Mo., 13.02.12
Interviews

Gentleman «Rauch ist das Gegenteil von Klarheit»

Von den news.de-Redakteurinnen Corina Broßmann und Nadine Faßhauer

Artikel vom 07.08.2010

Er ist der erfolgreichste deutsche Reggae-Export aller Zeiten und zur internationalen Musikgröße geworden: Gentleman. News.de sprach mit dem Wahljamaikaner übers Kiffen, U-Bahnschläger und seinen Glauben.

Du verbringst viel Zeit auf Jamaika. Ist der Alltag dort so entspannt, wie man sich das hier vorstellt?

Gentleman: Ja, ich bin regelmäßig dort. Jamaika ist ein sehr armes Land, jedoch reich an Spirit und Kreativität. Es gibt tatsächlich eine gewisse Entspanntheit in der Mentalität, gleichzeitig aber auch eine Spannung, die ich in anderen Ländern so nie erlebt habe.

Wie wird man da als deutscher Reggae-Künstler gesehen und behandelt? Ist es schwerer, sich als Nicht-Jamaikaner durchzusetzen?

Gentleman: Ich habe nie bewusst versucht, mich durchzusetzen. Ich glaube einfach an mich und folge meiner inneren Stimme. Ich mache Musik, um mit mir im Einklang zu sein und nicht um jemandem zu gefallen. Es ist aber motivierend, im jamaikanischen Radio zu laufen und dort mit inspirierenden Menschen zu arbeiten.

Nervt es als Reggae-Star ständig aufs Kiffen angesprochen zu werden oder nutzt du die Fragen als Vorlage, um dahingehend zu warnen?

Gentleman: Es nervt schon mittlerweile, dauernd zu versuchen mit dem Klischee aufzuräumen. Ich kenne auch wirklich viele große Reggae-Sänger, die nicht rauchen. Rauch ist das Gegenteil von Klarheit. Aber das muss jeder mit sich selbst ausmachen.

Du hast mit einem gesellschaftskritischen Video über U-Bahn-Schläger für Aufregung gesorgt. Was nervt dich momentan an den gesellschaftlichen Umständen in Deutschland?

Gentleman: Mir fehlt der produktive Dialog. Diese Ich-Schau-Weg-Mir-Geht-Es-Doch-Gut-Mentalität führt dazu, dass wir uns spalten. Ich versuche deshalb als Künstler öffentliche Diskussionen anzustoßen und Sensibilität zu wecken.

Der politische deutsche Hiphop-Reggae, wie er von Freundeskreis, Fünf Sterne Deluxe oder Fettes Brot verkörpert wurde, ist aber doch mehr oder weniger tot. Wird Reggae nicht zunehmend Mainstream?

Gentleman: Ich glaube, es gibt nur immer Phasen. Mal kommt das eine an die Oberfläche und mal das andere, aber beides wird immer existieren: Musik mit Message und reines Entertainment.

Ist Bob Marley dabei ein politisches oder musikalisches Vorbild für dich oder ist das auch nur ein Reggae-Klischee?

Gentleman: Erwischt. Vorbilder lenken zwar eigentlich nur von einem selbst ab. Bob Marley ist allerdings eine der größten Inspirationen, die es jemals gab.

Was hörst du selbst außer Reggae?

Gentleman: Ich mag Musik mit Ecken und Kanten, unabhängig vom Genre.

Auf deinem Album Diversity versteht man plötzlich die Texte viel besser. Du scheinst das jamaikanische Englisch etwas abgelegt zu haben. Um dich an den deutschen Markt anzupassen?

Gentleman: Ich will einfach von so vielen Menschen wie möglich verstanden werden. Mit dem deutschen Markt an sich hat das aber nichts zu tun. Sonst würde ich auf Deutsch singen oder auf Kölsch. (lacht)

Reggae ist sehr religiös. Dein Vater ist Pastor. Wie kommst du angesichts des aktuellen Kirchenskandals mit deinem Glauben klar?

Gentleman: Gut. Doch ehrlich, ich komme gut mit meinem Glauben klar. Ich glaube einfach an Gott, jedoch nicht an die Kirche.

Was sind deine Zukunftspläne und -wünsche? Wie lang willst du noch Musik machen und wie lässt sich das Tour- mit dem Familienleben vereinbaren?

Gentleman: Zukunft wird und soll immer Zukunft bleiben. Ich will einfach gesund bleiben und noch möglichst lang Musik machen. Zeit ist jedoch zum Luxus geworden. Das ist der Preis für die Leidenschaft. Man muss sich Zeit einteilen und intensiv leben. Die Familie ist dabei die Balance und gibt Kraft.

Gentleman (36; bürgerlicher Name: Tilmann Otto) ist ein in Osnabrück geborener Reggae-Musiker. Er ist  Sohn eines evangelisch-lutherischen Pastors. Heute lebt Gentleman in Köln, ist Vater zweier Kinder und mit der Amerikanerin Tamika liiert, einer Backgroundsängerin der Far East Band. Gentlemans Karriere begann mit der Zusammenarbeit mit Freundeskreis. Er gilt als der einzige deutschsprachige Reggaemusiker, der in Jamaika anerkannt wird. Sein Album Confidence stieg 2004 auf Anhieb auf Platz 1 der deutschen Charts ein.

ruk/news.de
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