Von Chris Melzer
Für Schlagzeilen sorgte in letzter Zeit eher Sohn Charlie. Doch die Filmgeschichte wird sich an Martin Sheen erinnern. Der Star aus Kinoklassikern und Fernseherfolgen wird 70 Jahre alt.
Wenn man den etwas komplizierten Namen Ramón Antonio Gerard Estévez trägt. Wenn man aus der Provinz kommt und sich die ohnehin schon einfachen Verhältnisse mit neun Geschwistern teilen muss. Dann spricht das nicht gerade für eine Karriere als Hollywoodstar. Erst recht nicht, wenn der bodenständige Vater gegen jede Schauspielerei ist.
Es sei denn, man hat einen festen Willen und noch mehr Talent. Estévez hat es zu einem der produktivsten und meistrespektierten Schauspieler Hollywoods gebracht und eine ganze Schauspielerdynastie begründet - wenn auch unter seinem Künstlernamen: Martin Sheen wird am 3. August 70 Jahre alt.
Sheens Vater war ein Fabrikarbeiter aus dem spanischen Galizien, seine Mutter kam aus Irland. Geboren wurde er in Dayton, Ohio - eine Großstadt und doch Provinz. Streng katholisch erzogen, ist er noch heute bekennend gläubig. Vermutlich ist Sheen der einzige Hollywoodstar, der seinen Künstlernamen zu Ehren eines katholischen Erzbischofs annahm: Fulton John Sheen, Erzbischof von New York und einer der ersten Fernsehprediger. Dessen «Katholische Stunde» hat vermutlich auch der kleine Ramón im Radio gehört.
Es war auch ein katholischer Priester, der dem jungen Mann Geld für eine Fahrt nach New York lieh. Und in der Welthauptstadt von Theater und Bühne half ihm einer der buntesten Vögel des Katholizismus: Dorothy Day - Journalistin, Feministin, Kommunistin, Anarchistin, Pazifistin, Katholikin - alles möglichst radikal. Unter ihrem Einfluss organisierte Sheen seinen ersten Streik - mit 14. Von da an war er ein politischer Aktivist und blieb es auch als Millionär und Filmstar.
Doch vor dem Ruhm auf der Leinwand mühte sich der junge Schauspieler zunächst auf den harten Bühnenbrettern und in Filmnebenrollen. Ein Star wird er nicht, obwohl die Filme legendär sind: Bei der bitteren Kriegssatire Catch-22 - Der böse Trick ist er einer der Offiziere. Danach verkörpert er erst Präsident John F. und später Justizminister Robert Kennedy. 1972 spielt er den Sohn eines schwulen Vaters in Damals im Sommer - dem ersten US-Film, in dem ein Homosexueller nicht negativ erschien.
Ein Unbekannter war Sheen also längst nicht mehr, als er für Francis Ford Coppola in den Vietnamkrieg zog. Apocalypse Now war für Marlon Brando die Krönung seines Spiels, für Sheen war es der Durchbruch zum Star. Angeblich bekam er die Rolle nur, weil Steve McQueen nicht so lange aus den USA weg wollte und absagte. Der Rest ist Kinogeschichte. Der Film wurde mit Preisen überhäuft, fand Eingang in diverse «bester Film aller Zeiten»-Listen und wurde ein Stück Kulturgut.
Die Jüngeren kennen Sheen eher als «Jed Bartlet». In sieben Staffeln spielte er in der TV-Serie West Wing den Präsidenten der USA. Mit dieser Reputation kritisierte Sheen den wahren Amtsinhaber scharf, als George W. Bush 2003 gegen den Irak zog. Wenn es um Kriege, Gewerkschaften oder Dritte Welt geht, Sheen ist zur Stelle: der Linke, der Aktivist, der Störenfried - manchmal auch der Besserwisser.
Und er ist das Oberhaupt einer Hollywooddynastie. Seine drei Söhne und die Tochter spielen alle, Emilio und Ramón sind auch Regisseure. Den Ruhm des Vaters erlangte aber nur Carlos. Der Sohn hatte seinen Durchbruch 1986 wie Papa in einem Vietnamfilm und mit einem Künstlernamen: Charlie Sheen in Platoon. Zusammen spielten beide ein Jahr später in Wall Street - als Vater und Sohn.
Als Charlie sieben Jahre später den Klamauk Hot Shots 2 drehte, schipperte er wie einst der Vater in Apocalypse Now den Mekong rauf. Auf einem entgegenkommenden Boot steht plötzlich Martin Sheen, in der gleichen Uniform wie damals. Als Vater und Sohn auf gleicher Höhe sind, rufen sich beide zu: «Du warst super in Wall Street!».
car/news.de/dpa