Dazu fehlte vielen Filmschaffenden bisher der Mut: Nicht etwa die Geschichte des Contergan-Skandals wird in der Doku Nobody's perfect erzählt, sondern die Opfer werden gezeigt. Nackt. Das Erste strahlt den Film erstmals im deutschen TV aus.
Als Niko von Glasow 2009 den deutschen Filmpreis für seinen Dokumentarfilm Nobody's perfect bekommt, muss sich das angefühlt haben wie das Erreichen des wohlverdienten Ziels nach einer langen Reise. In seinem Film begleitet der Regisseur die Nacktaufnahmen zur Produktion eines Kalenders - was an sich nicht bedeutungsvoll wäre, wenn es sich bei den porträtierten Menschen nicht allesamt um Contergan-Geschädigte handeln würde.
Irgendwann im Film sieht der Zuschauer auch von Glasow, der von seinem Sohn gefragt wird: «Papa, warum gehst du mit mir nicht ins Schwimmbad?» Das hat seinen Grund, denn auch von Glasow ist ein Contergan-Geschädigter. Seine Arme sind kürzer als bei anderen Menschen. Noch immer wird er auf der Straße angestarrt, nur mit einer Badehose bekleidet, ist das nicht wirklich besser.
Viele Jahre lang weigerte er sich, seine Behinderung zu akzeptieren und sich mit ihr auseinanderzusetzen. Doch dies soll sich ändern, und so kommt der Regisseur auf die Idee, einen Foto-Kalender zu produzieren und die Arbeit daran von einem Filmteam begleiten zu lassen. Das Ergebnis ist in dem Film Nobody's Perfect zu sehen, den das Erste am 10. August um 22.45 Uhr in Erstausstrahlung zeigt.
Neben Kummer und Schmerz auch schwarzer Humor
Der Dokumentarfilm präsentiert dem Zuschauer knapp 80 Minuten lang elf Menschen mit zu kurzen Armen und Beinen, oft nackt, verschämt und ängstlich, aber häufig auch ausgelassen, erotisch und ehrlich. Der Film beschönigt nichts, weil es nichts zu beschönigen gibt. Doch neben Kummer und Schmerz bietet er auch schwarzen Humor: So versucht der britische Schauspieler Matt Fraser mit dem Geld, das er mit dem Kalender-Projekt verdient, ein «Contergan-Klo» zu kaufen. Der Brite erklärt, warum: «Nach dem Schiss bleibst du sitzen. Das Wasser spült hoch und duscht Dir den Arsch, dann wirst Du gefönt.»
1957 brachte das Pharmaunternehmen Grünenthal, im Besitz der Familie Wirtz, das Schlafmittel Contergan auf den Markt - ohne vor Nebenwirkungen, insbesondere bei Schwangeren, zu warnen. Der in dem Mittel enthaltene Wirkstoff Thalidomid störte den Wachstumsprozess vieler Babys und sorgte dafür, dass weltweit etwa 10.000 Kinder mit körperlichen Missbildungen - meist kurzen Beinen und Armen - auf die Welt kamen.
Der Wirtz-Clan weiß, welcher Film da in der ARD läuft. Von Glasow hat den Gesellschaftern eine DVD geschickt, verbunden mit der Einladung zum Gespräch. «Ich weiß, dass meinen Film nicht nur die Familie Wirtz gesehen hat, sondern viele Menschen, die in der Pharmaindustrie arbeiten.» Passiert ist dieses Mal nichts: keine Kontaktaufnahme, keine Erklärung, keine Klage. Die Ausstrahlung des Contergan-Spielfilms Eine einzige Tablette vor drei Jahren hatte Grünenthal vor Gericht erbittert bekämpft - am Ende durfte der Film gezeigt werden.
Am Ende ist Nobody's Perfect für Regisseur von Glasow deshalb besonders wichtig, weil er selbst durch den Film «die Scheu vor Contergan-Behinderten verloren» hat. Auch der Zuschauer sollte sich erlauben, Ängste im Umgang mit Behinderten abzubauen - dieser Film könnte dazu beitragen.
Nobody's Perfect, 10. August, 22.45 Uhr, Das Erste.
roj/car/ivb/news.de/dpa
Die Dokumentation von Nico von Glasow hat mich schwer beeindruckt! Am Ende dieses "Meisterwerkes" hatte ich das Gefühl die Darsteller wären "alte Freunde" von mir, da ich sie bereits sehr lieb gewonnen hatte. Meine Frau und ich sind beide Jahrgang 1959, so viel ich weiß hat meine Mutter während ihrer Schwangerschaft mit mir glücklicherweise "Baldrian" eingenommen. Was ich mal wieder so typisch wie traurig für unser Land finde ist die Tatsache, das z. B. britische Contergan-Opfer weitaus höher entschädigt wurden und werden! mfg... FRANZ!
jetzt antwortenKommentar meldenIch kann es auch nicht nachvollziehen. Zu meiner Schulzeit habe ich leider viele Gleichaltrige oder Ältere mit kurzen Armen gesehen. Sie sind zwar damit selbstbewusst umgegangen und wurden damals nicht angestarrt (zumindest von den älteren Schulkindern nicht) - aber ich denke sie haben sich ihrem Schicksal irgendwie gefügt. Warum darf diese Firma nach wie vor das Mittel verkaufen? Deutschland - unser Staat - der für so viel "Gerechtigkeit" steht - aber in welchem Sinne? Dem der Pharmazeuten und Hersteller, die mit Menschenleben experimentieren? Richter! Wenn ihr selbst betroffen wärt ...
jetzt antwortenKommentar meldenAuch wenn die Filmschaffenden den Mut hätten, über die Geschichte des Contergan-Skandals zu berichten, würde der Film nie gezeigt werden können, weil da zuviele dran interessiert sind das zu verhindern. Geld machts möglich. Aber noch kann sich jeder über die Hintergründe der grössten Schweinerei der Deutschen Nachkriegsgeschichte im Internet informieren. Früher sagte man:"Die Sonne bringt es an den Tag." Heute kann man sagen: "Google bringt Transparent in die Geschichte." Ein kleiner Trost für die Geschädigten. Der feurige Pfuhl wartet schon auf einige.
jetzt antwortenKommentar meldenWährend die milliardenschwere Eigentümerfamilie Wirtz ihren, auch auf Contergan begründeten, Reichtum genießen, leben viele ihrer Opfer am Rande des Existenzminimums. Bereits 1960 wussten die Verantwortlichen des Unternehmens um die Giftigkeit und die Gefahren, die von Contergan ausgehen. Aus purer Profitgier verkaufte man weiter und bewarb Contergan als "völlig harmlos" und "geeignet für Schwangere". Tausende von Toten und Verstümmelten waren und sind die Folge. Wo bleibt Ihr Gewissen, Familie Wirtz? Stellen Sie sich Ihrer moralischen Schuld! Leisten Sie Schadensersatz! Eines Ihrer Opfer
jetzt antwortenKommentar meldenFür die Wiedergutmachung tritt heute, mangels fähigem Richterspruches, weitgehend der Steuerzahler ein. Was in den 3.Welt-Ländern passiert, die weiterhin diese gefährlichen Präparate anwenden, ist Grünenthal auch egal. Tausende von Contergan-Kinder kommen heute noch auf die Welt. Nach mir die Sintflut. Irdische Richter sind nicht in der Lage, Gerechtigkeit zu vermitteln. Das müssen sie schon einem Anderen überlassen. Es wird aber gut dran verdient.
jetzt antwortenKommentar meldenDas war wohl in der Hauptsache ein Justiz-Skandal, denn Grünenthal wurde keine Schuld zugesprochen, nach jahrelangen Verhandlungen. Ein Glück, dass es in anderen Ländern, wie auch in der DDR, nicht zu einer Zulassung dieses Präparates kam. Dort stellte man fest, dass es zu Störungen am Fötus kommen könnte, weil es sogenannte Antivitamine enthielt. Die Prüfung eines neuen Pharma-Produktes sollte Deutschland nicht dem Hersteller überlassen. Ein Mitarbeiter von Grünenthal hat Contergan, vor der Auslieferung des Präparates, an seiner schwangeren Frau getestet. Das Baby wurde ohne Ohren geboren.
jetzt antwortenKommentar meldenEs gibt wirklich noch Menschen, die sich an d.Fall erinnern können.Ich war damals ca.10-12 Jahre, als es durch die Medien ging. Meine Geschwister in den Jahren 1959 bis 1965 geboren häte es auch treffen könne. Denn meiner Mutter wurde Contergan ebenfalls angeboten. Sie hat es glücklicherweise verweigert. Dieser Film ist längst überfällig. Ich begüße es, daß die Medien endlich auf der Seite der Opfer stehen u. nicht der werbeträchtigen Pharma-Industrie. Angeblich wird der Wirkstoff Thalidomid wieder in der Pharma-Industrie eingesetzt. In Deutschland werden die Opfer allein gelassen. mfg.Hanna
jetzt antwortenKommentar meldenMit dem Film setzt sich Niko von Glasow auch für eine würdevolle Entschädigung der schwer- und schwerstbehinderten Contergan-Opfer durch Grünenthal ein, denn es ist immer wieder erstaunlich, mit welcher Kontinuität es Grünenthal schafft, sich durch würdeloses Geschachere um Entschädigungszahlungen in ein schlechtes Licht zu rücken.
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