So., 27.05.12

Wende-Doku im MDR 24.08.2010 Die Macht der Schnauzbärte

Harry S. Morgan (Foto)
Der Erotikfilm-Produzent Harry S. Morgan. Bild: MDR/LE Vision

Von news.de-Redakteur Michael Kraft

1990 war das Jahr der Wiedervereinigung. In einer dreiteiligen Doku zeichnet der MDR den Aufbruch zur Einheit nach. Es gibt viel zeitgenössisches Bildmaterial, Erinnerungen von Zeitzeugen - und einen erstaunlichen Willen zum Miteinander.

«Aufbruch oder Untergang?», lautet gleich zu Beginn die Frage. Die dreiteilige Dokumentationsreihe 1990 – Aufbruch zur Einheit hat eine klare Antwort: Aufbruch.

Das liegt nicht daran, dass Wehklagen, Verklärung oder Ostalgie im ostdeutschen Leitmedium MDR  per se unerwünscht wären. Es liegt an der Herangehensweise der Macher. Der Untertitel Unbekanntes aus Mitteldeutschland gibt Aufschluss darüber, wie 1990 – Aufbruch zur Einheit entstanden ist. Wie schon beim Vorgänger 1989 – Aufbruch ins Ungewisse werden hier vor allem zeitgenössische Videodokumente gezeigt, umrahmt von Erinnerungen von Zeitzeugen.

Die Schauplätze, jeweils etwas altbacken eingeführt durch eingeblendete Postkarten, wirken deshalb mitunter willkürlich, die Ereignisse unbedeutend – zumal man bewusst in der Provinz gesucht hat. Nicht nur einmal hat man den Eindruck, ein Thema tauche nur deshalb auf, weil es davon eben bewegte, bunte Bilder gab.

Doch die Methode führt auch zu einem hohen Maß an Authentizität. Das Frühjahr (Teil 1, heute im MDR), in dem noch der Taumel der Grenzöffnung nachwirkte, der Sommer mit der Währungsunion und der Fußball-WM (Teil 2, morgen) und schließlich der Herbst mit dem Einigungsvertrag und dem chaotischen Alltag voller Umbrüche (Teil 3, Dienstag, 31. August, jeweils 22.05 Uhr) – all dies wird hier noch einmal lebendig, gerade weil die Geschichten der kleinen Leute erzählt werden.

Da ist der Obsthändler, der nur noch gegen D-Mark verkaufen will, aber erstmal nach München zum Großmarkt fahren muss, um überhaupt die gesamte Breite der exotischen Vielfalt kennen zu lernen. Die Lehrerin, die mit neuen Unterrichtsinhalten zurechtkommen muss. Der Soldat, der sich fragt, wofür er überhaupt noch rekrutiert wurde. Und der Filmemacher aus dem Westen, für den die neuen Länder «ein großer Zoo, wo man nie hinter die Gitter durfte» sind, und der schleunigst des Sex-Leben der DDR-Bürger auf Video festhalten möchte.

Wie sehr hier ein ganzes Volk von seiner eigenen Macht überrumpelt wurde, das lässt 1990 – Aufbruch zur Einheit durchaus wieder erahnen. Es gibt Existenzgründer, spontane Streiks, Pragmatismus, Initiative, Wut auf die Bonzen, Stolz und Wille. Es gibt viele knallige Farben, reichlich Dauerwellen und Schnauzbärte. Und ab und zu gibt es auch noch das Funktionärsdeutsch aus der Zeit vor der Wende. Dann ist von «Werktätigen» die Rede, von «Kombinatsleitern» und von «neuem Mut überall in der DDR».

Mit wie viel Wille zum Miteinander und Mut zum Improvisieren Ost und West in diesen Tagen zusammen gefunden haben, das überrascht im Rückblick am meisten – und sollte für die Gegenwart zu denken geben.

1990 – Aufbruch zur Einheit. Unbekanntes aus Mitteldeutschland, MDR, 24., 25. und 31 August, jeweils 22.05 Uhr

ruk/news.de
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