Wenn alle Hoffnungen verwittern
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Von news.de-Redakteurin Corina Broßmann
Artikel vom 18.08.2010
Zwei Freunde, eine missglückte Flucht, ein ungewollter Mord: In einer sterbenden Stahlregion entfaltet sich ein Drama aus Schuld und Sühne, das eine ganze Provinz und das Denken aller verändert. Philipp Meyers Buch Rost wird in den USA als Debüt des Jahres gefeiert.
Pittsburgh, Pennsylvania, war bis 1987 der wichtigste Stahlproduktionsort der Welt. Mit dem Ende der Ära verloren 150.000 Menschen ihren Arbeitsplatz. Vor diesem Hintergrund spielt sich die Handlung des aufwühlenden Debütromans Rost von Philipp Meyer ab.
Der 20-jährige Isaac English pflegt seinen Vater, der nach einem Arbeitsunfall im Stahlwerk an den Rollstuhl gefesselt ist. Seine Mutter hat sich umgebracht, und seine Schwester Lee lebt in Connecticut, wo sie mit Simon, dem Sohn wohlhabender Eltern, verheiratet ist. Soll sie sich doch um den herrischen Vater kümmern, denkt Isaac, bedient sich am Ersparten und macht sich davon.
Kalifornien ist sein Ziel. Unterwegs hält er noch bei seinem Freund Billy Poe. Der talentierte Footballspieler hockt vor seinem Trailer, umgeben von Bierdosen. Er hat Träume und Hoffnungen aufgegeben. Immerhin will er Isaac noch ein Stück des Wegs begleiten.
Ein heftiger Regenschauer zwingt die beiden, in einer ausgedienten Maschinenhalle Unterschlupf zu suchen. Dort erhalten sie nach kurzer Zeit Gesellschaft von drei Männern, die ihr Revier markieren wollen. Es kommt zum Handgemenge, bei dem einer der Männer Billy packt und ihm ein Messer an den Hals drückt. Isaac will seinen Freund befreien, greift nach einer Stahlkugel, wirft sie dem Typen an den Kopf und verletzt ihn dabei tödlich.
Die beiden jungen Männer flüchten, lassen aber Billy Poes Footballjacke mit Namen und Spielernummer neben der Leiche liegen. Billy ist klar: Nach ihm, nicht nach Isaac English, wird gesucht werden.
Das Schicksal nimmt seinen Lauf. Während Billy Poe ins Gefängnis geht und dort Hierarchien und Intrigen ausgesetzt ist, hat Isaac sich weiter davon gemacht. Auf einen Weg, der ihn immer dramatischer in die Enge treibt. Er kann sich nicht lösen von dem, was hinter ihm liegt. Von einem Landstrich, der durch seine abgestorbene Industrie geprägt ist. Von den Menschen, die noch geblieben sind, aber keine Perspektive haben.
Die depressive Stimmung, die tragische, hoffnungslose Situation der beteiligten Protagonisten überträgt sich auch auf den Leser. Jedes Kapitel ist einer Person gewidmet, und die Handlung schreitet nur langsam bis zäh voran - auch Rost braucht seine Zeit. In Selbstgesprächen reflektieren die Betroffen über ihre Lage und philosophieren über das Leben an sich.
Rost ist ein gelungenes gesellschaftskritisches Statement: Zeiten industrieller Blüte folgt der wirtschaftliche Niedergang. Was übrig bleibt, sind geschundene, an ihrem Schicksal verzweifelnde Menschen. Am Beispiel der beiden Freunde führt uns Philipp Meyer die Problematik des gesellschaftlichen Verfalls und seiner lähmenden Folgen für den Einzelnen vor Augen: Isaac, ein überdurchschnittlich guter Schüler, hat die Chance zu studieren, ergreift sie aber nicht. Billy, der Footballstar, schlägt das Angebot eines Stipendiums aus.
Damit ist Rost auch das zeitlose Porträt von Menschen, die in den Trümmern ihrer Hoffnungen leben und zugleich ein Buch über die rettende Kraft aufopferungsvoller Freundschaft. Ein bedrückender Roman, der angesichts der weltweiten Wirtschaftskrise kaum aktueller sein könnte.
Philipp Meyer: Rost, Klett-Cotta, 464 Seiten, 22,95 Euro.
car/news.de
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