Bonaparte «Alle Musiker sollten viel mehr riskieren»

Tobias Jundt (Foto)
Der gebürtige Schweizer Tobias Jundt ist der Kopf von Bonaparte. Bild: Bonaparte/Duplex Caesar

Von news.de-Redakteur Michael Kraft
Bonaparte verbinden Rock mit Hip-Hop, Theater mit Burleske, Politik mit Party. Im Interview spricht Bonaparte-Chef Tobias Jundt über die Konkurrenz mit langweiligen Bands, Plagiatsvorwürfe und den Wunsch, auf der Bühne nackt zu sein.

Man nennt ihn wahlweise Empereur, Zirkusdirektor oder Partykaiser. Doch eigentlich heißt er Tobias Jundt - und er ist der Kopf von Bonaparte, der aktuell spannendsten deutschen Musikgruppe. Die Band, die 2006 in Berlin zusammenfand und Mitglieder aus aller Welt vereint, hat gerade ihr zweites Album My Horse Likes You veröffentlicht. Der Musikexpress kürte das Werk zur CD des Monats Juli, und auch sonst sind die Kritiker voll des Lobes für das originelle Konzept von Bonaparte. Im Interview erklärt Tobias Jundt, warum er trotzdem nicht nur der Hofnarr der Musikszene sein will.

Auch bei tropischen Temperaturen im Sommer treten Bonaparte noch mit aufwendigen Kostümen auf, die sehr schweißtreibend aussehen. Gibt es für euch keinen Hitzekollaps?

Rock in Ferropolis
Melt 2010
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Jundt: Nein, wir geben nie auf. Mit voller Energie an seine Grenzen zu gehen, das ist für uns Teil der Show. Es gibt zwar manchmal Auftritte, wo ich wirklich kaum noch Luft bekomme. Aber wird sind das inzwischen fast gewohnt. Ich würde zwar nicht behaupten, dass wir alle Spitzensportler sind. Aber was Ausdauer angeht, spielen alle bei Bonaparte in der ersten Liga. Schließlich haben wir in den vergangenen paar Jahren 300 bis 400 Shows gespielt. Außerdem fällt auch in unserem Tourbus öfter mal die Klimaanlage aus, insofern sind wir Hitze gewohnt.

Aber man könnte doch für die Sommerkonzerte auch einfach luftigere Outfits wählen als eine Tüte über dem Kopf, historische Uniformen oder eine komplette Pferdemontur?

Die Partykaiser
«Computer In Love» von Bonaparte
Video: YouTube

Jundt: Ich habe schon ein paar Mal daran gedacht, mich einfach auszuziehen, wenn mir zu heiß wird. Aber auf einer großen Bühne vor ein paar Tausend Leuten will ich das dann doch lieber nicht machen. Es gibt diese Zeile in unserem Lied My Body Is A Battlefield: Two eyes / a thousand faces / two lips / they follow the traces.Zwei Augen / Tausend Gesichter / Zwei Lippen / Sie folgen den Spuren. So fühlt sich das für mich an: ganz viele Leute, deren Blicke förmlich auf mir brennen.

Aber Bonaparte setzen auch viel auf Interaktion mit dem Publikum.

Jundt: Das stimmt. Wenn die Fans richtig abgehen, dann legen wir uns auch immer noch ein bisschen mehr ins Zeug. Wir sind nur gut, wenn das Publikum auch gut ist. Und da kann die Hitze manchmal wirklich im Weg stehen. Denn die Fans sind ja nicht so trainiert wie wir. Und wenn sie sich dann zurückhalten, dann kommt das manchmal so an, als würde es ihnen nicht gefallen oder als wäre der Sound vielleicht schlecht. Dabei schonen die Leute nur ihre Kräfte.

Die Zeit hat kürzlich über Bonaparte geschrieben, dass ihr auf der Bühne probt. Ist so etwas nicht eine Beleidigung für dein Künstlerethos? Schließlich bietet ihr dem Publikum ja keinen Test, sondern eine richtige Show.

Jundt: Das ist trotzdem keine Beleidigung. Wir probieren ja wirklich viel aus. Zum Beispiel haben wir Stücke vom neuen AlbumDie CD «My Horse Likes You», das zweite Album von Bonaparte, erschien am 4. Juni 2010. gespielt, bevor es überhaupt erschienen war. Aber trotzdem ist das, was auf der Bühne passiert, keine Probe. Denn es muss ja alles funktionieren, man kann nichts im Nachhinein verbessern oder einfach nochmal spielen. Diesen Druck brauchen Bonaparte.

Bei so viel Lust aufs Experimentieren und dem spektakulären Zirkus, der bei Bonaparte einfach dazu gehört - erscheinen euch dann andere Bands nicht unendlich langweilig?

Jundt: Das klingt vielleicht arrogant, aber ehrlich gesagt bin ich schon ein bisschen enttäuscht, wie viele Bands unterwegs sind, die noch immer total nach 1990er Jahren klingen. Trotzdem sind die sehr erfolgreich und kassieren riesige Gagen. Umso mehr freue ich mich, wenn wir vor allem auf Festivals sehen, dass wir immer beliebter werden. Jedes Jahr stehen wir auf den Plakaten ein bisschen weiter oben.

Wie würde denn die Musikwelt aussehen, wenn Du ihr neue Gesetze geben könntest, so wie es Napoleon mit dem Code CivilDer 1804 von Napoleon Bonaparte eingeführte Code Civil modernisierte das Zivilrecht und wurde zur Vorlage für Gesetzbücher in aller Welt. In Frankreich ist der Code Civil in weiten Teilen noch heute gültig. für sein Reich getan hat?

Jundt: Das ist gar nicht so leicht. Momentan bin ich nur der Kaiser in meiner Band und kann da bestimmen, wie Bonaparte klingen. Wenn ich der Kaiser der gesamten Musik wäre, hätten meine Gesetze ja Auswirkungen auf viel mehr Menschen. Ich weiß nicht, ob ich das schaffen würde. Und ich fände es auch schade um die Vielfalt, wenn ich allen anderen Bands meinen Stil aufzwängen müsste. Aber ein Gesetz würde ich erlassen: Alle Leute in der Musikbranche würden gezwungen, mehr zu riskieren und neue Sachen auszuprobieren - und wenn sie sich nicht daran halten, werden ihren Privilegien gestrichen.

Was macht denn den typischen Bonaparte-Stil aus?

Jundt: Ich denke, wir machen eine sehr moderne Art von Popsongs. Bonaparte ist nicht so sehr ein Sound, sondern vor allem eine besondere, aktuelle Herangehensweise, die gut in unsere Zeit passt. Ich versuche, das auszudrücken, was mich persönlich bewegt. Ich will die Attitüden und Gefühle des Zeitgeist aufgreifen und sie in Musik übersetzen. Dazu gehören auch Zitate. Ich rege mich zwar auf, wenn man mich «die Helene Hegemann der Musikszene» nennt. Natürlich habe ich bestimmte Einflüsse, und wir bringen Versatzstücke in einen neuen Kontext. Aber ich kann ja schließlich keine Quellenverweise und Fußnoten mitsingen.

Ab 8. Oktober sind Bonaparte auf Tour mit ihrer Circus-Show. Hier gibt es alle Termine.

ruk/news.de

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