Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann
Auf der Flucht im Existenzialistenlook: Angelina Jolie sieht im Agententhriller Salt mal wieder hinreißend aus - keiner guckt so schön verschlagen unter dem Pony hervor. Für eine knallharte Actionfigur reicht das allein aber nicht.
Es ist ein kurzes Flackern, mit dem sich das Misstrauen in die Augen der beiden Kollegen einnistet, die gerade eben noch mit ihr gescherzt hatten. Und es ist der Startschuss für einen Albtraum. Ein Überläufer bezichtigt CIA-Agentin Evelyn Salt (Angelina Jolie), eine Schläferin des russischen Geheimdienstes zu sein.
Regisseur Phillip Noyce stützt seinen actionreichen Agententhriller Salt auf eine Theorie, nach der die CIA von russischen Agenten unterwandert ist. Still und heimlich warten die auf einen «Tag X», an dem sie gemeinsam zuschlagen – so die Theorie. Und an die glauben tatsächlich einige Mitarbeiter der CIA, beteuert zumindest Produzent Lorenzo di Bonaventura im Presseheft zum Film.
Die Geschichte von Evelyn Salt ist solide erzählt, die Spannung kenntnisreich konstruiert. Noyce und Drehbuchautor Kurt Wimmer lehnen sich nicht mit Sperenzchen aus dem Fenster, bauen aber genügend Winkelzüge ein, mit denen sie den Zuschauer immer wieder überraschen.
Der Film lebt vom Keim des Misstrauens, in dessen Netz er den Zuschauer mit einwebt. Auch der wird nämlich lange nicht eingeweiht, ob der Vorwurf gegen Salt berechtigt oder eine Finte ist. Weil die Macher das aber zu weit auf die Spitze treiben, fällt es schwer, sich mit Evelyn Salt zu identifizieren und so turnt die Figur recht blutleer von einer Action-Szene in die nächste.
Trippeln für Fortgeschrittene
Eine Transfusion könnte auch der Darstellerin Angelina Jolie nicht schaden, denn in den Actionszenen wirkt sie körperlich schlicht überfordert. Besonders im ersten Teil des Films, als sie eine blonde Perücke trägt, wirkt sie wie ein halb verhungertes Vögelchen: Mit schlackernden Handgelenken trippelt sie auf Zehenspitzen ihren Verfolgern davon, um sich dann lechzend an den Kotflügel eines Autos zu drücken. Dabei kriecht eine gefährliche Blässe in ihr Gesicht. Da möchte man sie in eine Decke schlingen und ihr Kraftbrühe einflößen, die abgebrühte Agentin nimmt man ihr in diesen Szenen jedenfalls nicht ab. Und tatsächlich soll Jolie laut Medienberichten während der Dreharbeiten einen Kollaps erlitten haben.
Sehr viel souveräner spielt sie die ruhigeren Szenen, wenn sie mit verschlagenem Blick unter dem schwarzen Pony zur Waffe greift, durch Menschenmassen schleicht oder in Handschellen abgeführt wird. Wenngleich ihr der düstere Gesichtsausdruck mitunter etwas entgleist und sie dann dreinschaut, wie ein Vampir auf Valium.
Ihren zuverlässigen, aber humorlosen, weil deutschen Ehemann darf August Diehl mimen, der als biederer Spinnenspezialist daherkommt und für häusliche Wärme zuständig ist. Reichlich klischeebeladen ist auch das Russenbild des Films: In der düsteren wie rostigen Bude der russischen Spione kippen Männer mit grobschlächtigen Gesichtern selbstverständlich erst einmal ein Vodka und Jolie läuft mit einer Doktor-Schiwago-Gedächtnis-Mütze herum. Da wundert es auch keinen mehr, dass Oberspion Orlov Sätze wie «Russland wird sich aus der Asche erheben» auf Lager haben. Das mit der Asche dürften Medwedew und sein Volk wohl etwas anders sehen. Eine nette Hommage an den Bondfilm Liebesgrüße aus Moskau wiederum ist der Messer-Schuh, den Orlov im Aufzug zückt.
Schade ist, dass das Ende eigentlich gar kein richtiges Ende ist, es flattert wie ein loser Faden im Wind und winkt in die Zukunft, einer unvermeidlichen Fortsetzung entgegen. Das schürt zwar Neugier, lässt aber den Zuschauer etwas ratlos zurück.
Titel: Salt
Regie: Phillip Noyce
Darsteller: Angelina Jolie, August Diehl, Liev Schreiber, Chiwetel Ejiofor, Daniel Olbrychski
Filmlänge: 100 Minuten
FSK: ab 16 Jahren
Verleih: Sony
Kinostart: 19. August 2010