Von Imke Hendrich
Es begann mit Horst Tappert alias Derrick: Millionen Menschen in zahlreichen Ländern schalteten die deutsche Krimiserie ein. Experten sprechen von einem «Ur-Knall» für deutsche TV-Formate im Ausland.
Oberinspektor Derrick ist bis heute einer der Bestseller des deutschen Fernsehens. Mit dem markanten Münchner Ermittler begann in den 1980er Jahren ein internationaler Siegeszug für deutsche TV-Formate. So lief und läuft der ARD-Tatort in vielen Ländern, die RTL-Action-Serie Alarm für Cobra 11 wurde in mehr als 100 Staaten verkauft. Die Idee von Stefan Raabs Spielshow Schlag den Raab flimmerte auch in England über die Bildschirme und den ProSieben-Film Tornado - Der Zorn des Himmels kauften schon 150 Länder.
«Das Ausland schätzt inzwischen unseren sehr hohen Produktionswert, die sehr gut handwerklich gedrehten Filme und die Erzählkraft der Storys», sagt der Geschäftsführer der Firma ZDF Enterprises, Alexander Coridaß.
In Gesprächen mit den Vertreibern wird schnell klar: «Krimi, Action und Herz-Schmerz gehen immer.» So meint auch Jens Richter, Geschäftsführer der ProSiebenSat.1-Vertriebsfirma SevenOne International: «Katastrophen sind der Top-Seller im fiktionalen Bereich - wenn eine der Hauptfiguren weiblich ist und die Katastrophe nicht zu beängstigend und zu dunkel dargestellt wird.» Aber auch für Komödien made in Germany gibt es Bedarf «645 Episoden von Verliebt in Berlin haben uns die Franzosen abgenommen.»
Überhaupt greifen in erster Linie französische, italienische und spanische Sender bei deutschen Fiktion-Produkten zu. «In diesen Märkten ist auch das Geld zu machen», wie Coridaß betont. Im englischsprachigen Raum haben deutsche TV-Filme und -Serien - anders als Doku-Koproduktionen unter deutscher Federführung - dagegen fast keine Chance. «Die akzeptieren keine Synchronisation», sagt Richter.
80 Prozent des Umsatzes von Programmverkäufen - über den sich übrigens alle Befragten ausschweigen - macht beispielsweise RTL in Frankreich, Spanien, Italien und, bedingt, noch in Japan. «Bei Verkäufen etwa nach Taiwan oder Afrika kommen dagegen eher überschaubare Beträge zusammen», sagt Dirk Schweitzer, zuständig für den Einkauf und Verkauf von fiktionalem Fremdprogramm bei RTL. Dabei ist der RTL-Renner Alarm für Cobra 11 bis nach China verkauft worden. Wie einst auch Horst Tappert «sprechen» die Schauspieler dort natürlich Mandarin, sehr amüsant für deutsche Zuschauer.
«Derrick war der Ur-Knall des deutschen Auslandsvertriebs», macht Coridaß deutlich. Es folgte unter anderem der ARD-Tatort. Aktuell laufen diese Krimis laut Bavaria Media Television (einer der Vertriebe) beispielsweise im Iran, in der Slowakei und in Ungarn. Ein Grund, einem Land ein Format nicht zu verkaufen, sind laut Coridaß geringe Preise. «Wir können doch nicht für 150 Dollar eine Doku nach Zypern verkaufen, da ist der Aufwand viel zu groß.» Deshalb habe auch der chinesische Markt nur noch eine geringe Bedeutung.
Sehr gut läuft in China indes noch immer die dortige Variante von Wetten, dass..? - «Das erfolgreichste Format, das wir je verkauft haben», so Coridaß. Auch Stefan Raabs Idee zur Show Schlag den Raab, in der der Entertainer gegen einen Kandidaten in verschiedenen Sport- und Rate-Disziplinen kämpft, konnte von SevenOne International bereits in 14 Ländern untergebracht werden.
Coridaß ist eines sehr wichtig - aus seiner Sicht kann man den Erfolg von deutschen Formaten nicht an der Zahl der Länder messen, in denen Abnehmer gefunden wurden. «Das verzerrt das Bild - da steht die Wirtschaftlichkeit oft hinter dem Image zurück.» Und: «Das Geld macht man nicht mit der Idee, man muss möglichst als Produzent mit im Boot sitzen.»
Trotz vieler Erfolge für deutsche TV-Produktionen im Ausland gibt es laut Coridaß immer von internationalen Kunden durchaus auch Kritik: «Zunächst ist das Sprach-Handicap ‹Dreh in Deutsch› da - das ist aber halt nicht zu ändern. Und manchmal wird uns vorgeworfen, im Vergleich zu internationalen Erfolgsprogrammen zu langsam, zu hölzern und dialoglastig zu sein sowie Schauspieler ohne Leidenschaft und internationale Ausstrahlung zu präsentieren.» Es gibt also noch Luft nach oben für «TV made in Germany».
car/news.de/dpa