Von Ulrike Cordes
Im Sommer 1986 verschwindet ein kleines Mädchen. Als sie ermordet aufgefunden wird, sind die Bewohner der Kleinstadt entsetzt. Das Drama Das letzte Schweigen holt stillen Horror in den Kinosaal.
Im Hochsommer 1986 fährt ein roter Audi langsam am Rand eines Feldes entlang. Als der Fahrer (Ulrich Thomsen) ein junges Mädchen sieht, steigt er aus. Der Junge (Wotan Wilke Möhring) auf dem Beifahrersitz muss entsetzt mit ansehen, wie der Mann das Mädchen vergewaltigt und tötet.
Die Leiche verschwindet - einzig das Fahrrad bleibt als letzter Hinweis auf das Verbrechen im Feld liegend zurück. Die Tat wird nicht aufgeklärt. Als sich 23 Jahre später die Geschichte wiederholt und die Polizei es versäumt, offensichtliche Parallelen zwischen den beiden Fällen zu ziehen, hitzt das die Gemüter der Kleinstadtbewohner mächtig an.
Der russischstämmige Regisseur Baran bo Odar drehte das Psycho-Drama Das letzte Schweigen, das am 19. August im Kino startet, auch an den Orten seiner Kindheit - im fränkischen Erlangen. Die Entscheidung, auf dem Land zu drehen, kommt nicht von ungefähr, wie Odar erzählt: «Meistens sind Thriller ja in der Großstadt angesiedelt. Doch ich finde, das Monströse herrscht auch in Kleinstädten - hinter den Türen der Einfamilienhäuser.»
Dank eines herausragenden Ensembles kann der Neuling im Regiefach einen packenden Film noir schaffen, der sich mit neurotischen und egoistischen Kleinstadtbewohnern befasst und dabei deren Leben oftmals als perfekt inszinierte Lüge entlarvt.
Dabei mag der Kinobesucher anfangs noch Unwillen verspüren: Verwirrend wirkt die Vielzahl der Figuren, konventionell oder dick aufgetragen manche künstlerischen Mittel. So sind eine surrend hohe Tonkulisse zwecks Spannungssteigerung oder ein Rummelplatz als Symbol einer fratzenhaften, entfremdeten Welt allzu bekannt.
Trotzdem kriecht Das letzte Schweigen mehr und mehr unter die Haut, lässt mitfiebern und mitfürchten. Dafür sorgen auch hektisch geschnittene Szenen, verschachtelte Zeit- und Raumebenen sowie verschwommene Ansichten einer idyllischen Umgebung, in der muffig-sterile Wohnungen seit 1986 unverändert geblieben sind.
Hier schlägt die Stunde der Schauspieler, darunter auch Katrin Sass und Karoline Eichhorn. Mit oft verhaltener Mimik und Gestik erlauben sie immer wieder Blicke hinter die Alltagsmasken. Das ist Odars Hauptstrategie, um mit diesem Thriller jenseits von Action-Spektakel zu wirken. Sehr zurückgenommen zeichnet etwa Sass (Good Bye, Lenin!) die innerlich in lebenslanger Trauer erstarrte Mutter, die tapfer und wie im Ritual joggt und Partys besucht. Um die Hoffnungslosigkeit ihrer Affäre mit dem derben Krischan auf den Punkt zu bringen, genügt dem Regisseur die kalte Schulter, die er ihr nach dem ersten Sex zeigt. Gottverlassen und verloren erscheinen die Menschen - wären da nicht doch, dann und wann, kleine Zeichen der Liebe und Barmherzigkeit.
Titel: Das letzte Schweigen
Regie: Baran bo Odar
Darsteller: Wotan Wilke Möhring, Burghart Klaußner, Ulrich Thomsen, Jule Böwe, Claudia Michelsen, Katrin Sass, Karoline Eichhorn
Filmlänge: 110 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
Verleih: Warner
Kinostart: 19. August 2010