Die Nachricht vom Tod des Theaterregisseurs Christoph Schlingensief hat die deutsche Kulturszene erschüttert. Einen Coup des Provokateurs könnte es noch geben: Der Regisseur hatte an seinen Memoiren gearbeitet.
Politiker und Künstler trauern um den Regisseur Christoph Schlingensief. «Ein großer Theatermann verlässt die Bühne», sagte Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit. Kulturstaatsminister Bernd Neumann erklärte, die Kulturszene verliere einen ihrer vielseitigsten und innovativsten Künstler. Als einen der größten Künstler, der je gelebt habe, bezeichnete ihn gar Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek. Schlingensief starb gestern im Kreis seiner Familie in Berlin an Krebs. Er wurde nur 49 Jahre alt.
Der Theatermacher und Intendant der Wiener Festwochen, Luc Bondy, hat Christoph Schlingensief als «lebenspendenden Anarchisten» gewürdigt. Er sei eine große Figur in der deutschen Kultur, schreibt er am Sonntag an die österreichische Nachrichtenagentur APA. «Christoph Schlingensief hat sich intensiv (leider war mir manchmal das Zusammenspiel mit den Medien ein wenig viel) mit seiner Krankheit auseinandergesetzt, aber sterben wollte er nicht. Und wir freilich auch nicht», schreibt Bondy. Der deutsche Regisseur sei ein genialer, unerhört intelligenter Mann gewesen.
«Er hat gemacht, was er wollte»
Berlinale-Direktor Kosslick würdigte den Verstorbenen als großen Filmemacher und politischen Künstler. Schlingensief habe im wahrsten Sinne gemacht, was er wollte. Er sei ein Mensch gewesen, der sich aus einer tiefen moralischen Überzeugung heraus über Ungerechtigkeiten aufgeregt habe. Mit seiner Kunst habe sich Schlingensief gegen Abschiebungen, Rassismus und Menschenrechtsverletzungen engagiert.
Kosslick sagte, bei Freunden und Bekannten werde von Schlingensief bleiben, dass er ein angenehmer und aufmerksamer Mensch gewesen sei. Anderen werde er in Erinnerung bleiben als sperriger Mensch, der sich gegen die Gesellschaft und den Lauf der Dinge gewehrt habe.
Berlins Regierender Bürgermeister Wowereit sagte, ein großer Mann des deutschen Theaters verlasse die Bühne viel zu früh. Unter Schlingensief sei nicht nur die Berliner Volksbühne nach der Wende zu einem der führenden Theater des Landes geworden. «Mit seinem Namen verbindet sich auch der Ruf Berlins als deutsche Theaterhauptstadt», sagte Wowereit.
Für Berlins Kulturstaatssekretär André Schmitz war der Verstorbene «ein wunderbarer Mensch und ein hervorragender Künstler», mit dem er seit der gemeinsamen Zeit an der Volksbühne verbunden war. «Ich werde ihn vermissen und uns allen werden die Provokationen des Theatermannes Schlingensief fehlen», sagte Schmitz.
«Großartiger Wachrüttler»
Der Theatermacher und ehemalige Intendant unter anderem der Münchner Kammerspiele, Frank Baumbauer (64), hat Schlingensief als «großartigen Wachrüttler» gewürdigt. «Er war ein unglaublich wichtiger Kollege und Partner für die Theaterleute und hat wohl bei allen Menschen, die seine Arbeit verfolgten, einen bleibenden Eindruck hinterlassen», sagte Baumbauer in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. «Schlingensief war ein großartiger Wachrüttler und hat uns alle irritiert, wenn wir es uns mal wieder so richtig bequem gemacht hatten.»
Schlingensiefs Tod sei ein unglaublicher Verlust. «Er ist mit 49 Jahren gestorben - viel zu jung. Er hatte viel zu wenig Zeit, um uns alle so richtig zu schütteln und zu irritieren», sagte Baumbauer, der als Intendant des Deutschen Schauspielhauses Hamburg in den 90er Jahren mit Schlingensief das mehrtägige Theaterprojekt Passion Impossible - 7 Tage Notruf für Deutschland gemacht hatte. «Schlingensief war ein ganz großer Menschenfreund - und ein charmanter Filou. Kaum hatte er einem die Hand gegeben, schon hatte er einen aufs Kreuz gelegt», sagte Baumbauer.
«Aus seinen Arbeiten sind viele wichtige Impulse entstanden, denn er hat die Dinge benannt, den Finger in die Wunden gelegt - und das mit enormer künstlerischer Verve, mit Charme und Intelligenz.» Schlingensief sei ein unglaublicher Glücksfall für das Gegenwartstheater gewesen. «Mit seinen neuen Theaterformen und veränderten Wertigkeiten hat er uns durch seine Verhaftungen in der Wirklichkeit wieder und wieder aus unseren netten Nestern herausgeworfen. Er hat wirklich Großartiges gemacht und etwas bedeutet - ob in Hamburg, in Berlin, in Bayreuth, in Wien oder in Afrika.»
Baumbauer betonte: «Schlingensief hat es geschafft, die Menschen auf sich selber aufmerksam zu machen, so dass sie sich selber neu finden konnten. Und das tat er immer mit Kunst, nie als Sozialarbeiter.»
Bestürzung auch am Zürcher Schauspielhaus
Auch am Schauspielhaus in Zürich ist die Nachricht vom Tod des Regisseurs Christoph Schlingensief mit Bestürzung aufgenommen worden. «Wir sind traurig über den Tod von Christoph Schlingensief. Es ist nicht einfach zu akzeptieren, dass ein so feinsinniger, lebendiger und stets für Widersprüche sorgender Geist plötzlich die Bühne verlässt», hieß es in einer am Sonntag veröffentlichten Erklärung der Künstlerischen Direktorin Barbara Frey.
Schlingensief hatte am Schauspielhaus Zürich einen viel beachteten Hamlet (Premiere 2001), das Stück Attabambi Pornoland (2004) und zuletzt in Zusammenarbeit mit dem Theater Neumarkt Sterben lernen! Herr Andersen stirbt in 60 Minuten (2009) in Szene gesetzt.
Schlingensief sei ein shakespearescher Narr im besten und im abgründigsten Sinne gewesen, schrieb Frey. «Er hat einen grundsätzlich nachdenken lassen über den ausgeleierten, müden Begriff ‹Provokation›, weil er es geschafft hat, über die durchaus fließenden Grenzen zwischen Kunst, Komik, Kitsch, Pathos und Entlarvung falscher Gewissheiten ernsthaft zu reflektieren.» Schlingensief habe das mit «penetranter Leidenschaft, auch mit der Bereitschaft zur Selbstentblößung, immer konsequent und äußerst vital» getan.
In seiner Heimat Nordrhein-Westfalen sprch Landes-Kulturministerin Ute Schäfer (SPD) am Sonntag in Düsseldorf von einem großen Verlust. «Wir sind dankbar für seine künstlerische Leistung, für seine künstlerische Radikalität, mit der er Werte in Gesellschaft, Kultur und Politik hinterfragt hat», sagte Schäfer in einer Mitteilung ihres Ministeriums. Die Werke des gebürtigen Oberhauseners würden auch in Zukunft die Entwicklung der Theater- und Filmlandschaft beeinflussen.
Unvollendete Memoiren
Bis zuletzt hatte Schlingensief noch an seinen Memoiren gearbeitet, musste die Arbeit aber schließlich wegen seiner schweren Krankheit abbrechen. Die Veröffentlichung war ursprünglich für den 23. September geplant - einen Monat vor Schlingensiefs 50. Geburtstag am 24. Oktober.
Im Juli teilte der Verlag Kiepenheuer und Witsch dann ohne nähere Erläuterung mit, der Erscheinungstermin des Buches könne nicht eingehalten werden. «Fest steht jedoch, dass es noch in diesem Jahr publiziert werden wird», hieß es damals. Was jetzt aus den Plänen wird, war zunächst nicht bekannt. Der an Lungenkrebs erkrankte Regisseur hatte bei Kiepenheuer im Frühjahr vergangenen Jahres bereits sein Tagebuch einer Krebserkrankung» veröffentlicht, das große Beachtung fand.
amg/news.de/dpa/ddp
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jetzt antwortenKommentar meldenHaaHaaHaaHaaHaaaaaaa! Ich heiße wohl nicht Schlingenzumpf und darf natürlich nicht provozieren, nicht wahr? Eure Nettiquette! Da hätte dieser Narr aber herzlich gelacht über Euch Komißköpfe!
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jetzt antwortenKommentar meldenDanke an news.de für die Berichterstattung, und danke auch für diesn Artikel, der noch mal bündig resümiert... Schlingensief wird - natürlich - vermarktet werden. Aber wenn er selbst nicht mehr die Hand dabei am Steuer hat, bin ich skeptisch. alles, was er gemacht und veröffentlicht hat - bis hin zum Krebstagebuch - war Teil seines werks, und genauso von ihm 'gemacht'. was nach seinem Tod 'aus ihm gemacht' wird, ist sicher nicht dasselbe. und so werde ich seine memoiren auch nicht lesen. Sondern mich lieber an ihn als einen aussergewöhnlichen Künstler erinnern.
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