Literarische Camouflage
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Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Artikel vom 01.09.2010
Dieses Mal hat Frédéric Beigbeder keinen Skandalroman geschrieben. Dieses Mal wagt er einen Täuschungsversuch: Ein französischer Roman tarnt sich als Autobiografie eines Mannes, der wegen Koks-Konsums hinter Gittern sitzt und über eine Kindheit nachdenkt, an die er sich nicht erinnern kann.
Wohl dem Land, das ein literarisches Enfant terrible sein eigen nennen darf, das die Klatschspalten ebenso füllt wie die Feuilletons. Frankreich ist ein solches Land, und Frédéric Beigbeder weiß um seine Rolle, die er im Medienbetrieb der Grande Nation spielt. Ein gefundenes Fressen lieferte der Autor von 39,90, einer Abrechnung mit der Werbebranche, die den damaligen Werbetexter seinen Job kostete, vor zwei Jahren, der Presse – und sich selbst. Er ließ sich beim Koksen auf einer Motorhaube erwischen und wurde für einige Stunden eingebuchtet.
Diese Verhaftung nun war nicht nur Beigbeders Ruf förderlich, sie führte auch zum neuen Werk des Autors: Ein französischer Roman. Darin schildert Beigbeder aus der für den Leser so gefährlichen Perspektive seines literarischen Ichs die Zeit in der Zelle: «Ich hätte alles für ein Buch oder ein Schlafmittel gegeben. Da ich weder das eine noch das andere hatte, fing ich an, ohne Stift und mit geschlossenen Augen, dies hier in meinem Kopf aufzuschreiben. Ich hoffe, dass dieses Buch Ihnen die Flucht ermöglicht, so wie mir in jener Nacht.»
Das Problem dabei: Beigbeders Figur weiß zwar durchaus etwas über ihre Herkunft («Ich stamme von einem gläubigen Ritter ab, der am Stacheldraht der Champagne gekreuzigt wurde!»), hat aber keine Erinnerung an ihre Kindheit. Auch deshalb empfindet sie die Verhaftung als teilweise vorteilhaft: «Die Polizisten wollten meine Identität feststellen und ich protestierte nicht – das war auch mir ein Bedürfnis.» Und so begibt sich Beigbeder mit seinem neuen Roman tief in seine Seele, oder besser gesagt: er gaukelt dem Leser vor, als begebe er sich tief in seine Seele. Ein doppelbödiges Spiel mit Identitäten und Erwartungen.
Das Glatteis der Autobiografie
Beigbeders Idee ist nicht neu, wie sein literarisches Ich selbst zugibt, schon Georges Perecs W oder Die Kindheitserinnerung beginnt mit den Worten «Ich habe keine Kindheitserinnerungen», dabei wimmelt das ganze Buch davon. Beigbeders Figur jedoch entgleitet die Kindheit, je mehr sie sich ihr nähert. Ein wenig erinnern ihre Erfahrungen an die Unschärferelation, nach der man um so weniger über den Impuls eines Teilchens weiß, je genauer man seinen Ort kennt. Aus ihrer Kindheit kommen überhaupt keine Impulse.
Doch auch das scheint für den Inhaftierten in Beigbeders Roman nicht nur ein Dilemma zu sein, das zu Unverständnis und Ablehnung von Seiten der Freunde und Verwandten führt. «Ist das Fehlen von Unglück, Dramen, Unfällen und Trauerfällen nicht ein Glück für den Aufbau der Persönlichkeit?», schreibt er. «Dieses Buch wäre nur ein Stöbern im Seichten, Farblosen, eine Höhlenforschungsreise in die Tiefen der bürgerlichen Normalität, eine Reportage über den französischen Alltag.»
So aber ist Beigbeders französischer Roman der geschickte Versuch, Literatur und Geschichtsschreibung zu verquicken, die Hoheit über die eigene Lebensgeschichte wiederzuerlangen und Leser wie Literaturkritiker auf das Glatteis der Autobiografie zu führen. Beigbeder tarnt diesen Versuch als Therapie und die Zeit in Polizeigewahrsam als Selbstfindung. Doch lässt er die Tarnung nicht selbst auffliegen? In einem kleinen, aber auffällig hervorgehobenen Satz? «Kein Bewohner dieses Buches wird jemals sterben», heißt es da und spätestens da weiß der Leser, dass er sich im Reich der Prosa bewegt. Oder doch nicht?
Autor: Frédéric Beigbeder
Titel: Ein französischer Roman
Verlag: Piper
Seitenzahl: 320 Seiten
Preis: 19,95 Euro
Erscheinungsdatum: September 2010
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