Von der Straße in die Charts
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Von news.de-Redakteurin Ines Weißbach, Berlin
Artikel vom 09.09.2010
Sie wollen das längste Straßenkonzert der Welt spielen und 24 Stunden am Stück durchhalten. Samuel Harfst und seine Mitmusiker streben ins Guinnessbuch der Rekorde. Und in die Charts.
Früher sei er beeindruckt davon gewesen, wie der Musiker Ben Harper gleichzeitig Gitarre gespielt und gesungen hat, erzählt der Sänger. Mittlerweile hat Samuel Harfst diese Kunst selbst perfektioniert. 24 Stunden will er so am Stück verbringen, nur fünf Minuten Pause pro Stunde darf er sich und seiner Band laut Guinnessbuchregeln gönnen.
Der 24-Jährige Musiker aus Gießen will einen Weltrekord aufstellen. Und während der Popkomm, Europas größter Musikmesse, das längste Straßenkonzert der Welt spielen. Um 11 Uhr geht es los mit einem grinsend Gong schlagenden Berliner Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit und den Worten: «Mal sehen, wie lange Sie durchhalten.»
Um einen weißen Pavillion vor dem Eingang zur Musikmesse scharen sich Zuschauer. Unter dem Pavillion sitzen Samuel Harfst an der Gitarre, David Harfst schlagzeugspielend und Dirk Menger am Cello. Drei Stunden haben sie mittlerweile ge- und nachspielt. «Obwohl wir sonst gar nichts von anderen covern», beteuert Samuel und stimmt Ain't No Sunshine von Bill Withers an. Langsam gehen die Songideen aus, so dass nach sechs Stunden interaktiv auch die Facebook-Fans der Band zu Rate gezogen werden müssen. Hosanna, Lord Reign In Me oder Amazing Grace werden da gewünscht. Denn neben dem ganzen Popzirkus sind Samuel Harfst auch ein christliche Band. Ihre drei selbstproduzierten Alben bezeugen das.
Nun ist der Glaube ans Durchhalten die Parole für den erfahrenen Straßenmusiker Harfst. Seit kurzem mit einem Major-Plattenvertrag ausgestattet, stellt er sich zwar nicht mehr so häufig in die Fußgängerzonen der Republik, um seinen Singer-Songwriter-Folkpop zu testen. Doch dort liegen die Wurzel des Multiinstrumentalisten.
Schon während eines Auslandssemesters in Australien ging er auf die Straße, um Geld zu verdienen. «Das war der einzige Job, um ohne Arbeitsvisum etwas zu verdienen.» Zurück in Deutschland war Straßenmusik für ihn immer noch eine Art des Brötchenverdienens. Die Straße ist aber auch Glücksbringer der Band. Denn die Bremer Fußgängerzone war ihre Bühne, als ein Mitarbeiter einer Konzertagentur die entdeckte und als Vorgruppe für Sangesdiva Whitney Houston verpflichtete. Die Konsequenz: Ein Vertrag mit der Plattenfirma EMI.
So ist das Straßenkonzert nun kein Selbstzweck mehr, sondern ein Promotion-Gag. Am Freitag erscheint Samuel Harfsts neues Album Alles Gute zum Alltag, das sie erstmals nicht selbst finanzieren mussten. Mit dem Guinnessbuch-Eintrag soll es also auch in die Charts gehen. Die Presse haben sie so jedenfalls aufmerksam gemacht. Samuel muss sich nun von seinem Schemel für Interviews aufrappeln oder telefoniert während des Spielens, denn die Guinnessregeln sind streng. Er schaut in Kameras, ist live auf einem Nachrichtenkanal zu sehen.
Befreundete Musiker wie Pohlmann kommen vorbei, spielen mit. Das ehemalige Bandmitglied Philip hat ein Baby um den Bauch gebunden und schnallt sich auch noch die Gitarre davor. «Das Kind schläft besser mit Musik», versichert er. Da schnappt sich einer ein Saxophon und spielt mit. Das längste Straßenkonzert der Welt verbindet. Flüchtige Bekanntschaften kommen zum Jammen vorbei. Die Fans im Internet beschwören die Musiker. Die PR-Maschinerie fühlt sich an wie ein Familienfest.
Mit Tee, warmen Jacken und ihrer Musik bringen sich Samuel Harfst dann tatsächlich durch die Nacht. Obwohl die Augenringe immer dunkler werden, die Finger steifer und der Sänger irgendetwas faselt von einem körperlichen und geistigen Zustand wie «einem Aufzug, der zwischen zwei Etagen steckt», schafft die Band den Rekord. Nach 24 Stunden fährt der Aufzug wieder. Vielleicht direkt in die Charts.
ped/news.de
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