So., 27.05.12

Blind Guardian 29.07.2010 Präzisionsmetall aus Krefeld

Blind Guardian (Foto)
Die neueste Platte von Blind Guardian. Bild: PR/Warner

Präzisionsmetal vom Niederrhein: Blind Guardian bestimmen seit mehr als zwanzig Jahren ihre Szene mit. Auf ihrem neuesten Longplayer drücken sie ordentlich aufs Gas. Das aber mit Bedacht und gewohnter Präzision.

Auch beim Speed Metal geht es manchmal langsam zu. Zumindest wenn Blind Guardian am Werk sind. Das Quartett aus Krefeld gibt zwar musikalisch gerne Gas, doch bei den Plattenveröffentlichungen lässt es sich Zeit. So alle vier Jahre ist mit einem neuen Werk zu rechnen. Morgen ist es wieder soweit: At The Edge Of Time steht in den Läden.

Vier Jahre nach dem Vorgänger A Twist In The Myth, acht Jahre nach A Night At The Opera, zwölf Jahre nach Nightfall In Middle Earth haben Sänger Hansi Kürsch, Gitarrist Martin Olbrich, Gitarrist Marcus Siepen und Schlagzeuger Fredwerik Ehmke wieder ein Album am Start, das auf unnachahmliche Weise rasante Metal-Geschwindigkeit (Ride Into Obsession) mit progressiven Elementen (Road Of No Release), derben Thrash-Parts (A Voice In The Dark) und klassischen Orchesterklängen (The Wheel Will Turn) verbindet.

Und wie wie gewohnt stimmen auch diesmal Sound und Produktion auf das I-Tüpfelchen. Sind Blind Guardian unverbesserliche Perfektionisten? «Wir können halt auch nicht raus aus unserer Haut», erklärt Kürsch im Interview.

«Aber ich finde, dass wir diesmal sogar sehr locker an die Sache herangegangen sind. In der Regel haben wir zumindest kleine Masterpläne, wie das fertige Album klingen soll. Das war diesmal nicht so, wir haben lange Zeit einfach drauf los gejammt und komponiert. Die ersten Songs sind so ohne Absprache entstanden, allerdings über einen langen Zeitraum. Dann gab es schon eine Absprache und zwar dahingehend, dass wir nun die Lücken füllen wollten, von denen wir gemeint haben, dass sie gefüllt werden müssten. Wir hatten brachiale Nummern, etwas Keltisches, etwas Orchestrales - nun brauchten wir noch nach Sachen, die so dazwischen liegen.»

Griffige Präzision

Blind Guardian mögen aus der zauseligen Heavy-Metal-Ecke kommen - dass sie wissen, was sie wollen, hört man fast jedem ihrer Alben an. Bei ihren Tracks sitzt jeder Ton da, wo er sitzen sollte, und so rollen die Platten ab wie eine prächtig gewartete Maschine, die allein durch ihre Präzision mitreißt. Blind Guardian besitzen zu der Präzision aber auch noch die musikalische Gabe, starke Stücke zu schreiben, die trotz ihrer Komplexität immer griffig bleiben.

Mitte der 1980er kommen sie am Niederrhein zusammen und machen sich mit intelligentem Speed Metal rasch einen Namen. Mit dem 1990 veröffentlichten dritten Album Tales From The Twilight World zeigen sie erstmals ihre Trademarks in fast perfekter Manier und trotzen nun den Grunge-Moden mit einem vielschichtigen, originellen Fantasy-Metal, der musikalisch immer wieder zu überraschen vermag.

Auch textlich gehen die Ansätze bei Blind Guardian weit über die üblichen Klischees hinaus. Texter Kürsch berichtet aus seiner Werkstatt: «In der Regel kreieren wir zuerst die Musik und wenn ich die dann in mich aufgesogen haben, dann weiß ich schon wohin der Text gehen sollte. Dann geht die Recherche los und ich versuche dabei auch, Insiderwissen an den Start zu kriegen und mit einzubauen. Daran wird dann so lange gefeilt, bis das textliche Gerüst steht und sich mit dem musikalischen in Einklang bringen lässt.»

Keine Dichtung

Heraus kommen dabei durchdachte Lyrics, bei denen sich Kürsch mit philosphischen Problemen herumschlägt oder literarische Werke nicht nur des Fantasy-Genres rezipiert. Auch hier wird Perfektion großgeschrieben - ohne Recherche» und «Insiderwissen» wollen Blind Guardian nicht herumdichten.

Dass eine Band, die es so gut meint und genau nimmt, irgendwann auch musikalisch das große Rad drehen will, verwundert nicht: Irgendwann wollen sie eine Platte ohne Metal-Gitarren machen, bei der allein ein Sinfonieorchester für die Klänge sorgt.

Das aktuelle Album At The Edge Of Time soll ein großer Schritt in diese Richtung sein, wie Kürsch erläutert: «Bei Wheel Of Time und Sacred Worlds ist uns etwas gelungen, was sehr schwer zu verwirklichen ist: die organische Vereinigung von Orchester- und Metal-Sounds. Bei den meisten ähnlichen Produktionen agieren die beiden Teile nebeneinander und nicht miteinander. Wir haben sie miteinander verzahnt, sie gehören zusammen. Das ist schon eine Sache, auf die man stolz ist.» Schön, dass auch Perfektionisten zufrieden sein können. Am 24. September beginnen sie im niederländischen Tilburg eine Tournee, die am 1. Oktober mit Ludwigshafen die erste deutsche Station erreicht.

ruk/news.de/ap
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