) berücksichtigt, befürchten viele einen Datenmissbrauch des Suchgiganten. Und wenn Google schon nach zwei oder drei Buchstaben das Ziel der Suchanfrage erahnt, beschleicht den User tatsächlich das mulmige Gefühl, gerade ausspioniert worden zu sein. Dass man den Service hierzulande voerst nur als registrierter Nutzer wahrnehmen kann, macht dieses Gefühl nicht gerade besser. Voll freigeschaltet ist Google Instant zum Start nur in den USA und Russland. Dies soll laut Google aber den erhöhten Rechenkapazitäten durch den neuen Dienst geschuldet sein.
Letztlich werden die Gewohnheiten der User über Erfolg oder Misserfolg von Instant entscheiden. Und allen konservativen Google-Nutzern bleibt ja weiterhin die Möglichkeit, die Instant-Funktion einfach wieder auszuschalten.
car/reu/news.de
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