Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen
Sechs Autoren kämpfen um den Deutschen Buchpreis 2010. Darunter befindet sich Jan Faktor und sein Hodensack-Bimbam, während Martin Mosebach und sein viel gelobter Roman Was davor geschah nicht auf der Liste steht.
Von einem Favoritensterben zu sprechen, wäre zu viel des Guten. Aber die Bekanntgabe der sechs Finalisten für den Deutschen Buchpreis 2010 birgt doch einige Überraschungen. Vor allem das Fehlen von Martin Mosebach auf der sogenannten Shortlist dürfte nach den beinahe durchgängig positiven Rezensionen seines neuen Romans Was davor geschah bei vielen Literaturexperten auf Unverständnis stoßen. Mit Thomas Hettche und Michael Köhlmeier sind weitere bekannte Namen nicht vertreten.
«Nicht immer, das gehört dazu, waren wir uns einig. Wir freuen uns, nun sechs außergewöhnliche Finalisten zu präsentieren, sechs sehr unterschiedliche literarische Stimmen: poetisch, komisch, experimentell. Es sind Romane, deren Gemeinsamkeit wohl vor allem in ihrer Welthaltigkeit zu finden ist», sagt Jurysprecherin Julia Encke, Literaturkritikerin bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Die sieben Jurymitglieder haben in den letzten fünf Monaten insgesamt 148 Titel gesichtet, die zwischen Oktober 2009 und dem 8. September 2010 erschienen sind.
Die Nominierten sind: Jan Faktor (Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag, Kiepenheuer & Witsch), Thomas Lehr (September. Fata Morgana, Carl Hanser), Melinda Nadj Abonji (Tauben fliegen auf, Jung und Jung), Doron Rabinovici (Andernorts, Suhrkamp), Peter Wawerzinek (Rabenliebe, Galiani) und Judith Zander (Dinge, die wir heute sagten, dtv).
Weltgeschichte und persönliche Tragödien
Die Werke der sechs Anwärter auf die wichtigste nationale Literaturauszeichnung spiegeln Weltgeschichte und persönliche Tragödien, sind tieftraurig und zum Brüllen komisch. Alle Romane handeln von der Suche nach Identität, von Ortswechseln und Heimatverlusten - wenn auch auf unterschiedliche Weise.
Wie steht es um die Chancen der Nominierten? Jan Faktor dürfte mit seiner Burleske eher Außenseiterchancen haben. Thomas Lehr hat mit September zwar den Bachmann-Preis gewonnen, das Werk ist aber so klassisch avantgardistisch geschrieben, dass auch er nur als ein Außenseiter gehandelt wird. Dann doch wohl eher Melinda Nadj Abonji mit ihrer Balkangeschichte. Oder Doron Rabinovici mit Andernorts, dem Roman einer jüdischen Familie. Allgemein gefeiert wurde bereits Peter Wawerzinek Rabenliebe, was seine Chancen eher schmälern dürfte - die Buchpreisjury zeichnet gerne Kandidaten aus, die nicht schon andernorts zum Ruhm gekommen sind.
«Womöglich also heißt in diesem Jahr die Favoritin Judith Zander», vermutet der Spiegel. Denn der Titel ihres Romandebüts Dinge, die wir heute sagten hört sich laut dem Nachrichtenmagazin «irgendwie nach Popsong an, spielt im Osten und ist letztlich doch eine Art moderner Heimatroman, der zudem auch noch so literarisch wie flott geschrieben ist». Kurz: Er spricht also alle an.
Der Deutsche Buchpreis, vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels organisiert, wird am 4. Oktober, dem Vorabend der Frankfurter Buchmesse, zum sechsten Mal vergeben. Für die mit insgesamt 37.500 Euro dotierte Auszeichnung haben die deutschsprachigen Verlage fast 150 Neuerscheinungen eingereicht.
Auszüge aus den nominierten Titeln stehen über libreka.de kostenlos zum Download bereit. Ab dem 22. September 2010 werden zudem Auszüge aus den Shortlist-Titeln in englischer Übersetzung und ein englischsprachiges Dossier zur Shortlist auf dem Internetportal signandsight.com präsentiert.
Lesen Sie in unserer Fotostrecke mehr über die Autoren und ihre Werke.
ivb/news.de/dpa