Von news.de-Redakteuren Michael Kraft und Ines Weißbach
Sie sind trotz dürftigem Line-Ups gekommen, sie haben trotz Matsch gefeiert und sie haben trotz Sonne keinen Schatten gesucht. Auch am neuen Standort sind die Fans dem Highfield-Festival treu geblieben. Auch wenn es noch kurz vor Beginn auf der Kippe stand.
Aus Schlamm kann man ja eine Menge machen. Kosmetik-Anwendungen, Naturdünger, moderne Bildhauerei. Angeblich ist unser ganzer Planet, mit all seinen Landschaften, Tieren und Pflanzen ja aus einer einzigen riesigen Suppe Urschlamm entstanden.
Die Macher des Highfield-Festivals standen trotzdem vor einer besonderen Herausforderung: Aus einer Halbinsel voller Schlamm mussten sie innerhalb weniger Tage ein Rockspektakel mit 46 Bands für erwartete 25.000 Besucher machen. Nach drei Tagen lautet das Fazit: Es ist gelungen. Aber es war knapp.
Noch am Mittwochvormittag – zwei Tage, bevor die ersten Bands auf der Bühne standen – waren die Veranstalter kurz davor, das gesamt Event abzusagen. «Das war die letzte Chance, alles abzublasen. Wenn wir noch in Hohenfelden gewesen wären, hätten wir das wohl auch getan. Aber beim ersten Highfield in Großpösna wäre das katastrophal gewesen. Die Leute hätten gedacht, dass wir zu blöd sind, einen passenden Standort zu finden», sagte Folkert Koopmanns von Veranstalter FKP Scorpio im Gespräch mit news.de. Deshalb entschied man sich, das Festival durchzuziehen. Mehr als 8000 Quadratmeter Bodenabdeckungen und mehr als 2000 Tonnen Schotter wurden kurzfristig nach Großpösna in die Nähe von Leipzig gekarrt, und so konnte – gemeinsam mit der pünktlich zum Festivalstart am Freitag strahlenden Sonne – doch noch die nötige Standfestigkeit gewährleistet werden.
Für die meisten Fans galt letztlich: halb so Schlamm. Vom Chaos, das hier noch am Donnerstag herrschte, war nicht mehr viel zu merken. Trotzdem müssen die Highfield-Macher zwischendurch den Eindruck gehabt haben, sie seien von missgünstigen Geistern aus Hohenfelden verflucht worden – dem traditionellen Highfield-Standort in Thüringen hatte man wegen eines nicht verlängerten Pachtvertrags den Rücken gekehrt. Neben den extrem schlechten Wetterbedingungen gab es auch kurzfristige Absagen von Künstlern. So mussten am Samstag etwa Black Rebel Motorcycle Club ihre Show absagen, weil der Vater von Sänger Robert Levin Been starb, der zudem Tontechniker der Band ist. Auch die Tragödie bei der Loveparade in Duisburg erschwerte die Organisation: Das gesamte Konzept für das neue Gelände wurde extra gründlich geprüft.
Schließlich war – wie bei vielen deutschen Festivals in diesem Sommer – auch das Programm nicht makellos. Dass es immer mehr große Festivals in Europa gibt, die sich an denselben Wochenenden um dieselben wenigen wirklich großen Namen im Musikgeschäft streiten, machte sich auch beim Highfield bemerkbar. Mit Blink-182 hielt beispielsweise am Sonntagabend eine Band als Zugpferd her, deren erfolgreichste Zeit zehn Jahre zurückliegt.
Auch das Headliner-Problem mag (zusammen mit der Tatsache, dass sich das Highfield in seiner neuen Heimat erst etablieren muss) dazu beigetragen haben, dass die Besucherzahl mit 22.000 leicht hinter den Erwartungen zurück blieb. Für den Fan-Zuspruch gilt wohl wie für das Gelände das Prädikat «noch ausbaufähig». Die Veranstalter wollen bis zum kommenden Jahr noch einmal mindestens einen «sehr hohen sechsstelligen Betrag» in die Infrastruktur investieren.
Diese Bands waren dabei:
The Gaslight Anthem: Die New Jerseyer sind genervt vom Bruce-Springsteen-Vergleich. Dennoch spielen sie mit ihrem kompetenten Stadionrock ein wohliges Gefühl in die Bäuche derer, die bis zu diesem Zeitpunkt dachten, sie sind zu alt für Festivals. Vielleicht auch, weil die Zeltnachbarn ihre Kinder sein könnten.
Gogol Bordello: Eugene Hütz und seine Truppe aus fidelnd-quetschenden Amerikaeinwanderern brauchen nach wie vor nur eine Flasche Wein als Bühnenbild und ganz viel kreatives Chaos, um die Gypsy-Punk-Party in Gang zu bringen.
WIZO: Die Überraschung des Festivals. Die Punks aus Sindelfingen haben beim Highfield ihren ersten Auftritt im Osten seit ihrer Wiedervereinigung und bringen die Alt- und Neufans zum Springen. Wer kann schon still bleiben, wenn es um wirklich wahre Anarchie geht? WIZO hatten sich 2005 aufgelöst und im vergangenen Jahr wiedervereint.
Wir sind Helden: Auch eine Art Comeback. «Wir sind die deutsche Nachwuchsband Wir sind Helden», sagt Sängerin Judith Holofernes. Drei Jahre lang war es still um sie. Jetzt sind die Berliner mit einem neuen Album zurück. Der Versuch der weltverbessernden Sozialkritik bleibt. Die Songzusammenstellung war abenteuerlich. Trotz der vielen langsamen, unbekannten Songs gab es keine Buhrufe. Und mit einer ausufernden Version von Müssen nur wollen kriegten die Helden dann die Kurve.
Fotos: Sie waren nur Ersatz und haben sich sichtlich gefreut, mal wieder auf einem Festival spielen zu dürfen. Vergessen war ihr Gespiele dennoch schnell.
The Drums: Im Interview sprachen die New Yorker von Authentizität. Auf der Bühne machten sie sich dann wie sehr behaarte Ballerinas aus. The Drums sind jetzt der Hype und hopsen bald wieder aus den Gedächtnissen.
Danko Jones: Prototypisch für den Schweinerock am Samstag. Der Kanadier hatte keine Mühe, innerhalb von nur einer Ansage und 30 Sekunden Beileidsbekundungen und sexistische Zoten zu vereinen. Auch eine Leistung.
Madsen: Mit diesem Auftritt haben sie auch die Fans überzeugt, die Madsen sonst für Mädchenmusik halten. Neben Pyrotechnikeneffekten und Konfetti, klingt die Band live fast wie Hardrock. Das Pixies-Cover Where Is My Mind als Zugabe war ein Volltreffer.
Unheilig: Schon vor Beginn des Auftritts flackerten Kerzen auf der Bühne. «Jetzt kommt Unheimlich», raunte es durchs Publikum. Gekicher.
Placebo: Das Trio bot am Samstag eine solide Headliner-Performance. Nicht weniger, aber leider auch nicht mehr.
Jennifer Rostock: Hatten zumindest die längste Schlange am Autogrammstand.
Bela B y Los Helmstedt: Spulten ihr Programm ab, lockerten es jedoch ein wenig mit Peniswitzen über Fettes Brot auf.
Band Of Horses: Die Band aus Seattle stellte mit Seventies-Look und tollen Melodien unter Beweis, dass das Attribut «Kings Of Leon für Mädchen» keine Beleidigung sein muss.
NOFX: «Ich bin betrunken, aber ich bin noch nicht high. Erst in ein paar Songs, dann wird’s lustig», versprach der Sänger der Punkrock-Legende NOFX. Genauso war's dann auch.
The Sounds: NOFX hatten fast Recht. Sie bezeichneten die schwedische Band The Sounds während ihres eigenen Auftritts als die zweitbeste Band des Festivals. In diese Aussage hat sich nur ein kleiner Fehler eingeschlichen: Sie waren die beste Band. Voller Energie im sexy Outfit jagte Sängerin Maja Ivarsson über die Bühne und riss alle mit.
cvd/news.de