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Von news.de-Mitarbeiterin Stephanie Bremerich
Artikel vom 22.08.2010
Die Sprache und das Schweigen: Mit Die Klasse zeichnet Laurent Cantet ein subtiles Bild von Gewalt und Frustration im modernen Schulalltag. Ein Film, der keine Antworten liefert, aber viele Fragen aufwirft.
«Geistreich» und «herablassend» – «Gibt’s noch mehr Worte, die wir nicht verstehen?» François Marin ist Lehrer für Sprache und Literatur an einer Schule im Pariser Banlieu. Ein bisschen hat er sich mit den Vokabeln, die im Französischunterricht erfragt werden, selbst an die Tafel geschrieben. Schon am Anfang des Films wird klar, dass Lehrer und Schüler nicht dieselbe Sprache sprechen. Und das hat nur bedingt etwas mit dem Migrationshintergrund der meisten Kinder zu tun.
«Zwischen den Mauern» (Entre les murs) heißt Die Klasse im französischen Original. So lautet auch der Titel des autobiografischen Romans von François BégaudeauFrançois Bégaudeau ist ein französischer Schriftsteller und Journalist. , der dem Film als Vorlage dient. Das Drama ist am 22. August, 22.35 Uhr, in deutscher Erstausstrahlung im Ersten zu sehen.
Der Film handelt vom Schulalltag in den Problembezirken der französischen Hauptstadt und von der Frustration, der Schüler und Lehrer gleichermaßen ausgesetzt sind. Für Die Klasse hat Bégaudeau nicht nur Teile des Drehbuchs geschrieben, sondern auch die Hauptrolle des François Marin übernommen – vielleicht einer der Gründe, der die bedrückende Authentizität des Films ausmacht, der 2008 mit der Goldenen Palme in Cannes ausgezeichnet wurde und 2009 für den Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert war.
Die Schule im 19. Pariser Arrondissement ist ein karger Waschbetonbau, in dem bis zum Unterrichtsende zwei Welten aufeinander treffen. Mauern gibt es hier viele: Da sind die Lehrer, die sich hinter Disziplinarausschüssen und Sanktionsmaßnahmen verbarrikadieren. Und da sind die Schüler, deren Fassade aus Abgebrühtheit und Aufsässigkeit auch für den engagierten François Marin nur schwer zu durchbrechen ist. Souleyman (Franck Keita) verschanzt sich hinter seinen Tattoos und seinem Gangster-Gehabe, Wunderkind und Außenseiter Wei (Wei Huang) flüchtet nach Schulschluss hinter seine Playstation, und Khoumba (Rachel Régulier) kehrt mit versteinertem Gesichtsausdruck aus den Sommerferien zurück und lässt niemanden mehr an sich heran.
«Man kann eben nicht immer Kind bleiben», herrscht sie François an, und man kann nur dunkel vermuten, was genau sie damit meinen könnte. Die Klasse lässt vieles unausgesprochen und überlässt es dem Zuschauer, zwischen den Zeilen zu lesen. Auch über François selbst erfahren wir nur so viel, wie er zwischen den Wänden des Unterrichtsraums von sich preisgibt: ein ambitionierter Lehrer, der seinen Beruf und seine Schüler mag und der gleichwohl nicht frei von Vorurteilen ist. Geistreich, aber manchmal eben auch herablassend.
François ist nicht Michelle Pfeiffer und Die Klasse ist nicht Dangerous Minds. In Laurent Cantets nüchternem Film gibt es keinen coolen Soundtrack und auch keine Messerstechereien oder Drogendeals auf dem Schulhof – hier gibt es aber auch keine eindeutigen Helden und keine eindeutigen Opfer. Der Kampf zwischen Lehrern und Schülern ist subtiler und findet in der Klasse statt. Und die Gewalt, das wird schnell klar, steckt dabei nicht nur in den Worten, sondern lauert auch in dem Schweigen dahinter.
Am Ende des Films ist die Klasse leer, und Schüler und Lehrer spielen ein letztes Mal Fußball vor den Ferien. Ob gegeneinander oder miteinander ist schwer zu sagen. Es ist nicht die einzige Frage, die offen bleibt und die zeigt, dass heutzutage viele Dinge zwischen den Schulmauern passieren, die zu verstehen man noch lernen muss.
Die Klasse, 22. August, 23.35 Uhr, Das Erste.
car/news.de
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