Das Geschäft mit der Einsamkeit
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Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann
Artikel vom 09.09.2010
Ausverkauf der Gefühle: Ein junges Paar lebt von der Einsamkeit der Alten, Trauernden, Verzweifelten. Im Kinofilm Zarte Parasiten bieten sie Zuneigung für Kost und Logis. Ein riskantes Geschäft.
Es ist der Platz des toten Sohnes, auf dem Jakob (Robert Stadlober) jetzt sitzt. Mit Appetit sticht er in das Abendessen, die trauernden Eltern schielen verstohlen zu ihm herüber. Jakob ist ein Platzhalter und davon lebt er. Mit seiner Freundin Manu (Maja Schöne) zieht er durch das Land auf der Suche nach Menschen, die Gesellschaft und Wärme brauchen – Alte, Einsame, Trauernde, Verzweifelte.
Jakob plaudert mit dem gramgebeugten Vater (Sylvester Groth) über Segelflieger und darf dafür in das Zimmer des Toten einziehen. Es ist kein Vertrag, der offen ausgesprochen, sondern stillschweigend arrangiert wird. Abends, wenn Jakob und Manu ihren Job erledigt haben, stapfen sie mit Stirnlampen in den Wald und betten sich mit Isomatten auf den feuchten Waldboden.
Nach ihrem Debütfilm Egoshooter zeigen die Regisseure Christian Becker und Oliver Schwabe mit Zarte Parasiten ein Lebensmodell, an dem sich eine Gesellschaft ablesen lässt, die alles andere als erbaulich ist. Es ist eine knallharte Welt, die von Einsamkeit und Gefühlskälte bestimmt wird, auf die Manu und Jakob ihre Dienste ausgerichtet haben. Aber die Mechanismen greifen bei dieser Art von Geschäft nicht so flüssig ineinander. Weil diese jungen Menschen Gefühle verkaufen, sind sie mit ihren Kunden verstrickt, jeder Job hinterlässt seine Spuren und zehrt an ihren Kräften. Diesmal soll es besonders hart werden.
Die Brutalität des Dokumentarischen
Das Interessante an dem Film ist, dass die Macher offen lassen, wer hier eigentlich wen ausnutzt. Becker und Schwabe machen es sich nicht mit platten Schuldzuweisungen oder Schwarz-Weiß-Denken bequem, sondern wählen eine beinahe dokumentarische Bestandsaufnahme, die sehr brutal ist.
Inspiration für diese Geschichte haben sie sich aus der Realität geholt: Ein Bericht in einer Zeitschrift über eine junge Frau, die mit ihrem Freund im Wald lebt und eine Notiz im Internet über eine Dienstleistung am Rande der Gesellschaft waren der Stein des Anstoßes.
Dementsprechend dokumentarisch sind auch die Bilder dieses Films. Die ganze Atmosphäre ist unwirtlich: Kühle Farben, schlecht ausgeleuchtete Räume, die Kälte und Feuchtigkeit scheinen regelrecht über die Leinwand zu kriechen. Manche Einstellungen der Kamera sind wackelig und unscharf, nicht aus Unvermögen, sondern weil das Methode und stimmig ist.
Federbett statt Isomatte
Robert Stadlober zeigt in der Rolle des Jakob eine beeindruckende schauspielerische Leistung. Das Gesicht ist hart vor Anstrengung und so nimmt der Zuschauer ihm auch gerne ab, dass er sich nach einer Ruhepause, einer Oase sehnt, die er bei Martin und seiner Frau gefunden zu haben glaubt. Jakob ist müde und wäre selbst gern der Sohn, den das Paar verloren hat. Er will sich ins Federbett kuscheln und am Tisch Salat herumreichen, statt sich im Wald auf einer Isomatte auszustrecken und Kaffee auf einer Autobatterie zu kochen.
Auch die Beziehung zwischen Manu und Jakob ist spannend konzipiert, weil sie nicht romantische Klischees bedient. In die Zärtlichkeiten zwischen den beiden mischt sich Verzweiflung, eine symbiotische Zweisamkeit gibt es hier nicht, unter den rauen Lebensbedingungen ist sich jeder selbst am nächsten. Unterschwellig geht es auch um die Freiheit und die Kälte, die sie mit sich bringt.
Eine Schwäche des Films ist, dass sich die Macher zu viel Zeit nehmen, um die Geschichte zu erzählen, in der Mitte hängt die Story durch, zieht sich zäh wie Latex und nimmt auch nicht wieder richtig Fahrt auf. Das ist schade, denn dieser Film stößt einige hochbrisante Themen an, über die es sich lohnt nachzudenken. Und auch den starken Schauspielern - allen voran Stadlober und Groth - wird so der Wind aus den Segeln genommen.
Titel: Zarte Parasiten
Regie: Christian Becker, Oliver Schwabe
Darsteller: Robert Stadlober, Sylvester Groth, Maja Schöne, Corinna Kirchhoff
Filmlänge: 89 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Verleih: Filmlichter
Kinostart: 9. September 2010
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