Gottesdienst beim Familienzirkus
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Von news.de-Redakteur Konrad Rüdiger, Berlin
Artikel vom 01.09.2010
Die Kanadier von Arcade Fire machen scheinbar alles richtig. Das neue Album ist grandios und das Berliner Konzert war seit Monaten ausverkauft. Es folgte ein unwirklicher und satt orchestrierter Indie-Rock-Rausch.
Die Angesagtheit einer Band kann man leicht messen: zum Beispiel in der Relation Online-Auktionspreis zu Kartenpreis. Oder aber mit der Anzahl der professionellen Schwarzhändler vor Ort. Beide Faktoren besagen eindeutig, dass Arcade Fire zu den schwer angesagten Bands gehören. Mit einem brandneuen, überragenden dritten Album The Suburbs waren sie am Dienstag Abend im Berliner Tempodrom zu Gast. Knapp 5000 Zuschauer drängten dabei so erwartungsfroh in den Innenraum, dass die Ordner diesen schließlich abriegeln mussten und die euphorischen, aber zu spät gekommenen Konzertgänger auf die Ränge schickten.
Der Ansturm war also groß, die Erwartungen mindestens ebenso. Doch diese wurden auf die immerhin neun Schulterpaare von Arcade Fire gerecht verteilt. Mit der nötigen Ernsthaftigkeit in Sachen Lichteffekte und Video-Bildschirme wurde daraus eine sehr runde Mischung aus Understatement und punktgenauer Extase in Wort und Ton und vor allem Gestik. Nach einem programmatischen Ready to Start wurde die Punk-Anleihe Month of May heruntergerockt. Was auf das darin enthaltene Stroboskopgewitter folgte, würde auch noch höhere Schwarzmarktpreise locker rechtfertigen.
Vom Publikum wurden Hymnen wie No Cars Go, Neighbourhood #3 (Power Out) und Rebellion (Lies) mit einer sektenähnlichen Begeisterung aufgenommen, die nur zu dem Schluss führen kann, dass diese Band es schafft, für gut anderthalb Stunden ultimativer Glücks- und Heilsbringer zu sein. Menschen, die vermutlich schon seit Jahren keine Indie-Disco mehr besucht haben, bildeten auf den wenigen freien Quadratmetern spontane Tanz-Moshpits. Lediglich bei Crown of Love fehlte gegen Ende und auch nur für eine Minute der nötige Druck auf dem Schlagzeug.
Der Abend hatte weit vorher mit einem wirklich einmaligen Lied begonnen. Owen Pallett, seines Zeichens Immer-mal-wieder-Geiger bei eben jenen Arcade Fire und an diesem Tag hoch gelobte Ein-Mann-Vorband, legte die Messlatte dabei in sportliche Höhen. Sein Cover des Caribou-Electropop-Stompers Odessa (hier in einem älteren YouTube-Video zu sehen) ließ Münder offen stehen und zugleich hoffen, dass Caribou ihren melancholisch angehauchten Club-Hit selber auch so gut live auf die Bühne bekommen.
Die opulente und energiegeladene Inszenierung begründet auch die einzigen Schwächen des Abends. Der arme Soundmann musste angesichts von neun Künstlern und mehreren Dutzend Mikrofonen Schwerstarbeit verrichten und verlor Win Butlers Stimme bei einigen Songs fast völlig. Zudem wirkt die überdrehte Kapelle manchmal wie in einem Familienzirkus, bei dem jeder Beteiligte unbedingt seinen Applaus erheischen will. Die inszenierten bandinternen Kabbeleien zum Ende jedes Konzerts könnten nerven, wenn man nicht gerade in diesem wohligen Meer an Musik versinkt.
Apropos Angesagtheitsfaktor: Arcade Fire kehren im November noch einmal für zwei Gigs nach Deutschland zurück.
Arcade Fire live: 28.11. München, 29.11. Düsseldorf.
juz/ivb/news.de
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