Gamescom 2010 Opium für Verspielte

Besucheransturm bei der Gamescom (Foto)
Spielefans daddeln auf der Gamescom: Die Computerspielemesse startete mit einem großen Besucheransturm. Bild: dpa

Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann
Das Games-Fieber beherrschte Köln fünf Tage lang. Es war hochansteckend - an einer Konsole ist in den Messehallen Köln wohl niemand vorbeigekommen. Doch die größte europäische Spielemesse war mehr als nur ein Treffpunkt für Freaks.

Köln ist Kulturstadt, Köln ist Kunststadt - doch einmal im Jahr wird die Rheinmetropole von einem Fieber erfasst, das sich im akuten Symptom fiebrig glänzender Augen manifestiert, das dem Dom keine Blick gönnt, mit dem selbst impulsive Typen plötzlich keine Probleme mehr haben Schlange zu stehen und dessen rekonvaleszente Phase manchmal in totaler Erschöpfung endet.

Obwohl lokal begrenzt, ist die Krankheit hoch ansteckend, macht vor keiner Altersgruppe halt. Und sie verschwindet genauso schnell wie sie gekommen ist. Nur die Stadtreiningung hat länger damit zu kämpfen. Dabei ist der Krankheitsüberträger zugleich Heilmittel. Wer sich mit dem Gamescom-Fieber infiziert, kann nur noch zocken.

Über die Spielemesse zu gehen, ohne an mindestens einer Konsole gespielt zu haben - ausgeschlossen. Flimmernde Bildschirme, dröhnenden Boxen, Konsolen und Controller, die von einer glühenden Aura umgeben scheinen. Das ist Opium für's Volk. Alle wollen sie dasselbe und doch könnten die Typen dieser Nation auf Zeit unterschiedlicher nicht sein.

Gamescom-Spaziergang
Heiße Babes und coole Typen

Da sind die Sammler, die morgens noch flink durch die Hallen flitzen, immer dorthin steuern, wo sich binnen weniger Minuten dichte Menschentrauben bilden, wild mit dem Armen fuchteln, um nur ja ein Präsent zu ergattern und abends verschwitzt, beinahe atemlos, unter der Last prall gefüllter Ausstellertaschen fast zusammenbrechen. Anders, aber mindestens genauso auffällig, sind die Aufmerksamkeitsjäger, die in ihren oft selbst mühsam hergestellten Kostümen aus der Masse der T-Shirt- und Shorts-Träger herausragen.

Genauso sticht die Gattung «Wichtig» ins Auge: Bei ihnen geht ohne iPad und iPhone nichts. Ist es letzteres nicht, dann doch zumindest ein Blackberry. Ungewollt, doch ein bisschen ist die Gamescom auch zum Werbespot für Apple geworden. Und da, wo sich Blitzlichtgewitter ballt, drängt sich die Masse entweder um eine lebendig gewordene Spielfigur oder um eines der hübschen, knapp bekleideten Messebabes, ohne die die Gamescom wohl ein Stück ihres Reizes einbüßen würde.

Von allem ein bisschen, das macht das Gamer-Gefühl in Köln aus. Sprachlich ist die Messe ohnehin längst multikulti. Doch nichts hört man an den fünf Messetagen so selten wie Deutsch. Gaming ist eben international. Und in kaum einer Industrienation ist die Games-Branche so unterentwickelt wie in Deutschland. Wer sich hierzulande als Gamer outet, erntet schiefe Blick, kämpft darum, nicht sofort als Amokläufer abgestempelt zu werden. Bei den Koreanern wäre das genau umgekehrt.

All das verschwindet, wird unwichtig, wenn der Schritt durch die Messetore getan ist, wenn die Koelnmesse zum Staat auf Zeit wird. Regeln gelten freilich auch hier - doch das oberste Gebot lautet: Spaß. Das Prinzip funktioniert, selbst dort wo es vor lauter Menschen weder vor noch zurück geht. Wer einem anderen auf die Füße tritt, entschuldigt sich. Geschubse und Gedränge sind tabu - auch in den langen Schlangen vor den actionreichen Messekrachern.

Gamescom
Nintendo 3DS unter der Lupe

Stoische, erschöpfte, wissende Geduld herrscht - überdeckt vom wahnwitzigen Lärm, den in den Besucherhallen kaum jemand wahrzunehmen scheint. Eingehüllt von einem Geruch aus Käsebrezeln, fettigen Pommes, süßlichem Ketchup und Schweißdünsten. Ummantelt vom Zwielicht dunkler Hallen, die das gleißende Sonnenlicht über Köln nicht ahnen lassen, mit partiell greller Beleuchtung an den Ausstellerplätzen. Und überall Menschen - sitzend, stehend, halb liegend, mancher in der Erschöpfung versunken, manchmal inmitten der Hunderte achtlos fallengelassene Prospekte und Werbekarten. Aber immer mit Blick auf die wild blinkenden Fernsehdisplays und Leinwände. Wie trainierte Versuchstiere.

Nichts anderes scheint zu existieren, die Zeit stillzustehen. Dabei dreht sich die Welt keine fünf Minuten von den Besucherhallen entfernt ganz anders weiter. Shorts und T-Shirts sind Anzug und Kravatte gewichen, zumindest aber Sacko und Jeans. Geschäftiges Treiben, ein bisschen Hektik. Die Welt der Fachbesucher, der Ideengeber, Entwickler und Manager, ist eine andere, eine leisere, drängende. Fast panisch blickt mancher auf die Uhr. Kein Wunder. Hier regiert nicht der Spaß, sondern das Geld. Wer zu spät kommt verliert, wer pünktlich zuschlägt, gewinnt aber nicht unbedingt. Auch das ist ein Spiel, eines um Werbe-Etats, Publicity, Unternehmensallianzen und das richtige Timing. Oft genug mit gierigen Augen. Das Gamescom-Fieber grasiert auch hier, eben nur anders.

So zocken die einen mit den Spielen, die anderen um die Spiele. Und Europas größte Spielemesse hat nicht länger nur Unterhaltungswert: Sie ist internationaler Schmelztiegel, soziales Experiment und Zwei-Klassen-Gesellschaft. Das funktioniert mit vielen Tausend - in einem sechs Messehallen großen Staat.

Spielemesse
Die Topspiele der Gamescom

cvd/news.de

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • dori
  • Kommentar 1
  • 22.08.2010 12:48
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