«Und ab dem vierten Monat ist es Mord»
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Von news.de-Mitarbeiter Armin Peter
Artikel vom 23.08.2010
Die junge Gabita will abtreiben und sucht mir ihrer Freundin einen Engelmacher auf. Im kommunistischen Rumänien Ceausescus ist das illegal – und hochriskant. Der Film 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage lässt den Zuschauer an einem Albtraum teilhaben.
Zigaretten können der siebte Himmel sein. Zumindest im kommunistischen Rumänien. In einer Kleinstadt leben die Technikstudentinnen Otilia und Gabita, sie teilen sich ein winziges Zimmer im Studentenwohnheim. Das kommunistische Ceausescu-Regime steht kurz vor dem Zusammenbruch, daher sind die beiden hauptsächlich damit beschäftigt, sich auf dem Schwarzmarkt mit Zigaretten, Kosmetika und anderen Dingen einzudecken und die gröbsten Versorgungsengpässe zu überbrücken.
Doch die Studentinnen haben noch ein anderes Problem: Gabita ist schwanger und hat sich zur Abtreibung entschlossen. Legal kann sie das nicht tun: Seit 1960 stehen Abtreibungen in Rumänien unter Strafe. Die beiden Freundinnen haben daher Kontakt zu einem Engelmacher aufgenommen – er soll das ungeborene Kind in einem Hotelzimmer entfernen. Harter Tobak, den das ZDF im Film 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage am 23. August zu später Sendezeit (0.10 Uhr) serviert.
Wie eine Geheimoperation muss der Schwangerschaftsabbruch geplant werden – doch Gabita hat Angst. Sie belügt ihre Freundin Otilia und erfüllt ihre Vorbereitungsaufgaben nicht. Schließlich stehen die beiden in einem schäbigen Hotelzimmer dem zwielichtigen Dr. Bebe gegenüber - Gabitas Lügen fliegen in Minutenschnelle auf. Als der Engelmacher jedoch erfährt, dass die beiden zu wenig Geld haben und Gabita nicht im zweiten, sondern schon im vierten Monat schwanger ist, stellt er Bedingungen, die weit über finanzielle Forderungen hinausgehen.
Gnadenlos nutzt der Doktor die Situation aus, denn «ab dem vierten Monat ist es nicht mehr Abtreibung, sondern Mord». Der Preis, den nun auch Otilia zu zahlen hat, ist höher, als es sich die beiden Mädchen vorgestellt haben. Und auch das nervenzerreißende Versteckspiel, die Heimlichkeit, mit der alles vonstatten gehen muss, zehrt an Otilias Nerven – nun muss sie zeigen, dass sich Gabita trotz allem auf sie verlassen kann.
Zeitreise in den Kommunismus
Beklemmend graue Bilder eines zerfallenden Staates vor winterlich-trüber Kulisse – der Zuschauer erlebt eine sehr authentische Zeitreise in die letzten Jahre des rumänischen Kommunismus.
Viel schockierender ist aber die minutiöse Nachzeichnung einer Abtreibung mit einfachsten Mitteln. Ohne Spezialeffekte und Geschrei, dazu nur das nötigste Blut. Und trotzdem: Man steht direkt daneben, kommt nicht davon.
Dazu tragen auch die schonungslosen Dialoge bei: «Schmeiß es nicht in die Toilette, auch nicht in kleinen Stücken, die verstopft sonst», so der emotionslose Rat des Engelmachers an die beiden leichenblassen Mädchen. Gerade die Nüchternheit der Beteiligten, die nur das Nötigste sprechen, macht den Zuschauer sprachlos. Regisseur Christian Munglu lässt Bilder sprechen.
Zwei junge Frauen, die in einer kommunistischen Diktatur ein ungeborenes Kind, ja, entsorgen – getrieben von Angst, Hilflosigkeit und der Furcht vor Verrat und Haft. Der dumpfe Aufprall, als der Fötus schließlich am Grunde des Müllschachts aufschlägt, ist Anklage und Erleichterung zugleich.
4 Wochen, 3 Monate und 2 Tage wurde 2007 mit der Goldenen Palme des Filmfestivals in Cannes und weiteren Preisen ausgezeichnet. Auch der Europäische Filmpreis in der Kategorie «bester Film» ging an das rumänische Team – Regisseur Christian Munglu wurde als bester Regisseur geehrt.
Zu Recht, denn die feinfühlige Regie in Verbindung mit hervorragender Kameraführung erreicht, was bei einem solch sensiblen Thema nur wenige Filme schaffen: Christian Munglu lässt den Zuschauer direkt am Albtraum der beiden Studentinnen teilhaben – ohne dabei mit dem moralischen Zeigefinger zu wedeln oder ihre Handlungen in irgendeiner Weise zu werten. Ein bemerkenswertes Werk.
4 Wochen, 3 Monate und 2 Tage, 23. August, 0.10 Uhr, ZDF.
car/ivb/news.de
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