Von Thomas Burmeister
In London bespuckte sie Polizisten, in New York knallte sie einem Hausmädchen ihr Handy an den Kopf. Mit der Justiz hat das Model Erfahrung, doch dieser Gerichtstermin wird schwer: Naomi Campbell soll gegen den «Herrn der Blutdiamanten» aussagen.
Über Charles Taylor erzählte man in Westafrika Grauenhaftes: Als Rebellenführer habe er Blut ermordeter Bauern getrunken, um sich mit Dschungelgeistern zu verbünden. Einige Leute wundert es daher wenig, dass das Model Naomi Campbell jetzt zögerte, diesem Mann wieder in die Augen zu sehen. Vor 13 Jahren soll er die Britin mit einem sogenannten Blutdiamanten beschenkt haben. Am 5. August soll Campbell dazu als Zeugin vor dem Sondergerichtshof für Sierra Leone aussagen.
Ob die Angaben der 40-Jährigen vor dem Kriegsverbrecher-Tribunal bei Den Haag beitragen, den 62-jährigen Ex-Diktator für immer hinter Gitter zu bringen, ist allerdings fraglich. Diese Hoffnung der amerikanischen Staatsanwältin Brenda Hollis könnte wie eine Seifenblase platzen. Campbell wäre nicht die erste Zeugin im Taylor-Prozess, die Angst hat.
Selbst als Untersuchungshäftling soll der Ex-Kriegsherr noch eine ebenso hörige wie brutale Gefolgschaft haben. Zudem dürfte ein Eingeständnis Campbells, von einem Despoten einen Edelstein akzeptiert zu haben, ihrer Karriere kaum zuträglich sein. Taylor wird die Mitverantwortung für Massenmorde, Folterungen, Vergewaltigungen und die Zwangsrekrutierung von Kindern vorgeworfen.
«Ich habe keinen Diamanten bekommen»
Vielleicht wird Campbell nur wiederholen, was sie im April in einem Studio des US-Senders ABC erklärte: «Ich habe keinen Diamanten bekommen», fauchte sie ihre Interviewerin an. Als die nachhakte, fegte die Britin aus dem Studio und schlug auf eine Kamera ein.
Leidschendam heißt der verschlafene Ort am Rande von Den Haag, in dem sich der Taylor-Prozess in der einstigen Zentrale des niederländischen Geheimdienstes abspielt. Was hier zur Sprache kommt, hat Hollywood schon 2006 verfilmt. Der Kinohit Blutdiamant mit Leonardo DiCaprio und Jennifer Connelly vermittelt eine Vorstellung vom Grauen des Bürgerkriegs in Sierra Leone, dem zwischen 1991 und 2002 mehr als 120.000 Menschen zum Opfer fielen.
«Markenzeichen» dieses Krieges waren Verstümmelungen. Die «Revolutionary United Front» (RUF) des halbirren Taylor-Kumpanen Foday Sankoh hackte Dorfbewohnern Hände, Nasen und Ohren ab. Ihren Feldzug um die Macht in dem rohstoffreichen Land finanzierte sie mit Diamanten, die in Sklavenarbeit geschürft wurden.
«Weder in Mayonnaise-Gläsern noch in Kaffeedosen»
Taylor war damals Präsident des Nachbarlandes Liberia. Er soll Mordtaten der RUF dirigiert, sie mit Waffen versorgt und dafür Rohdiamanten im Wert von hunderten Millionen Dollar kassiert haben. Der Angeklagte bestreitet das: «Ich habe nie Diamanten bekommen, weder in Mayonnaise-Gläsern noch in Kaffeedosen.» Eindrucksvoller als durch die Bestätigung Campbells, einen Blutdiamanten von ihm bekommen zu haben, könnte er kaum widerlegt werden, meint die Staatsanwältin. Ein Supermodel als Superzeugin?
Bei der Vorladung stützte sich Hollis auf Angaben der US- Schauspielerin Mia Farrow und der damaligen PR-Agentin des Models, Carole White. Sie hatten berichtet, Campbell habe ihnen von dem Diamantenpräsent erzählt. White will es gar gesehen haben. Und es sei nicht nur ein Diamant gewesen, berichtete sie der Londoner Daily Mail. «Es waren sechs kleine Diamanten, ungeschliffen.»
Schauplatz der Klunker-Geschichte war Kapstadt. An einem lauschigen Septemberabend des Jahres 1997 hatte Südafrikas Präsident Nelson Mandela etliche Prominente zu einem Charity-Dinner um sich versammelt. Auch Kricket-Star Imran Khan war dabei, Erzbischof Desmond Tutu und Michael Jacksons Produzent Quincy Jones.
An Campbells Schlafzimmer geklopft
Bilder zeigen Campbell an der Seite von Taylor. Der habe geflirtet, erzählte White. Irgendwie hat er sich beim Blick in Naomis Augen wohl an den Evergreen erinnert, den schon Marilyn Monroe sang: «Diamonds Are a Girl's Best Friend». Jedenfalls sollen noch in derselben Nacht Bodyguards von Taylor an Campbells Schlafzimmer geklopft und das verhängnisvolle Geschenk überbracht haben.
Die Geschichte wird noch mysteriöser: Campbell habe die Diamanten nicht behalten, sagte White Ermittlern des Sierra-Leone-Tribunals. Sie habe Probleme befürchtet, sollte der Zoll bei ihr Rohdiamanten ohne Herkunftsbescheinigung finden. «Sie sagte, sie werde die Steine Nelson Mandelas Children's Fund schenken.» Die Daily Mail fragte bei der Wohlfahrtsorganisation nach. Die Antwort: Man habe niemals Diamanten von Frau Campbell erhalten.