Bestseller «Tiere essen»
Nach diesem Buch sind Sie Vegetarier

Ekelhaft, aufrüttelnd, bedeutend: US-Autor Jonathan Safran Foer hat ein Buch darüber geschrieben, wie das Fleisch entsteht, das auf unseren Tellern landet. Tiere essen zeigt die Qualen der Tiere, die Profitgier der Landwirte und unser eigenes Wegschauen.

Woher kommt das Fleisch auf dem Teller? Die Antwort ist extrem unappetitlich. Bild: ddp

Vorab: Ich esse Fleisch. Nicht besonders gerne und nicht besonders viel. Aber die kleine Sünde eines Whopper, der verlockende Duft von Bratwurst auf dem Grill oder der unerreicht leckere Hackbraten, den mein Vater zubereitet: All das ist ein Genuss für mich. Jedenfalls war es das bis jetzt.

Denn jetzt habe ich Tiere essen gelesen. Es ist das Buch, das man wohl am wenigsten von Jonathan Safran Foer erwarten durfte. Das Wunderkind der amerikanischen Literatur war schon vorher umstritten. Die Times erklärte ihn nach seinem Debüt Alles ist erleuchtet zum Genie; nach dem Nachfolger Extrem laut und unglaublich nah (2005) setzte ihn die Huffington Post auf Platz 9 unter den 15 am meisten überbewerteten zeitgenössischen Schriftstellern.

FOTOS: Vegetarisch oder vegan Diese Stars essen kein Fleisch

Ein Buch wie ein Schock

Mit Tiere essen hat sich die Debatte noch verschärft. Jonathan Safran Foer hat damit nichts weniger getan, als in den USA eine neue Welle des Vegetarismus loszutreten. Auch in Deutschland ist das Buch sein bisher größter Erfolg: Aktuell steht Tiere essen auf Platz 4 der Spiegel-Bestsellerliste, mit 90.000 Exemplaren wurden hierzulande bereits fast doppelt so viele verkauft wie von den beiden Vorgängern.

Das Buch ist, kurz gesagt, ein Schock. Es zeigt: Tiere sind durch Gentechnik so entstellt, dass sie quasi als Monster auf die Welt kommen, ihr Leben ist dann eine unfassbare Tortur, bis sie auf bestialische Weise getötet werden. Und das gilt nicht für den schlimmsten Fall, sondern für 99 Prozent aller Tiere, die als Nahrungsmittel enden. Foer greift damit erneut ein Thema auf, das im Brennpunkt des gesellschaftlichen Interesses steht. Und wie seine vorherigen Werke ist auch Tiere essen getragen von einem unvergleichlichen Humanismus.

VIDEO: Jonathan Safran Foer spricht über «Tiere essen»
Video: YouTube

Das Wort «human» kommt oft vor in diesem Buch. Dass es «menschenwürdig» bedeutet, dass wir aber im Allgemeinen auch Tiere «human» behandeln wollen, ist ein veritables Dilemma, das schnell zum Kern des Buches führt. Wie viel Tier steckt in uns? Wie viel Menschliches steckt in Tieren? Wollen wir Tiere als unsere Vettern ansehen (wie der französische Philosoph Jacques Derrida) oder als minderwertige Kreaturen, letztlich als Produkte (wie die Lebensmittelindustrie)?

Foer erörtert diese Fragen immer wieder. Es ist die erste große Stärke von Tiere essen, dass seine Betrachtung der Massentierhaltung nicht nur philosophisch bleibt, sondern auch politische, kulturelle, wirtschaftliche, gesundheitliche und ökologische Fragen aufwirft. Dass die heutige Form der Landwirtschaft skandalös ist, dass sie gar das Potenzial in sich birgt, die gesamte Menschheit in den Abgrund zu stürzen, das macht Foer mit einer ebenso erdrückenden wie erschütternden Faktenfülle deutlich.

Kein Aufzwingen der Meinung

Die zweite große Stärke des Buches ist, dass Foer trotz des Ausmaßes dieser Bedrohung nicht versucht, zu missionieren. Er ist radikal (ein Kapitel nennt er Ein Plädoyer für das Essen von Hunden), er ist provokant (an einer Stelle fragt er «Träte uns eines Tages eine stärkere und intelligentere Lebensform als unsere eigene gegenüber (…), was könnten wir dann als Argument anführen, damit man uns nicht isst?»), und er nimmt kein Blatt vor den Mund («KFCKFC steht für die amerikanische Fastfoodkette Kentucky Fried Chicken, die vor allem mit billig produziertem Hühnerfleisch ihren weltweiten Siegeszug antrat. kann mit Recht beanspruchen, das Leiden in der Welt mehr gesteigert zu haben als jedes andere Unternehmen in der Geschichte der Menschheit.»). Aber niemals zwingt er dem Leser seine Meinung auf, oder gar seine Entscheidung, fortan auf Fleisch zu verzichten.

VIDEO: Ein Werbevideo für «Tiere essen»
Video: YouTube

Die Überzeugungsarbeit lässt er die Fakten leisten. Dabei entwickelt Tiere essen vor allem deshalb eine solche perfide Wirkung, weil wir im Prinzip alle bereits eine Vorstellung davon haben, unter welchen Bedingungen unsere Schnitzel, Burger und Weihnachtsbraten entstehen. Wenn ein Buch Tiere essen heißt, dann vermutet man schon eine Anti-Fleisch-Position, obwohl der Titel ganz neutral ist.

Foer weiß das, und er thematisiert diese Kluft zwischen Ahnen und Verdrängen. Doch das Ausmaß der Grausamkeit, mit der Schweine, Rinder und Geflügel in der industrialisierten Landwirtschaft behandelt werden, ist dennoch erschreckend. Ebenso die Folgen, die riesige Tierfabriken für die Umwelt haben. Der Zusammenhang, der zwischen Fleischnachfrage und Welthunger besteht. Die Gesundheitsrisiken, die von kranken Tieren auf die ganze Weltbevölkerung übergehen (Schweine- und Vogelgrippe). Die menschenverachtenden Arbeitsbedingungen in den Schlachthöfen. Der riesige Unterschied, der zwischen unserer Vorstellung von Landwirtschaft (Bauernhöfe, Mistgabeln und Gummistiefel) und der Realität (Gentechnik, Antibiotika, Korruption) besteht.

Wo Fleisch ist, ist auch Leiden

Ein paar Mal ist Foer offensichtlich selbst übermannt vom Ausmaß der Verwerflichkeiten, dann wird er beinahe esoterisch. «Unsere Nahrung besteht aus Leiden», schreibt er dann, oder: «Wir führen Krieg gegen die Tiere». Doch selbst für solche Formulierungen kann man Verständnis haben angesichts des Horrors, der sich vor dem Autor aufgetan hat.

Wer sich als deutscher Leser in die Hoffnung flüchtet, bei lebendigem Leibe gehäutete Rinder, Stromschockgeräte in der Vagina von Sauen oder die massenhafte Vernichtung von Küken per Häcksler seien rein amerikanische Phänomene, sieht sich getäuscht. «Wenn die im Buch geschilderten Zustände in den USA als 100 Prozent gelten, dann liegen wir in Deutschland bei 99 Prozent», sagt Edmund Haferbeck, wissenschaftlicher Berater der Tierschutzorganisation Peta im Gespräch mit news.de.

Der Deutsche Bauernverband betont hingegen, hierzulande sei derlei nicht denkbar. «In Europa müssen die Landwirte ihre Tiere auf Basis höherer gesetzlicher Vorgaben als in den USA halten. Unsere Landwirte kümmern sich um ihre Tiere, sie achten darauf, dass es ihnen gut geht, sie fühlen sich selbst schlecht, wenn es den Tieren nicht gut geht», sagt Roger Fechler, Referatsleiter Vieh und Fleisch beim Bauernverband.

In den Anmerkungen der deutschen Ausgabe wird deutlich, was ein reines US-Phänomen und was auch in Deutschland Realität ist - und der Vergleich bietet wenig Trost. Viele der Probleme sind schlicht im System der Landwirtschaft angelegt (die nach der Lektüre als ebenso verwerflich, skrupellos und verachtenswert dasteht wie die Finanzbranche), und wir alle tragen durch unsere Kaufentscheidungen dazu bei, dieses System aufrecht zu erhalten – auch das wird im Buch nicht verschwiegen.

Tiere essen macht deutlich: Bis eine flächendeckende Rückkehr zur traditionellen Landwirtschaft möglich ist, hat jeder, der ein bisschen Tierliebe, ein wenig Verantwortungsgefühl, ein Minimum an ethischem Empfinden in sich trägt, in puncto Fleischverzehr nur zwei Möglichkeiten: Vegetarismus oder Ignoranz.

Autor: Jonathan Safran Foer
Titel: Tiere essen
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Umfang: 399 Seiten
Preis: 19,95 Euro
Erscheinung: 19. August 2010

ruk/reu/news.de

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41 Kommentare
  • Daniel

    23.10.2012 19:22

    Antwort auf Kommentar 35

    Labberst du einen Bullshit!

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  • Lea R.

    12.10.2012 10:57

    Antwort auf Kommentar 35

    Schwachsinn. Nur Tiere die sich wohlfühlen setzen Fleisch an und geben Milch? Wenn es nur so wäre...

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  • Eckhardd

    25.05.2011 14:39

    Das Tiere eine Sache sind, zeigt doch eindeutig, wie die meißten Politiker denken. Meiner Meinung nach sollte man die zur Sache machen, denn solche Gesetzesgeber nicht mehr, eher weniger wert, als eine Sache. Das sind doch keine Gesetze, sondern das ist ein profitgieriger Witz. Für solche Leute ist wohl das Schreien eines Tieres auch nicht mehr als das Quitschen eines Wagenrades.

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