So., 27.05.12

Leonard Cohen 19.08.2010 Hallelujah ohne Rückenlehne

Leonard Cohen in Berlin (Foto)
Zarte Gesten, goldene Stimme: Leonard Cohen auf der Berliner Waldbühne. Bild: ddp

Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann

Gänsehaut und Wunderkerzen: Leonard Cohen ist 75 Jahre alt, hält die Berliner Waldbühne aber mühelos länger als drei Stunden in Atem. Der Grandseigneur der Liedermacher setzt auf scheue Gesten, seine goldene Stimme und kluge Texte.

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Das Mikrofon in der einen, das Kabel in der anderen Hand: Leonard Cohen formt eine kleine Schlinge und führt sie immer wieder an seinen Hals, als wolle er sich mit dem Kabel erdrosseln. Bedrohlich sieht das nicht aus, vielmehr wirkt es, als würden seine knöchrigen Finger behutsam ein Vögelchen halten.

«Dance me to the end of love», singt der hagere Mann und sinkt auf die Knie. Der 75-Jährige gab gestern Abend in der Berliner Waldbühne das deutsche Auftaktkonzert seiner Welttournee. In den kommenden Wochen steht der Altmeister mit der Grabesstimme außerdem in Wiesbaden, Hannover, Dortmund und Stuttgart auf der Bühne. Dazwischen wird er am 21. September seinen 76. Geburtstag feiern.

Cohen ist einer der einflussreichsten Musiker der Popgeschichte und ein begnadeter Schriftsteller dazu. Er gilt als literarisches «enfant terrible» und wurde zur Kultfigur der Hippie- und Beat-Generation. Weil seine tiefgründig melancholischen Songs Generationen von Songwritern beeinflusst haben, gilt der Kanadier als «Pop-Ikone».

Auf dem Weg in die baumumsäumte Berliner Bühne begleitet viele Fans neben der Vorfreude auch Wehmut, weil sie fürchten, ihr Idol zum letzten Mal auf der Bühne zu sehen. Und auch Cohen selbst wählt für dieses Konzert viele Stücke, die um Abschied und Endgültigkeit kreisen.

Von der Managerin abgezockt

2008 hatte sich Cohen nach 15 Jahren Pause plötzlich wieder auf die Bühne gewagt und war zu einer großen Welttournee aufgebrochen. Ein nicht ganz freiwilliges Comeback: Während er in einem buddhistischen Kloster meditierte, hatte ihn seine Managerin und ehemalige Lebensgefährtin um fünf Millionen Dollar betrogen - jetzt braucht er dringend Geld. Zurzeit betourt er zum zweiten Mal die Welt. Kein Spaziergang für einen alten Mann, aber die Fans kommen in Scharen: Etwa 12 000 Menschen wollten am Mittwochabend Leonard Cohen sehen.

«Ohne Rückenlehnen und das für 68 Euro!», ruft eine Dame in Cargohosen und praktischer Allwetterjacke entsetzt, als sie über den Rand in den trichterförmigen Zuschauerraum der Waldbühne blickt. Es gibt einige Mitglieder dieser Rucksack-und-Tatzenjacken-Fraktion im Publikum, sie marschieren auf die 60 oder 70 zu und sind auf jede Wetterlage perfekt vorbereitet – nur auf das eine nicht: Bänke ohne Rückenlehnen.

Dazwischen sitzen die ergraute Rocker, die sich lieber einen Finger abhacken würden, als zuzugeben, dass es im Rücken zwickt. Sie tragen schwarz und Ohrring, das graue Haar lugt unter der Krempe eines schwarzen Herrenhutes hervor - jede Menge Cohen-look-alikes. Aber sobald das Original hinter den flatternden Stoffbahnen hervorschlüpft, sind die schwarzen Gestalten mit den Herrenhüten plötzlich nur noch fade Abziehbilder. Keiner trägt den Klassiker der Herrenmode so lässig auf der Nasenwurzel, wie Leonard Cohen. Und selbstverständlich sieht der Mann auch sonst aus, wie frisch aus dem Ei gepellt: Schwarzer Anzug, graues Hemd, das er mit einem Bolo-Tie schmückt.

Anfangs wirkt Cohen auf der großen Bühne etwas verloren, in sich gekehrt und scheu: Den Rücken gekrümmt, die Augen geschlossen, die Hände vor dem Gesicht, drückt er sich zwischen seinen Musikern herum. Im Tageslicht der Waldbühne scheint er sich fremd zu fühlen. Schüchterne Blicke schickt er ins Publikum, sucht den Kontakt zu Sängerinnen und Gitarristen. Nur diese großartige Stimme schwingt sich mutig über die Ränge. Erst wenn der Scheinwerfer auf seine Bühnenkollegen wandert und er mit gesenktem Kopf ihren Soli lauscht, weicht die Anspannung aus seinem Gesicht. Da steht er, den Hut an die Brust gedrückt, und staunt wie ein Kind über die Klänge, die er da hört.

Huldigungen für die Band

Unfassbar bescheiden, gar mit Demut behandelt er seine großartige Band: Er räumt ihnen viel Raum für Soli ein und stellt von der Background-Sängerin über den genialen Gitarrero Javier Mas, Saxofonist Dino Soldo bis hin zu Neil Larsson an der Hammond-Orgel jeden ausführlich und mit ausgewählten Huldigungen vor. Zwischen den Songs, wenn der Jubel des Publikums vor seinen Füßen brandet, macht es «knips» und ein bewegtes Lächeln zieht über Cohens Gesicht. Zwischen Herz und Hand wieder der legendäre Hut.

Es ist kein Kinderspiel für den 75-Jährigen, Atmosphäre in die Waldbühne zu bringen. Die Menschen sind an ihren vermaledeiten Sitzen – ja, die ohne Rückenlehne - wie festgetackert. Doch Cohen saugt jede Ermunterung aus dem Auditorium auf wie ein Schwamm.

Nach der Pause, als die Sonne untergeht, die Bühne in sakrales Violett oder jazziges Blau getaucht ist und Cohen nicht mehr in die Gesichter seiner Zuhörer schauen kann, findet er seine einzigartige Bühnenpräsenz voll und ganz wieder. Und er zeigt eine erstaunliche Ausdauer: Mehr als drei Stunden lang arbeitet er sich durch sein üppiges Repertoire großartiger Songs. Das so gern gecoverte Hallelujah, das lässige I'm your Man, der melancholische Hit Sisters of Mercy, Sharon Robinsons Boogie Street oder Take This Waltz - kaum ein Fan wird auf seinen Lieblingssong vergeblich gewartet haben.

Mit den todesschwangeren Song The Partisan bricht das Eis: «Oh, the wind, the wind is blowing / through the graves the wind is blowing / freedom soon will come / then we'll come from the shadows» und das Publikum reagiert mit «Standing Ovations» bis in die letzte Reihe, frenetischer Jubel umtost den kleinen Mann, der merklich auftaut. Wenn er singt, lauscht er in die eigenen Worte hinein, das beschert dem Zuschauer viele emotionale Momente: Wer genau hingeschaut hat, konnte sehen, dass ihm während der letzten Klänge von Ain't No Cure For Love ein kleiner Schluchzer durch die Kehle schlüpft.

Stimme mit Tiefgang statt Klimbim

Unter den sechs Zugaben ist der Song I Tried To Leave You, den er mit einem Augenzwinkern in die Menschenmenge singt. Beim schwelgerischen Halleluljah knistern die Wunderkerzen. Höhepunkt des Konzerts ist der Song First We Take Manhattan (Than We Take Berlin) mit dem Cohen 1988 den Fall der Berliner Mauer prophezeit hatte. Schon bei den ersten Klängen brandet im Berliner Publikum hemmungslose Euphorie auf - jetzt singen auch die Windjackenträger mit und Cohen ist sichtlich bewegt.

Große Posen hat der Mann nicht nötig, jeder Klimbim würde der Kraft und Intimität seiner Stimme nur im Weg stehen. Mühelos füllen seine schwermütigen bis ironischen Texte die große Bühne aus. Einen schönen Kontrast zu seinen sparsamen Gesten bilden dabei die bezaubernden Sängerinnen: Allen voran Samtstimme Sharon Robinson, Co-Autorin vieler Cohen-Songs und die himmlischen Webb-Schwestern Charley und Hattie, die mit Engelszungen If it Be Your Will zirpen und eine Gänsehaut-Woge über die Ränge schicken. Immer wieder entstehen süße intime Momente, wenn der als «ladies man» bekannte Cohen zum Duett mit einer der Frauen ansetzt, die auch mal verführerisch die Jacken ausziehen und ein Rad schlagen. «Let me see your beauty», singt er im Song Dance me to the end of love und dreht sich galant den Sängerinnen zu.

Wer so viel Stil beweist wie Leonard Cohen, weiß auch, wie ein angemessener Abtritt aussieht. Er geht nicht von der Bühne, er schreitet nicht, nein er tanzt: Die eine Hand wie ein Fähnchen in die Höhe gereckt, dreht er sich um sich selbst und verschwindet hinter dem Vorhang. Und am Ende dieses Konzerts tragen die Menschen im Publikum die Zeile seines letzten Songs mit nach Hause: «Lover, lover, lover come back to me.»

juz/reu/news.de
Leserkommentare (1) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • OnkelHeinz
  • Kommentar 1
  • 19.08.2010 19:51
 

Ein mehr als gelungener Artikel, Respekt. Es kam beim lesen richtiges Live-Feeling auf. Erinnerungen an meine Jugend wurden wieder wach. Oh, war das eine schöne Zeit. Ich werde diese unerwartete Inspiration nutzen, um in der CD-Kiste die alten Songs von Leonard Cohen hervor zu kramen. Mit meiner Frau werde ich dann die so entspannde Musik genießen und uns an alte Zeiten erinnern. Vielen Dank für ihre Mühe und ihr Herzblut, Frau Meyer-Gatermann!

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