Von Oliver Zimmermann
Das Leben im Knast ist eintönig, voller Zwänge und nicht selten von Gewalt bestimmt. Im TV-Film Schurkenstück will eine Theaterregisseurin diesen tristen Alltag durchbrechen und schickt junge Häftlinge auf die Bühne. Ob das funktioniert?
Ein Experiment hinter Gittern: In dem Drama Schurkenstück, das am 18. August um 20.15 Uhr in der Mittwochsfilmreihe im Ersten zu sehen ist, nehmen sechs junge Strafgefangene an einem ehrgeizigen Kulturprojekt teil. Sie sollen eine moderne Fassung von Friedrichs Dürrenmatts Der Besuch der alten Dame"Der Besuch der alten Dame" ist eine tragische Komödie von Friedrich Dürrenmatt aus dem Jahr 1956. aufführen. Doch die Proben gestalten sich schwierig.
Dabei hatte sich die junge Theaterregisseurin Fanny Dannewald (Katharina Schüttler) ihre neue Arbeit ganz simpel vorgestellt: Man nehme sechs verurteilte Straftäter, lege ihnen ein spannendes Theaterstück vor - und schon nimmt eine bemerkenswerte Resozialisierungsmaßnahme ihren Lauf. Doch die Probleme beginnen bereits damit, dass Dannewald ausgerechnet die sechs größten Knastrabauken in ihr Ensemble aufnimmt. Zoff, Neid und Gewalt sind vorprogrammiert. Tatsächlich steht das Projekt gleich mehrfach vor dem Abbruch.
Der TV-Film Schurkenstück gewährt dem Zuschauer einen Einblick in den Alltag einer Justizvollzugsanstalt. Die Atmosphäre ist kalt, der Umgang rau und ständig wabert eine diffuse Angst vor unkontrollierbaren Gewaltausbrüchen durch die Gänge.
Die Innenszenen des Dramas wurden zum großen Teil in einem stillgelegten Trakt der JVA Siegburg gedreht. «Das Team wie die Schauspieler kamen so in direkten Kontakt mit den Alltagsabläufen in einem Gefängnis. Wir haben auf einem leerstehenden Flur gedreht, aber in all den Stockwerken über uns lief der normale Knastalltag weiter. Allein die Lautstärke, die permanenten Schließgeräusche der Türen und auch die vorhandene Aggressivität haben uns alle sehr beeinflusst», sagt Regisseur Torsten C. Fischer.
Im intellektuellen Schneckenhaus
In seinem Film geht es dem Filmemacher allerdings nicht primär um den Knastalltag, sondern um Menschen. Zunächst sind alle Beteiligten in ihren gesellschaftlichen Rollen fest verankert. So spielt Katharina Schüttler im Part der Regisseurin eine überheblich naive Frau, die sich weltoffen gibt, in Wahrheit aber schon lange nicht mehr aus ihrem intellektuellen Schneckenhaus herausgekommen ist. Ihr zur Seite steht ein Sozialarbeiter, gespielt von Oliver Korittke, der seinen Glauben an das Gute im Menschen längst verloren hat. Und dann wären da noch die Strafgefangenen, unter anderen Franz Dinda und Sebastian Urzendowsky, die auf den ersten Blick nichts anderes als einfältige, gewalttätige und ungebildete Männer sind.
Fischer hat all seinen Protagonisten vorgefertigte Rollen übergestülpt, die sich erst in dem Moment auflösen, in dem die Strafgefangenen auf der Bühne stehen. Schließlich sind sie bei den Proben zu anderen Sichtweisen und Verhaltensmustern gezwungen. Zudem basiert Schauspielkunst gerade am Theater auf Zusammenhalt und Vertrauen, woran es den Männern vorrangig mangelt.
Schurkenstück fußt auf keinem real existierenden Fall, orientiert sich aber sehr wohl an diversen Theaterprojekten, die in deutschen Justizvollzugsanstalten regelmäßig realisiert werden. Darüber hinaus haben sich die Drehbuchautoren Eva Zahn und Volker A. Zahn im Vorfeld ausführlich mit den Biografien junger Strafgefangener beschäftigt. Im Film bekommen alle sechs Verurteilten für einen kurzen Moment ihre ganz private Bühne, auf der ihre kriminellen Hintergründe dargelegt werden. Gängige Klischees bleiben hierbei nicht aus. Der Film hält jedoch gekonnt die Balance zwischen dramaturgischer Dramatisierung und beinahe dokumentarischer Authentizität.
Schurkenstück ist ein interessanter Streifen über ein spannendes Projekt, das für alle Beteiligten höchst lehrreich ist. Am Ende werden alle Darsteller noch einmal in Großaufnahme gezeigt und mit ihren ersten Probeaufnahmen konfrontiert. Der Zuschauer sieht die Personen dann längst mit völlig anderen Augen.
Schurkenstück, 18. August, 20.15 Uhr, Das Erste.
car/reu/news.de/ddp