Sa., 04.02.12
Interviews

The Drums «Die Band ist aus purer Selbstsucht geboren»

Von news.de-Redakteur Michael Kraft

Artikel vom 05.09.2010

Sie sind die coolste Band in New York. Auch England liebt sie. Im Herbst geht die Hype-Band mit den dünnsten Beinen der Welt auf Deutschland-Tour. Wir sprachen mit Sänger Johnny Pierce und Gitarrist Jacob Graham über Träume, Heimat und Lady Gaga.

01.09.2010
The Drums
Surfpop aus New York
Video: YouTube

Ihr seid vor allem in England extrem erfolgreich und habt weltweit mit Eurer Musik einen riesigen Hype ausgelöst. Bei Festivals in Deutschland spielt ihr aber nicht als Headliner, sondern nachmittags auf den kleinen Bühnen.

Graham: Stimmt. Aber das hat einfach damit zu tun, dass wir noch eine sehr neue Band sind. Es ist gerade mal ein Jahr her, dass wir unsere ersten Konzerte gespielt haben. Wir wachsen einfach noch.

Pierce: Diese große Bandbreite ist trotzdem manchmal verwirrend. An einem Tag treten wir in Tokio vor 10.000 Leuten auf, am nächsten spielen wir ein Clubkonzert mit 300 Fans. Aber ich messe unseren Erfolg nicht daran, wie viele Leute zu unseren Shows kommen oder wie viele Platten wir verkaufen. Erfolg ist ein sehr zwiespältiger Begriff. Was für den einen Erfolg bedeutet, kann für den anderen ein Versagen sein. Wir haben eine Platte herausgebracht und wir haben die Möglichkeit, genau die Lieder zu schreiben, die wir lieben. Das ist in meinen Augen ein riesiger Erfolg.

Seid ihr überrascht, wie groß The Drums in so kurzer Zeit geworden sind?

Pierce: Wir wussten schon, dass The Drums etwas ganz Besonders haben. Wir selbst lieben die Lieder, die wir spielen - sonst würden wir sie nicht veröffentlichen. Alles andere macht auch keinen Sinn. Es gibt eine Menge Bands, die versuchen, irgendwelchen Trends hinterher zu laufen. Viele von denen mögen diese Musik wahrscheinlich selber nicht. Aber sie liefern sich einen Wettstreit, wer am schrägsten oder abgefahrensten sein kann, vor allem in Brooklyn. Meiner Meinung nach hört man ihnen dann aber auch an, dass sie nicht an ihre Lieder glauben.

Auch wenn ihr voll und ganz hinter euren Liedern steht: Wusstet ihr vorher, wie toll die Songs sind und dass sie viele Menschen begeistern würden?

Graham: Daran haben wir gar nicht gedacht. Wir haben die Songs nur für uns selbst geschrieben und uns gar nicht darum geschert, ob irgendjemand anders sie hören könnte. Auch im Studio waren wir sehr selbstsüchtig: Wir haben an dem Sound gebastelt, den wir selbst gerne hören wollten. Und als wir dann die ersten Konzerte in New York gespielt haben, war das auch wieder egoistisch: Wir hatten gehofft, dass wir uns eine eigene kleine Gang aufbauen könnten aus den 20, 30 Leuten, die immer zu unseren Shows kommen.

Es dürfte aber schwierig werden, diese Unbekümmertheit auch beim zweiten Album zu bewahren. Der Erfolg von The Drums bringt Druck und eine große Erwartungshaltung mit sich.

Pierce: Das stimmt: Wir werden ständig nach dem zweiten Album gefragt. Aber wir wollen uns davon nicht verrückt machen lassen. Wir haben ein Grundprinzip: Wir wollen uns treu bleiben. Alle Bands, die ich bewundere, hatten eine sehr stringente Karriere mit einem ziemlich konstanten, verlässlichen Sound. Bei The SmithsThe Smiths waren eine Rockband aus Manchester, die eine melancholische Grundstimmung mit poppigen Melodien und cleveren Texten verband. The Smiths bestanden von 1982 bis 1987 und wurden eine der einflussreichsten Gruppen der Musikgeschichte, obwohl sie in den 1980er Jahren kommerziell nicht besonders erfolgreich waren. Die Köpfe der Gruppe, Gitarrist Johnny Marr und Sänger Morrissey, waren nach dem Ende der Smiths in anderen Projekten beziehungsweise als Solokünstler weiter aktiv. war das so, auch bei The Strokes.The Strokes aus New York sind einer der erfolgreichsten Rockbands der 2000er Jahre. Mit ihrem Debütalbum "Is This It" (2001) sorgten sie für ein Revival das kernigen Garagenrocks. Die Nachfolger "Room On Fire" (2003) und "First Impressions Of Earth" (2005) erreichten jeweils in den USA und in England die Top10 der Charts. Danach waren alle Mitglieder des Quintetts auch in anderen Projekten musikalisch aktiv. Im Oktober 2010 soll das vierte Album der Strokes erscheinen. Wir werden nicht der Versuchung erliegen, für das zweite Album in ein riesiges Studio zu gehen und eine ganz extravagante, moderne Platte zu machen. Viele Bands haben nach einem erfolgreichen Debüt diesen Fehler gemacht - und meistens sind es im Rückblick diese Platten, für die sie sich am meisten schämen.

Graham: Viele Leute erwarten, dass wir uns weiterentwickeln und eine Platte machen, die unser erstes Album noch übertrifft. Aber größer als dieser Druck von außen ist der Druck, den wir uns selbst machen mit dem Anspruch, uns treu zu bleiben und nicht allzu viel zu verändern. Sobald man sich auf die Ideen von jemand anderem einlässt - selbst, wenn es gute Ideen sind -, ist die Musik nicht mehr so pur. Das ist es aber, wofür wir stehen: starke, authentische Songs und Persönlichkeiten.

Pierce: Deshalb versuchen wir auch, uns sehr stark abzuschotten. Wir lesen zum Beispiel keine Kritiken. Wir kümmern uns nicht darum, was die Leute von uns denken. The Drums sind aus purer Selbstsucht geboren. Wir wollten einfach genau das machen, worauf wir Lust haben - und nichts anderes. Das ist sehr wichtig: Die Leute sehnen sich nach Orientierung, Authentizität, Ernsthaftigkeit und einer unverwechselbaren Identität. Und genau das steckt in unseren Songs.

Graham: Deshalb ist unser Egoismus eigentlich kein Egoismus, weil er kreativ ist. Wir machen keine Kompromisse, aber damit inspirieren wir andere Menschen. Ständig kommen Fans auf uns zu, die wegen uns eine Band gegründet haben. Denen haben wir also auch etwas gegeben. Und meistens klingen die ganz anders als wir, aber sie haben auch das Credo, nur auf sich selbst zu hören.

Neben dem Egoismus scheint Träumen ein wichtiger Bestandteil von The Drums zu sein. Ihr kommt aus New York, habt aber eine EP mit Surfersongs2009 erschien "Summertime!". Zwei der sieben Lieder erschienen später auch auf dem Debütalbum von The Drums. geschrieben und klingt auf dem Album wie eine Band aus England. Träumt ihr euch mit der Musik an andere Orte?

Pierce: Tolle Popmusik sollte einen immer an einen anderen Ort bringen. Pop ist eine Möglichkeit zur Flucht.

Graham: Wir waren immer schon Träumer. Deshalb versuchen wir immer, einen Song wie ein Foto zu betrachten: Es soll eine ganze bestimmte Perspektive haben, eine Atmosphäre, einen Moment.

Ihr habt kürzlich in einem Interview kritisiert, dass es heutzutage zu wenig gute, klassische Popmusik gibt. Was macht im Sinne von The Drums einen klassischen Popsong aus?

Pierce: Wir orientieren uns an ganz verschiedenen Bands, die aber alle dieselbe Vorstellung davon haben, was einen großartigen Popsong ausmacht: The Wake, die Shangri-Las oder auch die Strokes. Es geht um eine Stimmung, in die man versetzt wird, wenn man diese Bands hört. Und diese Stimmung entsteht durch Ehrlichkeit, Ernsthaftigkeit und Naivität, auch durch Reduktion. Man braucht dafür nicht mehr als einen einfachen Text und eine einfache Melodie.

Graham: Es geht auch um Aufrichtigkeit. Man muss fühlen, was die Künstler sagen. Und bei vielen modernen Pop-Acts ist das nicht der Fall. Dieses Lieder klingen, als würde da ein Schauspieler singen - und nicht eine Persönlichkeit. Andererseits gibt es auch ganz viele moderne Bands wie Cats On Fire, die überragende Popmusik machen, aber kaum Anerkennung dafür bekommen.

Woran liegt es dann, dass Lady Gaga tonnenweise Platten verkauft und sich kaum jemand für Cats On Fire interessiert?

Graham: Die Lösung für dieses Rätsel können wahrscheinlich nur superschlaue Wissenschaftler herausfinden (lacht).

Pierce: Da ist einfach eine riesige Marketingmaschinerie am Werk. Ich habe mich gerade mit Mattias von Cats On Fire über die Frage unterhalten, warum manche Bands groß rauskommen und andere nicht. Seine Band gibt es schon seit 2001, wir sind riesige Fans, sie schreiben tolle Songs, aber sie hatten noch keinen Hit. Uns gibt es noch nicht einmal seit zwei Jahren, und wir sind schon viel bekannter. The Wake sind auch so ein Beispiel. Meiner Ansicht nach waren sie viel besser als New Order. Aber die wurden dann mit einem sehr ähnlichen Sound weltberühmt.

Versucht ihr, euren Erfolg zu nutzen, um kleinere Bands zu unterstützen?

Graham: Ich habe zusammen mit meinem Bruder eine kleine Online-Plattenfirma gegründet, Holiday Records. Wir veröffentlichen jede Woche drei digitale Singles und versuchen so, die Musik unter die Leute zu bringen, die uns gefällt.

Pierce: Und wenn wir eine Band lieben, dann erwähnen sie einfach so oft wie möglich in Interviews (lacht). Außerdem überlegen wir gerade, ein paar von diesen Bands im nächsten Jahr mit auf Tour zu nehmen.

Das klingt ja fast, als würdet ihr euer eigenes The-Drums-Festival auf die Beine stellen. Dabei habt ihr einmal gesagt, dass ihr Festivals eigentlich nicht besonders mögt.

Graham: Das Konzept, ein ganzes Wochenende in der Hitze und im Dreck zu verbringen nur wegen der zwei, drei Bands, die ich vielleicht sehen möchte, gefällt mir einfach nicht.

Pierce: Viele Leute kommen gar nicht wegen der Musik zu Festivals, sondern um sich zuzudröhnen und eine Party mit ganz vielen Leuten zu machen. Das finde ich albern. Allerdings sind wir auch verwöhnt, weil wir aus New York kommen. Alle angesagten Bands spielen da, jeden Abend gibt es irgendwo um die Ecke ein tolles Konzert. Wenn man aus einer Gegend kommt, wo nicht so viel los ist, sind Festivals sicher deutlich attraktiver.

Im September beginnt eure große US-Tour. Fühlt es sich anders an, eure Lieder in der Heimat zu spielen als beispielsweise in Europa?

Pierce: Wir sind jetzt seit zwei Jahren im Rest der Welt unterwegs, und ich freue mich auf die Tour. Unser Album erscheint in den USA auch erst im September, und ich bin sehr gespannt. Vor allem auf dieses Gefühl von Americana, wenn man wirklich in das eigene Land eintaucht und die Heimat vielleicht auch ein Stück weit romantisiert. Wir sind nicht ultrapatriotisch, aber Amerika hat uns und unsere Musik natürlich stark geprägt. Unsere Songs hätten nirgendwo sonst entstehen können.

Graham: Trotzdem fühlt es sich nicht anders an, wenn wir unser Songs dort spielen. Wenn wir zu viert auf der Bühne stehen, ist das für mich wie in einer Blase. Es ist eine ganz spezielle Stimmung, und die Außenwelt spielt dann keine große Rolle mehr. Aber wenn wir zuhause in New York spielen, wird es sicher ein bisschen nostalgisch werden.

The Drums live: 20.11. München, 21.11. Berlin, 22.11. Köln, 8.12. Hamburg

ruk/news.de
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Leserkommentare (1)
  • Kommentar: 1
  • 30.05.2011 20:36
von
SheriCHAN33

Various people in every country take the personal loans from different banks, because that is easy.

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