Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann
Wagnis im Namen der Kunst: Dani Levy rechnet mit der Filmbranche ab und schickt einen zotteligen Regisseur auf die Leinwand. Der plant einen Film über den Mohammed-Karikaturenstreit - der Titel: Mu-ha-ha-med.
Ja, das hat sich der Levy fein ausgedacht, man sieht ihn förmlich vor sich, wie er hinter der Kamera steht und sich diabolisch kichernd die Hände reibt. Mit seinem neuen Film Das Leben ist zu lang will der Regisseur allen ein Schnippchen schlagen: Dem Zuschauer, der Blockbusterindustrie, seinen Schauspielern und dann auch noch sich selbst.
Nur leider verzettelt er sich völlig zwischen all den Schnippchen und so ist sein Film vor allem eines: eine Collage, in der die Elemente – je weiter sich der Film zum Ende vorarbeitet – immer loser durcheinander purzeln. Kinofreaks und die deutsche Filmbranche werden sich wohl köstlich amüsieren, der durchschnittliche Kinogänger könnte sich aber etwas überfrachtet fühlen angesichts der ganzen Querverweise, Zitate und Ebenen, die Dani Levy hier aufmacht.
Es fängt schon damit an, dass er die Basis seiner Story an den Coen-Film A Serious Man anlehnt. Ach, was heißt anlehnt? Er zitiert nicht nur hemmungslos, sondern kupfert ab. Markus Hering erinnert in seiner Rolle des Alfi Seliger nicht nur an die Coen-Figur Larry Gopnik (Michael Stuhlbarg), er teilt mit ihm auch ein zum Verwechseln ähnliches Schicksal: Seliger ist Jude und er zieht das Unglück magisch an. Außerdem hat er eine untreue Ehefrau und eine bebrillte Tochter, die ihn hasst. Darüber hinaus ist die Figur Alfi Seliger unverkennbar ein Alter Ego des Regisseurs selbst, der sogar die eigene Tochter in die Rolle des nervenden Sprosses schlüpfen lässt.
«Über Film muss man doch reden können»
Die ersten Minuten des Films sind aber erst einmal vielversprechend und zeugen von einem herrlich bösen Zynismus: «Ich freue mich, dass sie eine Karte gekauft haben. Damit haben Sie sich gegen das Blockbuster-Popcorn-Kino und für einen komplizierten deutschen Film entschieden», sagt da eine Stimme. Und da dürfte jedem Zuschauer auch schon klar sein, dass das kein Kinoabend wird, bei dem man sich einfach so zurücklehnen kann. «Über Film muss man doch reden können», sagt dann die Stimme noch, bevor Alfi Seliger, zu dem sie gehört, vorgestellt wird. Und reden kann, ja muss man sogar über diesen Film, der so viel wollte, dabei aber leider völlig daneben griff.
Alfi Seliger ist Filmemacher, aber leider ein One-Hit-Wonder. Das tut dem männlichen Ego nicht gut, vor allem weil es tief in einer Midlife-Crisis steckt. Dazu hat es auch allen Grund: Seliger kommt zwar noch auf die wichtigen Parties, wird aber immer wieder mit der Frage konfrontiert: «Wer hat den denn eingeladen?» Verzottelt und zerknittert wanzt er sich an Bully Herbig oder Katja Riemann heran, um sie für seinen neuen Film zu begeistern. Der soll eine Satire auf den Mohammed-Karikaturenstreit sein und den Titel «Mu-ha-ha-med» tragen. Das ist im Prinzip eine herrliche Idee, zumal der Held dabei die Fahne der Satirefreiheit hochhält – nur leider verlegt er sie irgendwo zwischen Ehekrise, Darmspiegelung, Verkehrskontrolle und einem Techtelmechtel mit Caro Will (Yvonne Catterfeld).
Als wolle Levy dem Film damit Durchschlagskraft verleihen, lässt er eine ganze Kompanie bekannter deutscher Schauspieler durch seinen Film marschieren: Von Veronica Ferres als mannstolle russische Produzenten-Gattin über Heino Ferch als süffisanten Arzt, Meret Becker als Seligers frustrierte Ehefrau bis hin zu Yvonne Catterfeld als seichter Serienstar. Sie alle sind gekommen zum Klassentreffen des deutschen Films und waren dabei so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass sie den zahlenden Kinokunden völlig aus den Augen verloren haben.
Frust über die Filmindustrie
Der Film hechelt von Star zu Sternchen, von schmierigen Filmproduzenten zu zickigen Schauspielern und ist dabei eine ungeheuer anstrengende Selbstbespiegelung der Filmbranche. Auch wenn der schusselige Seliger einige gute Lacher-Perlen kredenzt, am Ende bleibt der Zuschauer doch ziemlich ratlos zurück. Levy wird sich vielleicht geläutert fühlen, denn in Das Leben ist zu lang hat er offenbar seinen ganzen Frust über die verlogene Filmindustrie und seine mittlerweile vor sich hin dümpelnde Karriere gepackt.
Die Story entwickelt sich so haarsträubend, dass irgendwann selbst der Hauptdarsteller keine Lust mehr hat und hofft, mit einem Selbstmord endlich von dem Elend erlöst zu werden - leider macht das alles nur noch schlimmer: Jetzt muss er nämlich erkennen, dass die Sacher viel komplizierter ist und er inmitten eines perfiden Spiels steckt - damit dreht dieser Film komplett durch. Erst hatte man sich noch gewundert, dass die Dialoge so gestelzt sind, wenn dann die Aufklärung kommt und alles in sich zusammen sackt, wie ein misslungenes Soufflé, ist jegliche Empathie längst erlahmt.
Richtig anstrengend wird es, wenn Levy selbst in seinen Film schlüpft und sich seltsam verkniffen feixend vor seiner Figur hinter einer Medikamentenwand versteckt. In diesen Augenblicken hat man fast das Gefühl, dass ihm selbst unheimlich wurde, was er da angerichtet hat und vielleicht steht ihm auch ein leiser Zweifel ins Gesicht geschrieben. Mit so einer Wendung kann man heute jedenfalls keinen mehr so leicht hinterm Ofen hervor locken. Das hat mit Jim Carrey im Film Die Truman Show funktioniert - und das ist auch schon zwölf Jahre her.
Titel: Das Leben ist zu lang
Regie: Dani Levy
Darsteller: Markus Hering, Meret Becker, Veronica Ferres, Yvonne Catterfeld, Heino Ferch, Ele Sommer u.a.
Filmlänge: 86 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Verleih: X-Verleih
Kinostart: 26. August 2010