Von news.de-Mitarbeiterin Denise Peikert
Brunos Frau ist tot und Agnes findet ihr Dasein langweilig. Die beiden trösten sich gegenseitig mit Sex und der Lüge von einem gemeinsamen Leben, das es nicht gibt. Diese Geschichte könnte leicht zu Kitsch verkommen, doch der Film Die Besucherin macht daraus ein Vergnügen für alle, die das Unbequeme mögen.
Theresa ist nicht zu beneiden, denn sie ist tot. Bevor dieser Zustand eintrat, stand die Entscheidung zwischen Ehemann und Geliebtem an. Auch keine allzu komfortable Situation, aber für die erfolgreiche Wissenschaftlerin Agnes ist sie faszinierender als die langweilige Ordnung zwischen Job und Familie in ihrem eigenen Leben. Sie versucht sich möglichst weit der toten Frau zu nähern, um möglichst weit weg zu kommen von sich selbst.
Von ihrer Schwester hat Agnes (Sylvana Krappatsch) den Schlüssel zu einer fremden Wohnung bekommen. Eigentlich sollte sie nur die Blumen gießen, aber schon bald schleicht sie sich in das Leben der unbekannten Bewohner ein. Sie stöbert in den Liebesbriefen der toten Theresa, hört per Anrufbeantworter Gespräche mit deren Mann Bruno (André Jung) ab, isst die Vorräte auf und streift sich Blusen über, als wären es ihre eigenen. Eines Tages, als sie in der Wohnung einnickt, kommt Bruno nach Hause. Ohne ein Wort zu wechseln, schlafen die beiden miteinander und beginnen den Versuch, sich gegenseitig mit einer Lüge Halt zu geben.
Dem Film ist deutlich anzumerken, dass die beiden Hauptdarsteller den größten Teil ihrer Zeit an Theatern verbringen. Für Sylvana Krappatsch war Die Besucherin 2008 sogar erst der zweite Spielfilm überhaupt. Die Ernsthaftigkeit, die den meisten sehr guten Theaterschauspielerin eigen ist und die vor der Effekthascherei beim Film an sich zu schützen scheint, ist auch in diesem Fall eine Wohltat. Nur durch ihre Präsenz, die Krappatsch auch dann nicht verliert, wenn die Kamera minutenlang allein auf ihrem Gesicht verharrt, gelingt Regisseurin und Drehbuchautorin Lola Randl das, was sie tut: sachlich zu sezieren, wie die nagende Unzufriedenheit einer Frau einen Voyeurismus gebärt, dem das bloße Zuschauen nicht ausreicht. Agnes will nicht verstohlen am Rande der fremden Leben stehen, sie selbst will sie leben.
Eine Art gemeinsames Leben, das es nicht gibt
So hat Die Besucherin dann auch seine stärksten Szenen, in denen Agnes komplett mit Theresa zu verschmelzen scheint. «Ich hab die Kassette wieder gefunden», plaudert Bruno bei einem der plötzlichen Besuche von Agnes. «Weißt du, wo die lag? Hinterm Herd!» Agnes lächelt und verschweigt auffällig, dass Bruno unmöglich mit ihr über die Musikkassette und deren Verschwinden gesprochen haben kann. Sie lügt dem um seine Frau trauernden Mann dasselbe vor, wie er ihr: eine Art gemeinsames Leben, das es nicht gibt.
Obwohl das Spiel Sylvana Krappatschs zweifelsfrei tadellos ist, so ist es vor allem am Anfang des Films verstörend, wie sehr sie zu leiden scheint. Randl lässt ihr in den ersten Minuten einen Selbstmörder vor das Auto springen und den Nachbarn verdächtig im nächtlichen Garten herumgraben und steigert so das Morbide, das Agnes von der ersten Minute des Films an unerklärt umgibt. Dabei handelt es sich bei ihrem Problem lediglich um gewöhnliche Unzufriedenheit mit einem gewöhnlichen Leben – bei dem Intro allerdings sind die Erwartungen gegenüber den Katastrophen in Agnes' Leben größer.
Der Erzählstil des Films ist jederzeit sachlich. Beinah dokumentarisch reiht Randl Szene an Szene, bewertet nie und lässt auch ihre Figuren zu den Geschehnissen schweigen. Selbst Agnes' Ehemann Walter (Samuel Finzi), dem schließlich aufgeht, dass seine Frau ihn betrügt, spricht beharrlich kein Wort dazu. Die Verdrängung des Offensichtlichen und die Konfliktscheu der Figuren lassen Agnes' Handeln lange Zeit ohne jede Konsequenz bleiben. Dem zuzuschauen, wird immer unerträglicher, mit jeder noch haarsträubenderen Ausrede, mit jedem Stück Empathie, das Agnes verliert, während sie stur ihren Bedürfnissen folgt. Noch unbequemer ist nur die Ahnung, dass das nicht so bleiben kann und die Frage, wie wohl die endgültige Zerstörung bei dieser schon reichlich verstörenden Anbahnung aussehen soll.
Offene Fragen und lose Gedankenfäden
Die Besucherin ist ein Film, der ohne die Nürchternheit von Lola Randl schnell kitschig und überpsychologisiert hätte werden können. Doch dadurch, dass die Regisseurin ihre Figuren statt bedeutungsschwerer Dialoge nur subtile Andeutungen austauschen lässt, bleiben sie unnahbar – und der Versuch, hinter die Motive und Gedanken zu kommen, ein Genuss.
Ist dieses Interesse ernsthaft, hilft es auch über die wenigen dramaturgischen Holprigkeiten. Wieso schläft Bruno so gedankenlos mit der fremden Frau in seinem Bett, ist sie doch noch nicht einmal blond, wie es seine verstorbene Frau war? Und welche Rolle spielt die Ablehnung, die Agnes' Tochter Leni (Isabel Metz) ihrer Mutter von Beginn an entgegenbringt? Regisseurin Randl nimmt sich nicht genug Zeit, diesen Aspekt zu Ende zu erzählen, stattdessen taucht Leni mit fortschreitender Handlung einfach nicht mehr auf.
Abgesehen davon ist Die Besucherin ein bemerkenswertes Regiedebüt, das 2008 nicht ohne Grund für den Europäischen Filmpreis nominiert worden ist. Es verspricht einen ausfüllenden Fernsehabend für jeden, den das Unbehagen reizt, einer offensichtlichen Zerstörung beizuwohnen. Und für jeden, der es mag, offenen Fragen und losen Gedankenfäden hinterher zu forschen. Auch nach dem Abspann.
Die Besucherin, 23. August, Das Erste, 22.45 Uhr.
car/ivb/news.de