Bonaparte «Alle Musiker sollten viel mehr riskieren»

Bonaparte verbinden Rock mit Hip-Hop, Theater mit Burleske, Politik mit Party. Im Interview spricht Bonaparte-Chef Tobias Jundt ├╝ber die Konkurrenz mit langweiligen Bands, Plagiatsvorw├╝rfe und den Wunsch, auf der B├╝hne nackt zu sein.

Der geb├╝rtige Schweizer Tobias Jundt ist der Kopf von Bonaparte. Bild: Bonaparte/Duplex Caesar

Man nennt ihn wahlweise Empereur, Zirkusdirektor oder Partykaiser. Doch eigentlich hei├čt er Tobias Jundt - und er ist der Kopf von Bonaparte, der aktuell spannendsten deutschen Musikgruppe. Die Band, die 2006 in Berlin zusammenfand und Mitglieder aus aller Welt vereint, hat gerade ihr zweites Album My Horse Likes You ver├Âffentlicht. Der Musikexpress k├╝rte das Werk zur CD des Monats Juli, und auch sonst sind die Kritiker voll des Lobes f├╝r das originelle Konzept von Bonaparte. Im Interview erkl├Ąrt Tobias Jundt, warum er trotzdem nicht nur der Hofnarr der Musikszene sein will.

Auch bei tropischen Temperaturen im Sommer treten Bonaparte noch mit aufwendigen Kost├╝men auf, die sehr schwei├čtreibend aussehen. Gibt es f├╝r euch keinen Hitzekollaps?

FOTOS: Rock in Ferropolis Melt 2010

Jundt: Nein, wir geben nie auf. Mit voller Energie an seine Grenzen zu gehen, das ist f├╝r uns Teil der Show. Es gibt zwar manchmal Auftritte, wo ich wirklich kaum noch Luft bekomme. Aber wird sind das inzwischen fast gewohnt. Ich w├╝rde zwar nicht behaupten, dass wir alle Spitzensportler sind. Aber was Ausdauer angeht, spielen alle bei Bonaparte in der ersten Liga. Schlie├člich haben wir in den vergangenen paar Jahren 300 bis 400 Shows gespielt. Au├čerdem f├Ąllt auch in unserem Tourbus ├Âfter mal die Klimaanlage aus, insofern sind wir Hitze gewohnt.

Aber man k├Ânnte doch f├╝r die Sommerkonzerte auch einfach luftigere Outfits w├Ąhlen als eine T├╝te ├╝ber dem Kopf, historische Uniformen oder eine komplette Pferdemontur?

VIDEO: ┬źComputer In Love┬╗ von Bonaparte
Video: YouTube

Jundt: Ich habe schon ein paar Mal daran gedacht, mich einfach auszuziehen, wenn mir zu hei├č wird. Aber auf einer gro├čen B├╝hne vor ein paar Tausend Leuten will ich das dann doch lieber nicht machen. Es gibt diese Zeile in unserem Lied My Body Is A Battlefield: Two eyes / a thousand faces / two lips / they follow the traces.Zwei Augen / Tausend Gesichter / Zwei Lippen / Sie folgen den Spuren. So f├╝hlt sich das f├╝r mich an: ganz viele Leute, deren Blicke f├Ârmlich auf mir brennen.

Aber Bonaparte setzen auch viel auf Interaktion mit dem Publikum.

Jundt: Das stimmt. Wenn die Fans richtig abgehen, dann legen wir uns auch immer noch ein bisschen mehr ins Zeug. Wir sind nur gut, wenn das Publikum auch gut ist. Und da kann die Hitze manchmal wirklich im Weg stehen. Denn die Fans sind ja nicht so trainiert wie wir. Und wenn sie sich dann zur├╝ckhalten, dann kommt das manchmal so an, als w├╝rde es ihnen nicht gefallen oder als w├Ąre der Sound vielleicht schlecht. Dabei schonen die Leute nur ihre Kr├Ąfte.

Die Zeit hat k├╝rzlich ├╝ber Bonaparte geschrieben, dass ihr auf der B├╝hne probt. Ist so etwas nicht eine Beleidigung f├╝r dein K├╝nstlerethos? Schlie├člich bietet ihr dem Publikum ja keinen Test, sondern eine richtige Show.

Jundt: Das ist trotzdem keine Beleidigung. Wir probieren ja wirklich viel aus. Zum Beispiel haben wir St├╝cke vom neuen AlbumDie CD ┬źMy Horse Likes You┬╗, das zweite Album von Bonaparte, erschien am 4. Juni 2010. gespielt, bevor es ├╝berhaupt erschienen war. Aber trotzdem ist das, was auf der B├╝hne passiert, keine Probe. Denn es muss ja alles funktionieren, man kann nichts im Nachhinein verbessern oder einfach nochmal spielen. Diesen Druck brauchen Bonaparte.

Bei so viel Lust aufs Experimentieren und dem spektakul├Ąren Zirkus, der bei Bonaparte einfach dazu geh├Ârt - erscheinen euch dann andere Bands nicht unendlich langweilig?

Jundt: Das klingt vielleicht arrogant, aber ehrlich gesagt bin ich schon ein bisschen entt├Ąuscht, wie viele Bands unterwegs sind, die noch immer total nach 1990er Jahren klingen. Trotzdem sind die sehr erfolgreich und kassieren riesige Gagen. Umso mehr freue ich mich, wenn wir vor allem auf Festivals sehen, dass wir immer beliebter werden. Jedes Jahr stehen wir auf den Plakaten ein bisschen weiter oben.

Wie w├╝rde denn die Musikwelt aussehen, wenn Du ihr neue Gesetze geben k├Ânntest, so wie es Napoleon mit dem Code CivilDer 1804 von Napoleon Bonaparte eingef├╝hrte Code Civil modernisierte das Zivilrecht und wurde zur Vorlage f├╝r Gesetzb├╝cher in aller Welt. In Frankreich ist der Code Civil in weiten Teilen noch heute g├╝ltig. f├╝r sein Reich getan hat?

Jundt: Das ist gar nicht so leicht. Momentan bin ich nur der Kaiser in meiner Band und kann da bestimmen, wie Bonaparte klingen. Wenn ich der Kaiser der gesamten Musik w├Ąre, h├Ątten meine Gesetze ja Auswirkungen auf viel mehr Menschen. Ich wei├č nicht, ob ich das schaffen w├╝rde. Und ich f├Ąnde es auch schade um die Vielfalt, wenn ich allen anderen Bands meinen Stil aufzw├Ąngen m├╝sste. Aber ein Gesetz w├╝rde ich erlassen: Alle Leute in der Musikbranche w├╝rden gezwungen, mehr zu riskieren und neue Sachen auszuprobieren - und wenn sie sich nicht daran halten, werden ihren Privilegien gestrichen.

Was macht denn den typischen Bonaparte-Stil aus?

Jundt: Ich denke, wir machen eine sehr moderne Art von Popsongs. Bonaparte ist nicht so sehr ein Sound, sondern vor allem eine besondere, aktuelle Herangehensweise, die gut in unsere Zeit passt. Ich versuche, das auszudr├╝cken, was mich pers├Ânlich bewegt. Ich will die Attit├╝den und Gef├╝hle des Zeitgeist aufgreifen und sie in Musik ├╝bersetzen. Dazu geh├Âren auch Zitate. Ich rege mich zwar auf, wenn man mich «die Helene Hegemann der Musikszene» nennt. Nat├╝rlich habe ich bestimmte Einfl├╝sse, und wir bringen Versatzst├╝cke in einen neuen Kontext. Aber ich kann ja schlie├člich keine Quellenverweise und Fu├čnoten mitsingen.

Ab 8. Oktober sind Bonaparte auf Tour mit ihrer Circus-Show. Hier gibt es alle Termine.

ruk/news.de

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