Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann
Vom Poltern hinter der Tür zum Showdown mit Maskenmann: Der Film The Strangers komponiert gekonnt eine Symphonie des Grauens und macht dabei manches anders als viele Teenie-Schocker.
Es ist eine perfide Eigenschaft des Grauens, dass es besonders monströs wird, wenn es in einen Moment des Glücks und der Harmonie einbricht. Im Gruselfilm The Strangers, der heute Abend im Fernsehen läuft (ProSieben, 22.40 Uhr), ist es auch so.
James (Scott Speedman) trägt seine elfenhafte Freundin Kristen (Liv Tyler) auf Händen in die laue Nacht und kramt ein kleines samtenes Kästchen hervor. Kristen entgleiten die Gesichtszüge, allerdings nicht vor Freude. Unter eisigem Schweigen fahren sie in das Sommerhaus, in dem James eigentlich ihre Verlobung feiern wollte.
Rosenblätter bedecken wie Blutspuren Boden, Bett und Badewanne, doch die beiden setzen sich frustriert die Champangerflasche an den Hals. James denkt jetzt noch, dass dies das Schrecklichste sei, was ihm an diesem Tag passieren würde. Dann klopft es an der Tür. Es ist vier Uhr morgens.
Regisseur Bryan Bertino hat mit The Strangers einen spannenden Horrorfilm gemacht, der hin und wieder auch aus den ausgelatschten Pfaden des Genres ausbricht, aber auch das Handwerk sicher beherrscht.
Weit und breit keine helfenden Nachbarn
Es ist ein eng umgrenztes Gelände, auf dem das junge Paar von Psychopathen mit merkwürdigen Masken heimgesucht wird. Selbstverständlich sind weit und breit keine helfenden Nachbarn. Jeder noch so kleine Ausweg, jede Hoffnung auf ein Entkommen wird zugleich zunichte gemacht: Einfach wegfahren? Das Auto ist demoliert. Im Haus einschließen? Das Grauen ist schon drin. Wegrennen? Der Fuß ist lädiert. Das Telefon? Das kennt man doch, das trifft es immer als erstes.
Die Gestalten zeigen sich erst gar nicht, machen dafür aber eine Menge Radau: Das Klopfen an der Tür verwandelt sich in ein merkwürdiges «Klonk», auf der Terrasse kratzt Metall über den Betonboden, im Wald knackt es ohne Unterlass und hinter den verschlossenen Vorhängen poltert es bedrohlich.
Bertino lässt sich Zeit, um bei seinen Figuren durchsickern zu lassen, dass etwas nicht stimmt: Erst klopft eine Fremde nachts um vier an die Tür und verlangt nach einer Tamara. Als die wenig später zum zweiten Mal vor der Tür steht, wird es Kristen etwas mulmig. James ist gerade mal weg.
In Feststimmung ist sie dann nicht mehr und tauscht das wallende Kleid gegen Jeans und T-Shirt - das ist bei Verfolgungsjagden und Selbstverteidigung einfach praktischer. Liv Tyler stülpt ihre Schmolllippe wunderbar entsetzt vor und schreit auch mal mit Inbrunst ihren Horror heraus - die hysterische Angst nimmt man ihr gerne ab.
Der Horror im zertrümmerten Auto
Kristens Freund, der aus unerfindlichen Gründen zuvor eine Runde mit dem Auto gedreht hat, glaubt ihr natürlich erst einmal nicht. Menschen, die ums Haus schleichen und ihr Handy gestohlen haben – die Frau ist einfach überspannt, denkt er da noch. Erst, als er sein zertrümmertes Auto sieht, ist auch ihm klar, dass sie ein Problem haben. Männer.
Und wie das mit Psychopathen in Gruselfilmen immer ist: Sie sind überall. Hier ein Poltern an der Tür und dann sind drinnen plötzlich die Dinge nicht mehr an ihrem Platz.
Die Masken der Verfolger sind zwar unbeholfen, aber effektiv: Sie sind unheimlich, weil ausdruckslos, wer sich mit welcher Mine darunter verbirgt, können wir nicht sehen und deshalb nicht einschätzen, wem wir gegenüberstehen, geschweige denn, was die Person als nächstes tun könnte. Und weil sie weiß sind, können sie schön schaurig in der Dunkelheit auftauchen.
Nicht zu gepflegter Konversation aufgelegt
Interessant ist, dass Kristen ihre Peiniger immer wieder direkt anspricht: «Warum tut ihr das? Ihr müsst das nicht tun», sagt sie dann. Doch es wäre kein Gruselfilm, wenn die seltsamen Gestalten an Unterhaltungen interessiert wären.
Der gute alte Lamellenschrank ist auch mit dabei - ein Klassiker etlicher Teenie-Schocker, weil man sich so schön darin verstecken und gleichzeitig unentdeckt beobachten kann, was draußen vor sich geht. Wenn das Versteck aber auffliegt, sorgt der Lamellenschrank auch für höchste Dramatik, weil er für eine Flucht keinen Raum lässt. Effektvoll macht sich hier das rasselnde Atmen des Maskenfreaks.
The Strangers ist ein Horrorfilm, der sich wohltuend vor allzu vorhersehbaren Gruselfilmen abhebt, effektvoll auf Musik setzt und nicht alles auflöst. Das ist wie in der Realität, denn der Film hat sich von einem echten Fall, der bis heute nicht aufgeklärt wurde, inspirieren lassen. Und noch etwas ist in diesem beklemmenden Kammerspiel wie im richtigen Leben: Hier ist auch das Tageslicht keine Erlösung.
The Strangers, 20. August 2010, 22.40 Uhr, Pro Sieben.
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