Ein Obdach aus dem Netz
Wollen Sie wissen, wie es bei dem Thema weitergeht?Wir informieren Sie gerne kostenlos.
Von news.de-Redakteur Michael Kraft
Artikel vom 01.08.2010
Partnersuche, Urlaubsplanung und das Grübeln über die Frage, wie lang man eigentlich Kartoffeln kochen muss - all das passiert für viele Menschen inzwischen im Internet. ZDFneo stellt sie in der Dokureihe Netzmenschen vor. Zum Start wird im Müll gewühlt.
ZDFneo ist der Sender für alle, die sich eigentlich längst vom Fernsehen als Informationsmedium verabschiedet hatten. Mit der am Sonntag beginnenden Reihe Netzmenschen liefert der Mainzelmännchen-Ableger einen weiteren Grund, wieder ein bisschen ans Öffentlich-Rechtliche zu glauben. Denn die drei Folgen betrachten das Internet nicht, wie das sonst so oft im TV geschieht, als Bedrohung, Tummelplatz von Perversen und Raubkopierern oder als futuristische Allesmaschine. Netzmenschen blickt auf das Internet als das, was es ist: ein ganz selbstverständlicher, dynamischer Teil unserer Lebenswirklichkeit.
Es geht hier um Leute, die in einer Offline-Welt zwar vielleicht noch halbwegs überleben könnten, aber definitiv nicht die Menschen wären, die sie jetzt sind. Menschen, die «vom und mit dem Internet leben», wie der Sender erklärt. Das meint nicht die so oft heraufbeschworene und doch nicht recht existierende Digitale Bohème, sondern ganz normale Menschen. Deshalb haben die drei Folgen zwar eine höhere Notebook-Dichte als mancher Dell-Werbespot (alle paar Sekunden ist irgendwo im Bild irgendjemand irgendwie im Netz unterwegs), aber MacBooks oder gar iPads sind nicht allzu oft dabei.
Für Menschen wie Talley ist das Internet ohnehin nur Mittel zum Zweck. «Mein Leben hat sich sehr verändert. Es sind viele Freundschaften entstanden», erzählt sie über ihre Netz-Leidenschaft. Und die heißt: Couchsurfing. Das Prinzip ist ganz einfach: Menschen stellen per Internet eine kostenlose Unterkunft auf ihrer Couch zur Verfügung. Die Gegenleistung ist in der Regel bloß eine spannende Begegnung, im besten Fall eine lebenslange Freundschaft.
Mehr als zwei Million Mitglieder umfasst das Netzwerk weltweit. Netzmenschen – von Couch zu Couch zeigt sehr anschaulich, wie Couchsurfing funktioniert. Und wie diese so einfache Idee – wie so oft im Netz – zu einer rasanten Erfolgsgeschichte wurde. In den weiteren Folgen begleitet das Team eine junge Frau, die bei einer Online-Partnerbörse anderen zu glücklicher Zweisamkeit verhelfen will, und porträtiert einen Mann, der eine Internetseite als Mama-Ersatz für den Alltag betreut.
Für Talley ist das Netz unverzichtbar geworden, und Couchsurfing ist für die Sekretärin aus Wiesbaden «nicht nur ein Hobby, sondern eine Lebensaufgabe». Rund um die Netzbekanntschaften hat sie sich eine ganze Philosophie aufgebaut, die Konsumverweigerung ebenso umfasst wie das nächtliche Durchwühlen von Mülltonnen, um darin Essbares zu finden, es dann (nach Rezepten aus dem Netz) zuzubereiten und bei einer Party mit anderen (natürlich ebenfalls online eingeladenen) Couchsurfern zu verspeisen.
Auch Ulf, der zweite Couchsurfer, den das ZDFneo-Team mit der Kamera begleitet, kann den Verdacht nicht ganz entkräften, dass Couchsurfing eher etwas schräge, etwas einsame Menschen fasziniert. Den Gründer der Couchsurfing-Community nennt er halb anbiedernd, halb ehrfürchtig «der Casey», und in seiner kleinen Kölner Studentenbude schläft der IT-Berater selbst noch auf der Couch. An echten Freunden stört ihn manchmal, dass er «mit denen immer machen muss, was die wollen. Die Couchsurfer, die bei mir zu Gast sind, machen immer das, was ich will. Und nach ein, zwei Tagen fühlt man sich dann, als würde man sich schon jahrelang kennen», sagt er – und wirft damit die Frage auf, ob er überhaupt schon einmal echte Freunde in der echten Welt hatte.
Talley aber will von dem Vorwurf nichts wissen, alle Netzmenschen seien zwangsläufig Soziallegastheniker: «Das ist hier nicht wie bei Facebook. Wir tauschen uns nicht wochenlang im Netz aus. Bei uns geht es darum, dass man sich so schnell wie möglich trifft.» Das ist das Spannendste an Netzmenschen: Nicht nur zu zeigen, wie wichtig das Web 2.0 für viele von uns geworden ist. Sondern auch deutlich zu machen, wie das Netz unser Leben verändert. Und wie ganz kleine Ideen oft unser ganzes Miteinander auf den Kopf stellen.
Von Couch zu Couch, 1. August, 21.50 Uhr
Liebe auf den ersten Klick, 8. August, 21.45 Uhr
Der Mann hinter Mutti, 15. August, 22.10 Uhr
Zum Thema
Thema verfolgen »
Artikel kommentieren
Wer allein reist, muss deswegen nicht einsam sein. Mit Couchsurfing ist man nie allein. Ein mehr ...
In Ungarn gibt es 4775, in Afghanistan 51 und in der Antarktis 21 - das mehr ...
Am 1. November startet das ZDF seinen neuen Spartenkanal ZDFneo, der den Dokukanal ablöst. Schon mehr ...