Haldern-Festival Abräumer allerorten

Das Haldern Pop Festival gilt als das am schlechtesten gehütete Geheimnis der deutschen Festivallandschaft. Magie trifft hier auf Extase und ein Publikum, das nicht nur gut aussieht, sondern auch kommunikativ ist.

Haldern 2010 (Foto)
In Haldern geht schon mal die Sonne spektakulär unter. Bild: news.de

Am Sonntag ist Trödelmarkt in Haldern, einem kleinen 5000-Einwohner-Dorf am Niederrhein. Doch an diesem Sonntag ist alles etwas anders, einige Kinder sind mit dem Trecker auf einer Wiese unterwegs, auf der gerade der geordnete Rückzug von etwa 5000 Festivalgängern stattfindet. Die Lausbuben sind mit ziemlichem Bohei auf der Jagd nach Leergut der Feierjugend. Die wiederum ist an diesem Morgen etwas unausgeschlafen, denn sie hat sich in guter Tradition drei Tage lang der 27. Auflage des Haldern Pop Festivals hingegeben.

Das Haldern, wie es kurz genannt wird, wird von den Stammgästen immer als ein klein wenig anders beschreiben. Das Zelten neben dem Auto ist erlaubt, die Veranstalter trauen also ihren Gästen verantwortungsvolles Handeln zu. Und die Gäste sind kommunikativer und weniger auf Alkoholpegelstände erpicht als bei ähnlichen Veranstaltungen üblich. Es zählt das Glänzen in den Augen, wenn man die Bands aufzählt, die man gerne sehen möchte. Auch die zahlungskräftige Generation 40plus ist vertreten, das Haldern ist das Familientreffen der Indiepoppe und zwischen den Auftritten wird nachgeholt, was im Alltag liegen bleibt: Kommunikation. Von Angesicht zu Angesicht.

Bei aller fröhlichen Herzlichkeit und herzlichen Fröhlichkeit bleibt auch an diesem Wochenende die Tragödie von Duisburg präsent. Viele sind per Zug angereist, die Regionalbahn nach Haldern fährt nur wenige Meter neben dem Duisburger Güterbahnhof vorbei, wo vor wenigen Wochen 21 junge Menschen bei der Love Parade starben. Die Notausgänge am Alten Reitplatz mussten daher noch breiter, die Rettungswege noch freier als bisher ohnehin schon sein. Doch das Haldern bleibt dabei das Haldern. Das Dorf. Ein Treckerfahrer bietet in der sengenden Sonne eine mobile Dusche an. Marke Eigenbau versteht sich. Die wäre eigentlich gar nicht nötig, denn der beschauliche Badesee liegt nur wenige Schritte hinter der Hauptbühne. Aber wer sich so etwas einfallen lässt, wird zumindest mit dem Haldern-typischen Mix aus Lächeln und Staunen entlohnt.

Extase im Spiegelzelt

Musikalisch waren in diesem Jahr vor allem die mäandernden Ausläufer des großen Folk-Revivals präsent. Efterklang, Beach House, und die derzeit unvermeidlichen Mumford & Sons sind nur einige der Protagonisten, die mit Holzfällerhemden oder Golfspieler-Uniformen die Welt mit ihrer Musik einen Müh langsamer machen wollen. Gelungen ist das ausgerechnet The Tallest Man on Earth, der gegen die teils vielköpfigen Künstlerkollektive den Wagemut des Solokünstlers stellte.

Am frühen Sonntagmorgen hatten die Organisatoren derweil berechtigte Sorgen, dass das adrette Spiegelzelt unbeschadet bleibt. Denn der US-amerikanische Ausrast-Papst Dan Deacon schickte sich an, mit seiner wilden Electro-Show allen Anwesenden zum guten Schluss einen gehörigen Tinnitus zu verpassen. Ob dieser Ohrenschmerz noch unter die vielfach zitierte Nachhaltigkeit des Festivals gefallen wäre, ist fraglich. Der Kontrast zwischen dem beschaulichen Ort und der bei einem der in Deutschland raren Gigs von Deacon wild zuckenden Meute konnte jedenfalls nicht größer sein. Aber auch das darf in Haldern sein.

So wie auch Serena Maneesh den Abend zuvor mit einem lautstarken Skandalauftritt beschließen durften. Der eigentliche Höhepunkt des eskapistischen Wochenendes, der Auftritt der US-Indierocker von The National, wurde hingegen zu einem selten erlebten Tiefpunkt: Die Technik streikte anderthalb Stunden lang, so dass die große Rockoper klang, als wäre sie durch ein Blechbüchsentelefon abgespielt worden. Und doch: Alles ward gut, die kleinen Trecker fahrenden Pfandpiraten mussten sich schließlich nicht auf dem kleinen Trödelmarkt herumdrücken.

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