Der ganz normale Familienwahnsinn
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Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen
Artikel vom 01.09.2010
Mutter Irma wird 65, und die Kinder wollen ihr eine Freude machen. Doch zum Geburtstag kommt nicht nur eine Torte, sondern auch jede Menge Wahrheit auf den Tisch. Bei Alles Liebe lohnt das Einschalten; es ist wunderbar gespielt und sehr amüsant.
Hannelore Elsner ist die starke Frau des Fernsehens: In der ZDF-Krimireihe Die Kommissarin mimt sie die toughe Ermittlerin Lea Sommer, in dem Kinofilm Hanni & Nanni war sie kürzlich als strenge Schuldirektorin Theobald zu sehen und demnächst spielt sie in dem ARD-Zweiteiler Der letzte Patriarch (10. September, 20.15 Uhr, Das Erste) an der Seite von Mario Adorf (er gibt in dem Film den Marzipanfabrikanten Konrad Hansen) die Rolle einer eigenwilligen Künstlerin.
In der Tragikomödie Alles Liebe, die das Erste am 1. September um 20.15 Uhr ausstrahlt, ist die Elsner einmal gegen den Strich besetzt: Darin spielt sie Irma, ein unterdrücktes Heimchen am Herd, das am liebsten in der Küche steht und Kohlrouladen kocht, während die drei Kinder sich allerhöchstens mal zum Geburtstag der Mutter melden.
Als Irma 65 wird, wollen die beiden Töchter und der Sohn ihr eine besondere Überraschung machen. Gemeinsam fahren sie zu einem heruntergekommenen Ferienhaus am See, das der Familie gehört und das Irmas verstorbener Mann wieder aufbauen wollte. Doch statt Irma einen Gefallen zu tun, kommen bei ihr nur schmerzhafte Erinnerungen hoch. «Ich war nie gern hier», mosert die Mutter, «das ist kein Heim, das ist eine Wunde.» Als schließlich noch drei weitere Überraschungsgäste eintreffen, ahnen erfahrene TV-Gucker schon die Katastrophen in diesem Film.
Das Muster ist nicht unvertraut. Aber Drehbuchautorin Beate Langmaack wollte nicht die Geschichte einer verfallenden Fassade zeigen, wie es sonst in solchen Filmen üblich ist, mit unverhofft auftretenden unehelichen Kindern des verstorbenen Vaters, mit missbrauchten Töchtern und ähnlichen Abgründen, die sich plötzlich im eben noch so lauschigen Familienidyll auftun können. «Eigentlich», sagte Regisseur Kai Wessel kürzlich in einem Interview, «passiert hier 90 Minuten lang nichts.»
Das allerdings ist leicht untertrieben: Der mitgebrachte Freund der Tochter hat etwas mit der mitgebrachten Freundin des Sohnes, die Enkelin ist plötzlich verschwunden, Mutter Irma soll Krebs haben und treibt den Rest der Familie mit ihren gnadenlos gebratenen Kohlrouladen zur Verzweiflung. Daneben wird ihr auch noch klar, was für ein schäbiges Leben sie doch im Vergleich zur gleichfalls auftauchenden glamourösen Freundin und früheren Rivalin Helen hatte.
Langmaack und Wessel ist mit Alles Liebe ein Meisterstück des Genres gelungen. Da stimmt die Dramaturgie, die dem Rhythmus des Alltags abgelauscht ist und die immer im richtigen Augenblick belebende Momente als Katalysatoren von außen in die Handlung hineinholt, um sie kurz vor dem emotionalen Höhepunkt wieder aus dem Kreis der Liebenden zu entlassen.
Und dann geht es plötzlich zur Sache – und alle können austeilen, besonders Mutter Irma und Kathrin, die Älteste. Alle bekommen ihr Fett weg: die kalte Planerin, das bauchgesteuerte Schönchen, Muttis Liebling und auch die Mutter selbst mit ihrem selbstgefälligen «Opfergetue». Aber sie können auch verzeihen und sich entschuldigen. Und in der Wut steckt auch Besinnung auf sich selbst und das, was Familie bei allem Anderssein und allen unterschiedlichen Lebenskonzepten, bei allen Ängsten und Vorwürfen heißen kann.
Die Dialoge spiegeln die Charaktere und sind zugleich Motor des dreitägigen Beziehungstreibens. Wessel versteht es, Hannelore Elsner nicht zum alles bestimmenden Mittelpunkt zu machen. Auch den anderen Schauspielern gelingt es, ihre Persönlichkeit ins Spiel zu bringen. Man fragt sich, in welchen Filmen sich Julia Brendler seit Verbotene Liebe (1989), Reise in die Nacht (1997) und Dolphins (1999) versteckt hat. In Alles Liebe sieht man sie wieder einmal - schön und gut. Und Karoline Eichhorn beweist einmal mehr, dass sie eine der Besten ihrer Generation ist. Wie ihre starke Kathrin urplötzlich zwischen Tränen erweicht in einer Szene mit Elsner oder sich in Lachkrämpfen über die peinliche Mutter windet – das ist großes Charakterfach.
Man muss lachen und mitleiden, staunen und den Kopf schütteln, wie sich diese Familie mit Lust und Verzweiflung selbst zerlegt. Artifiziell und realistisch zugleich gehört dieses Kammerspiel zum Besten, was das Fernsehjahr 2010 bisher zu bieten hatte.
Alles Liebe, 1. September, 20.15 Uhr, Das Erste.
ivb/news.de
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