Von news.de-Mitarbeiterin Stephanie Bremerich
In England ist sie längst die erfolgreichste Casting-Show. Jetzt startet X-Factor auch in Deutschland und will eine Alternative zu den üblichen TV-Talentschmieden bieten. Kann die Sendung diesen Anspruch wirklich erfüllen?
Nur wenige Ausdrücke haben in den letzten Jahren eine ähnliche Sinnentleerung erfahren wie der Begriff «Superstar». DSDS, Popstars, Star Search, Das Super Talent - immer mehr TV-Talentschmieden katapultieren Jahr für Jahr ihren nächsten großen Hoffnungsträger in den Musikhimmel. Nur: Nach dem kometenhaften Aufstieg war’s das dann meistens auch schnell wieder. Ex und hopp bis zur nächsten Staffel.
Das soll bei X-Factor anders werden. Hier sollen keine schnellen Superstars produziert und verheizt werden. Stattdessen sucht man ernst zu nehmende Musiker mit dem «gewissen Extra», um diese zu fördern und nachhaltig als Künstler aufzubauen. Dafür werden die Juroren im Laufe der Sendung ihr Richterpult verlassen, um jeweils drei Kandidaten persönlich zu betreuen. Dass das Konzept aufgehen kann, beweist die Sängerin und Songwriterin Leona Lewis, die 2006 die englische Ausgabe von X-Factor gewann und seitdem international erfolgreich ist.
Mit der «Pop-Queen» Sarah Connor, dem «Erfolgsproduzenten» George Glueck (u.a. Falco, Rio Reiser) und dem «Star-Trompeter und vierfachen Echo-Preisträger» Till Brönner steht auch dem deutschen Ableger ein recht renommiertes Trio zur Verfügung. Die Erwartungen dürfen also hoch sein.
Doch bevor es richtig losgeht, heißt es erst einmal: casten, casten, casten, bzw. den «X-Factor vom Nix-Factor trennen», wie Moderator Jochen Schropp sinnig feststellt. Und genau darum geht es in den ersten zwei Ausgaben, die am 20. und 21. August bei RTL ausgestrahlt werden, bevor X-Factor regelmäßig dienstags bei VOX auf Sendung geht.
Leider erweist sich genau das dann aber auch ziemlich schnell als wenig originell: 20.15 Uhr, RTL, drei Juroren, ein Moderator, tausende Casting-Bewerber, eine Handvoll Talente und ganz, ganz viel Fremdschämen. Dazu einige markige Sprüche der Jury («Du hast schwach angefangen und stark nachgelassen!») sowie große Emotionen (Heiratsantrag) und Seelenstriptease (kranke Mutter, Drogenvergangenheit) bei den Kandidaten. Die DSDS-Falle droht hier nicht nur - X-Factor springt mit Schwung hinein.
Auch bei der Auswahl der Kandidaten wird schnell klar, dass der viel beschworene «X-Factor» nicht unbedingt auf das musikalische Können abzielt. Sicher, singen können (fast) alle; ungleich wichtiger scheinen jedoch Bildschirmtauglichkeit und Vermarktbarkeit der Bewerber zu sein. Da ist Anthony, der verträumte Typ an der Gitarre, Sven, der tätowierte Barkeeper aus Hamburg, der seiner Freundin einen Spontan-Antrag macht, da ist Pino, das hüftschwingende Knallbonbon und Natsumi, die durchgedrehte Japanerin. Vom Schmuse- über Rock- bis zum Freak-Faktor ist also alles dabei.
Alles in allem ist es ein x-beliebiger Aufwasch statt eine Kette großer Überraschungen, die X-Factor dem Zuschauer zum Auftakt bietet. Doch darf man gespannt sein, wie es weiter geht. Richtig interessant wird es nämlich erst, wenn sich die Spreu vom Weizen trennt und die Juroren ihre auserwählten Kandidaten ins «Boot Camp» zum persönlichen Coaching mitnehmen. Dann wird sich auch für die Sendung selbst zeigen, ob sie hält, was ihr gewisses X verspricht.
X-Factor Samstag, 21.08., 20.15 Uhr RTL, danach immer dienstags, 20.15 Uhr VOX