Schirachs neues Buch Die Welt ist grausam, hart und rätselhaft

Der schreibende Strafverteidiger Ferdinand von Schirach legt erneut ein faszinierendes Buch vor. Es heißt schlicht Schuld. Der Autor hat ungewöhnliche und kuriose Kriminalfälle versammelt und zeigt sich als Meister der Zwischentöne.

Ferdinand von Schirach (Foto)
Ferdinand von Schirach, prominenter Strafverteidiger und Autor, hat ein neues Buch vorgelegt. Bild: dpa

Die junge Ehefrau wird von ihrem betrunkenen Mann geschlagen, missbraucht, erniedrigt. Später wird ein medizinischer Bericht die Verletzungen auf 14 Seiten auflisten. Jahrelang erträgt Alexandra die Tortur - vor allem wegen ihrer kleinen Tochter und der Illusion von Familie. Doch dann wird der Sadist erschlagen - in seinem Bett mit einer Statue. Der Strafverteidiger Ferdinand von Schirach erzählt in seinem neuen Buch Schuld, wie er die wegen Mordes angeklagte Frau verteidigt. Der Prozess endet überraschend.

15 Fälle aus der Praxis hat Schirach in dem jetzt erschienenen Band aus dem Verlag Piper zusammengetragen und in Literatur verwandelt. Sie zeigen eine Welt, die grausam, hart und rätselhaft ist. Gekonnt, spannend und teilweise atemberaubend erzählt der Anwalt. Er selbst drängt sich nicht in den Vordergrund. Schon 2009 hatte von Schirach mit seinem ersten Erzählband Verbrechen einen Coup gelandet. Der 1964 in München geborene Autor und Anwalt bekommt für «das meistbeachtete Debüt der deutschen Literatur 2009» dieses Jahr den Kleist-Preis. Nach Angaben des Verlags wurde der Band schon mehr als 150.000 Mal verkauft.

Kein Jahr später liegen nun wieder Storys vor. Er habe die Geschichten im Kopf gehabt und sie nur noch schreiben müssen, sagt von Schirach. Gleichzeitig bekennt er, dass es auch Momente gab, in denen es nicht weiterging mit dem Schreiben. «Dann gehe ich spazieren oder etwas essen, irgendwann funktioniert es wieder.»

Ferdinand von Schirach ist Enkel des NS-Reichsjugendführers Baldur von Schirach. Auch aus diesem Grund rückt der Strafrechtler schnell in den Blick der Öffentlichkeit. In Interviews wiederholt er dennoch geduldig, dass der Familienname für ihn keine Last sei. Seine berufliche Laufbahn begann Schirach als Anwalt und Strafverteidiger in Berlin. Dort stieg er zum «Promi-Anwalt» auf und vertrat unter anderem den SED-Funktionär Günter Schabowski und die Familie des Schauspielers Klaus Kinski.

Das Schreiben liegt in der Familie: Der Großvater veröffentlichte seine Erinnerungen an die Hitlerzeit, Onkel Richard von Schirach ließ sich über die Zeit im Schatten seines Vaters aus, und Cousine Ariadne von Schirach thematisierte das Thema Sex (Der Tanz um die Lust).

In Ferdinand von Schirachs neuem Buch gibt es keine nüchternen Berichte aus Gerichtssälen. Vielmehr werden auf rund 200 Seiten ungewöhnliche Leben erzählt, so wie die von Nina und Thomas, die erst 19 Jahre nach dem Tod eines alten Mannes festgenommen werden und sich noch vor dem Prozess erschießen. Diese Erzählung heißt schlicht DNA. Wie schnell eine Situation aus dem Ruder laufen kann, zeigt von Schirach in Die Illuminate. Internatsschüler quälen einen Mitbewohner, doch zu Tode kommt ein anderer Mensch. Auch wenn die Frage nie direkt gestellt wird, ist sie zu spüren: Warum wird einer zum Verbrecher und ein anderer nicht?

Und es geht um Schuld, doch oft liegt sie nicht klar auf der Hand. Warum schlägt beispielsweise ein junger Araber einem Mann mit einem Hammer die Zähne aus dem Mund? Schirach findet auch in diesem Fall Zwischentöne. Raffiniert versucht er das Grau hinter dem Schwarz oder Weiß zu fassen, das nicht zu Definierende. Seine Protagonisten sind Mitmenschen, ihr Schicksal geht dem Leser nahe, sie verlassen ihn nicht, wenn er das Buch zugeklappt hat. Aber es geht auch um die Grenzen der Justiz sowie um Unschuld wie in der Geschichte über Holbrecht, der wegen sexuellen Kindesmissbrauchs im Gefängnis saß.

Ob auch Selbsterlebtes in den Fällen steckt? «Die Geschichten erleben ja die anderen, der Anteil des Anwaltes ist gering», sagt Schirach. Der schreibende Anwalt hat seine Geschichten regelrecht komponiert. Mit knappen Sätzen baut er Spannung auf, beschreibt präzise Details von Tatorten wie rot gemauerte Fenstereinfassungen oder Rost auf einem Treppengeländer. Durch diese Sachlichkeit ohne jeglichen Voyeurismus entsteht eine ganz eigene Spannung. Mit dem Spruch: «Die Dinge sind, wie sie sind», hat Schirach sein Buch überschrieben. Es soll der letzte Band mit Kurzgeschichten sein, teilt Schirach mit. «Ich sitze bereits an einem anderen Buch, aber ich möchte noch nicht darüber sprechen.»

Der prominente Anwalt, der im Gericht meist freundlich distanziert wirkt, gab in einem Interview mit der Zeit kurze Einblicke in sein Leben. Er habe schon als Kind gefremdelt, sagte er da. Der Beruf des Strafverteidigers sei eine Art Rettung für ihn gewesen. Schirach meinte, er habe später durch seine Mandanten begriffen, dass er mit dem Gefühl der Leere nicht allein sei. Das habe ihn beruhigt.

Ferdinand von Schirach: Schuld, Piper Verlag, 208 Seiten, 17,95 Euro, 9. August 2010.

car/ruk/reu/news.de/dpa

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