Digitaler Phantomschmerz
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Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Artikel vom 31.08.2010
Ein Leben ohne Internet können sich manche Menschen nicht vorstellen. Alex Rühle konnte es, und hielt ein halbes Jahr durch. Sein Buch über dieses Experiment liest sich gerade für Netz-Junkies äußerst charmant. Vor allem, weil es ohne Zeigefinger, dafür mit Herz, Verstand und Humor daherkommt.
Am 1. Dezember erschrickt Alex Rühle dann doch ein bisschen. Noch einen Tag zuvor war alles in Ordnung, da lag auf seinem Bildschirm, direkt hinter der Benutzeroberfläche, eine «cinemascopisch weite Welt», in die er jederzeit hineinspazieren konnte, «um Kraft zu tanken, durchzuatmen, sich darin zu verlieren, die endlosen Great Plains des Netzes». Oder zumindest war ihm das so erschienen. Doch an jenem 1. Dezember klaffen drei Löcher auf dem Desktop, da, wo vorher noch die Icons für Firefox, Internet Explorer und Skype standen. Alex Rühle ist offline. Freiwillig. Für ein halbes Jahr.
Die Regeln dafür sind denkbar einfach: kein Internet, nirgends, weder privat, noch im Job, noch unterwegs auf dem Handy. Und die Folgen machen sich schnell bemerkbar. Kollegen witzeln über den merkwürdigen Selbstversuch, andere fragen neugierig nach, und schon nach zwei Tagen fühlt Rühle selbst sich «leer und nervös». Er hat Buch geführt über sein Experiment. Auf 220 Seiten beschreibt der Journalist der Süddeutschen Zeitung in Ohne Netz, wie das ist mit dem Phantomschmerz, wenn das Smartphone in der Tasche vibriert, obwohl da gar keins ist, wie das ist, wenn man sich selbst beim Internet-Entzug beobachtet.
Und schon nach nur einem Monat blickt Rühle selbstkritisch auf seine ersten Notizen zurück, auf diese «übertriebene Winselei», mit der er auf den ersten Seiten über das Netz und sein Vorhaben geschrieben hatte: «Ich mache all das nicht, weil ich das Internet doof finde», heißt es da. «Im Gegenteil. Ich finde es großartig, ein riesiges Versprechen. Als hätte ich Angst, dass mir irgendwelche fanatischen Blogger mit dem Baseballschläger auflauern, wenn ich nicht erst mal devot den ultimativen Treueschwur aufs Netz leiste.»
«It's the economy, stupid»
Unterhaltsam und vor allem nie belehrend beschreibt Rühle, wie es ist zu recherchieren, ohne Google, Wikipedia und Co. Er beschreibt, wie sich der Alltag verändert, ganz praktisch, etwa im Büro, in dem auf einem Stapel das Buch Payback von Frank Schirrmacher liegt und in dem dieser schreibt, das Schlimme am Dauerbeschuss durch das Netz sei, dass man Wichtiges nicht mehr von Unwichtigem trennen könne. Von wegen: «Ich lade Herrn Schirrmacher hiermit herzlich ein, ein paar Tage an meinem analogen Schreibtisch zu verbringen. Schon nach kurzem wird er baden in Unwichtigem, alles Wichtige aber wird ihm abhanden kommen», schreibt Rühle.
Ständig schwankt der Autor zwischen Erleichterung und Rückfall und manchmal auch «zwischen euphorischer Sehnsucht nach der Wundermaschine und beeindrucktem Staunen darüber, wie rasend schnell sie die Welt aufsaugt». Geradezu schmerzhaft habe er in den ersten Tagen und Wochen des Experiments bemerkt, wie klug das Netz sei, wie schnell, wie fantastisch sortiert. Und wie zur Selbstvergewisserung zitiert er Odo MarquardsOdo Marquard (geboren 1928) ist ein deutscher Philosoph. Philosophie des Stattdessen: «Die neuen Medien ersparen uns Informationsmühe und bewältigen Steuerungsschwierigkeiten. Je besser sie das machen, desto mehr schimpft man auf sie. Das aber ist völlig normal. Je besser es den Menschen geht, desto schlechter finden sie das, wodurch es ihnen besser geht; denn sobald es uns gut geht, werden wir Prinzessinnen auf der Erbse. Wirkliche Errungenschaften nämlich werden nicht genossen, sondern sind selbstverständlich. Die verbleibenden Nachteile ziehen dann unsere volle Aufmerksamkeit auf sich.»
Rühles Selbstversuch liegt im Trend. Kurz nach seinem Tagebuch erschien Ich bin dann mal offline, ebenfalls von einem Journalisten: Christoph Koch. Der allerdings probte den Aufstand gegen das Netz gerade einmal 40 Tage lang. Noch immer wird in einigen Kreisen heiß diskutiert, ob das Netz Fluch oder Segen ist, ob es uns Zeit und Aufmerksamkeit und Hirnschmalz kostet oder uns ganz neue Möglichkeiten eröffnet. Immer wieder hört man von Menschen, die online kürzer treten wollen, die sich vornehmen, in Zukunft mehr Zeit mit Freunden und Verwandten zu verbringen, statt im Netz. Rühle würde diesen Menschen am liebsten zuflüstern: «It's the economy, stupid.» Sich vorzunehmen, seine Zeit besser zu nutzen, sei ungefähr so, als sagte Renate Künast nach dem Scheitern der Weltklimakonferenz, jeder macht jetzt Kopenhagen zu Hause.
Ein ständiger Science-Fiction-Film
Was an Ohne Netz wohl am meisten überrascht, ist die Vielfältigkeit dieses kleinen Buches. Von Alltagsbeobachtungen über philosophische Gedankenspiele bis hin zu Exkursen in die (Literatur-)Geschichte fährt Alex Rühle alles auf, was er zur Verfügung hat. Er bringt dem Leser das aus der Psychologie stammende «subjektive Zeitparadoxon» näher, das besagt, dass intensiv erlebte Zeit dem Menschen rückblickend lang vorkommen, während eintönige Phasen in der Erinnerung zu einem kurzen Punkt zusammenschrumpfen. Er rezitiert Henry David Thoreau und seinen Aussteigerbericht Walden. Oder das Leben in den Wäldern von 1854, in dem dieser beschreibt, wie er zwei Jahre fernab der Zivilisation an einem See gelebt hat, und beleuchtet aus historischem Blickwinkel das Verhältnis des Menschen zu seinen Maschinen.
Ein echtes Fazit fehlt seinem Buch und man kommt nicht umhin, das als große Stärke zu betrachten. Kein moralischer Schlussakkord, keine Handlungsempfehlung, denn wenn Rühle in seinem halben Jahr offline etwas gelernt hat, dann, dass die Welt schon immer eine permanente Anpassungszumutung war, wie er das nennt. «Kaum hat man sich an etwas gewöhnt, kommt etwas Neues daher. Was man natürlich erst einmal für vollkommen nutzlos, überflüssig oder schädlich hält.» Nur sei die Veränderungsrate mittlerweile so schnell geworden, «dass selbst 25-Jährige permanent staunend davorstehen und es kaum fassen können, was nun wieder Neues möglich ist, ja, seit einigen Jahren kann einen das Gefühl beschleichen, permanent in einem Science-Fiction-Film unterwegs zu sein». Trotz fehlendem erhobenen Zeigefinger jedoch lässt sich aus Rühles streckenweise äußerst unterhaltsamen Buch eine Menge lernen. Etwa, wie dünn das Eis ist, auf dem sich Internetnutzer wie der Autor täglich bewegen: Jeden Moment drohen sie einzubrechen und in der Internetsucht zu versinken. Und trotz fehlender Handlungsanweisung eröffnet er dem Leser neue Perspektiven, neue Gedanken, auch auf das eigene Verhalten.
Henry David Thoreau ist nach den zwei Jahren wieder zurückgekehrt aus seinem Exil, und noch manches Mal danach hat er sich gefragt, ob diese Entscheidung wohl richtig gewesen sei. «Ich glaube nicht, dass ich sagen könnte, warum ich die Wälder wieder verlassen haben. Ich habe mich oft dorthin zurückgesehnt (...) Wer weiß, wenn ich dort etwas länger gelebt hätte, wäre ich für immer geblieben.» Und Rühle? Hätte er für immer offline bleiben mögen? Zumindest bedauert er nach dem halben Jahr, dass es schon zu Ende ist. Und doch bleibt er auch ein wenig ratlos zurück, wie es nun weitergehen wird mit ihm. Kürzer treten? Netzfreie Zeiten einrichten, um nicht gleich wieder stundenlang darin zu versacken? Keine schlechte Idee. Doch der freie Wille, schreibt Rühle, sei bei Junkies wie ihm ausgeleiert wie ein altes Gummiband. Gerade die aber dürften eine wichtige Zielgruppe für sein Buch sein.
Wohl auch deshalb hat es eine eigene Facebook-Fanseite.
Alex Rühle: Ohne Netz: Mein halbes Jahr offline, Klett Cotta Verlag, 224 Seiten, 17,95 Euro, Erscheinungsdatum: Juli 2010.
amg/ivb/news.de
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Sehr spanSehr spannendes Thema! Mein Bruder & ich haben diesbezüglich ein Projekt laufen, welchen den 20.10.2010 als offiziellen "TheOfflineDay" einführt. Die Frage, wie abhängig man geworden ist, kann dann jeder vielleicht für sich beantworten, wenn er bewusst mal "alle Stecker zieht". Christoph Koch fand unser Projekt hinsichtlich seines Buches auf jedenfalls toll. Schaut gerne diesbezüglich in unserem Blog rein: http://theofflineday.wordpress.com/
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