Berliner Zeitung Gescheitertes 3D-Experiment

Berliner Zeitung (Foto)
Die 3D-Beilage der Berliner Zeitung. Bild: news.de

Von news.de-Redakteur Konrad Rüdiger
Mit großem Tam-Tam hat die Berliner Zeitung heute das 3D-Zeitalter für gedruckte Zeitungen eingeläutet. Drei Tage bevor die Bild dreidimensional wird, zeigt sich jetzt schon, dass 3D in Zeitungen nur begrenzt funktionieren kann.

Heute gab es bei einer Regionalzeitung verhältnismäßig viel Zeitung fürs Geld. Während Berliner und Brandenburger 90 Cent für die Nr. 197 des 66. Jahrgangs der Berliner Zeitung zahlten, gab es sie im Rest der Republik für einen Euro. Mit dabei: Eine 3D-Brille, serviert mit dem Spruch «Jetzt gibt’s was auf die Augen», und eine 24-seitige Extrabeilage in 3D. Lediglich die tagesaktuell produzierten 32 Seiten kamen im normalem Gewand daher, der Rest machte die Ost-Berliner stolz. Drei Tage vor Springer mit deren Sonderausgabe der Bild-Zeitung servierte man vor allem der Werbekundschaft eine Innovation, wie es sie im Printmarkt nur noch sehr selten gibt. Alle Anzeigen wurden in 3D gestaltet, die Motive teilweise aufwendig neu gestaltet.

Der wirkliche Mehrwert dieser aufwendigen Aktion bleibt jedoch arg limitiert. Die in 3D aufbereiteten Themen sind nicht tagesaktuell und transportieren so keine wirklichen Zeitungsinhalte. Man weiß nicht so recht, ob man ein 3D-Magazin auf billigem Papier vor sich hat oder einige Seiten Beilage, die keinem weh tun, aber um des Fortschritts willen sein müssen.

Die Umsetzung auf Zeitungspapier beeindruckt dabei trotz des fehlenden Wow-Effekts. Zum Lesen der Texte braucht man die Brille nicht, mit ein wenig Geduld wirken einige der Illustrationen, Fotos und Grafiken dann doch angenehm anders. Ein wenig erinnert das Ganze an das Magische Auge, dessen Bücher in den 1990er Jahren Millionen entweder faszinierte oder frustrierte. Gegen das Experiment im Magazin der Süddeutschen Zeitung, in die Sphären der sogenannten Augmented RealityUm digitale Informationen erweiterte Realität vorzustoßen, wirkt es in jedem Fall viel beschränkter.

Zugleich stört der zusätzliche Platzbedarf beim Lesen. Denn 3D wirkt nur, wenn sich in 3D etwas bewegt. Und das ist beim Zeitungslesen dann entweder die Zeitung oder der Leser. Das ergibt dann beim redaktionsinternen Test scheinbar haltlos herumwankende oder eben ungelenk mit der Zeitung herumfuchtelnde Kollegen. Allen gemein war dabei die ominöse Brille. Man sieht damit noch ein wenig bemitleidenswerter aus als ohnehin schon als Zeitungsleser.

Die Berliner Zeitung gibt damit den Vorreiter einer Entwicklung, die unaufhaltsam scheint. Was David Cameron mit seinem Avatar großformatig im Kino anstieß, flutet nun mit einiger Verzögerung auch die traditionellen Medien. Das hastige Wettrennen um die erste 3D-Zeitung zeigt nur, wie groß der Druck auf die Verlage geworden ist. In den vergangenen Monaten hatte die Berliner Zeitung zudem ihre Mantelredaktion mit der der Frankfurter Rundschau (FR) zusammengelegt und am Montag kamen von der FR Hiobsbotschaften von einem neuerlichen Stellenabbau.

reu/news.de

Leserkommentare (3) Jetzt Artikel kommentieren
  • Paul Müvesz
  • Kommentar 3
  • 14.09.2010 23:03

wo ist denn da der erfolg zu sehen? das inhaltliche der beilage war ja wohl mehr als dürftig u hat die klassische leserschaft der berliner ztg wohl kaum interessiert. dazu: die tollen anzeigen bestanden vornehmlich von lokalen pkw-einzelhändler, die ihre grafikagenturen einfach mal bemüht haben, ihnen etwas in 3-d zu entwerfen. u dazu noch zu äußerst günstigen anzeigenpreisen... nur: die ganze idee kam ja eh von springer, der berliner verlag erfuhr das u zog das so große und innovative thema vor, um sich dann als erster zu feiern...

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  • Harald Rauh
  • Kommentar 2
  • 26.08.2010 11:04

Berliner Fachverlag will auch in die 3. Dimension und ist auf der Suche nach einem/einer Leiter/-in der Mediengestaltung https://www.xing.com/jobs/910503

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  • Jörg Schäfer
  • Kommentar 1
  • 26.08.2010 07:38

Was ist daran gescheitert? Mir ist nicht klar, warum der Autor dieses 3D-Projekt der Berliner Zeitung als gescheitert ansieht. Dies wird im Artikel nicht deutlich. Wenn damit aber gemeint sein soll, dass diese Beilage in 3D kein Erfolg in kommerzieller Hinsicht sein soll, so spricht dem entgegen, dass die Berliner Zeitung am Mittwoch in Berlin AUSVERKAUFT war! Demzufolge sind also nicht nur die Werbekunden des Verlages begeistert, sonder auch der Leser. Einen größeren Erfolg kann es doch gar nicht geben. Trotz der nicht so ganz neuen Technik des Verfahrens wirken die Anzeigen/Bilder absolut

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