Von news.de-Redakteur Michael Kraft
Die Massenpanik bei der Loveparade in Duisburg sorgte auch in den Medien für Alarmstimmung. Während der WDR sich zumindest um Aufklärung bemühte, blamierten sich die Nachrichtensender. Und bei Twitter wurde die Pietät begraben.
Normalerweise leben Journalisten für Tage wie diesen. Wenn man innerhalb von ein paar Stunden live auf Sendung gleich mehrfach «Gerade kommt die Nachricht rein…» sagen darf oder die wagemutigen Kollegen vor Ort ganz atemlos fragt: «Wo sind Sie genau, was sehen Sie?», dann wird man gebraucht. Dann leistet man Aufklärung.
Aber der Tag der Tragödie bei der Loveparade war schwierig für Nachrichtenredaktionen. Das Unglück wühlte die Zuschauer auf, löste einen Ansturm bei Twitter aus und war den sonst nicht gerade an Techno interessierten Programmverantwortlichen im Ersten immerhin einen ARD-Brennpunkt wert. Doch auch Stunden nach dem Ereignis stand dem Wissensdurst des Publikums noch immer ein riesiges Wissensvakuum der Journalisten gegenüber. Kaum einer kam schnell an zweifelsfrei richtige Informationen. Trotzdem versuchten alle, Licht ins Dunkel zu bringen – und Quote zu machen.
Am Ende gab es deshalb die Frage, ob man wirklich berichten muss, auch wenn man gar nichts weiß. Dazu einen kleinen Triumph des Öffentlich-Rechtlichen. Und einen Nachrichtensender, der für seine eigene Abschaffung zu werben schien. Ein Protokoll.
17 Uhr: In einem Tunnel auf dem Gelände der Loveparade in Duisburg kommt es zu einer Massenpanik.
17.30: Im Studio des WDR, der seit 13.40 Uhr live von der Loveparade berichtet, treffen erste Hinweise ein: Irgendwo auf dem Gelände ist etwas Schlimmes passiert.
17.56: Die Nachrichtenagenturen verbreiten die erste Eilmeldung, in der von zehn Toten und vielen Verletzten die Rede ist.
18.10: Bild.de beweist Sensibilität und schaltet den Livestream von der Loveparade ab, der bis dahin auf der Startseite zu sehen war. Im Liveticker, der wenig später auf der Seite erscheint, ist Bild.de dann aber deutlich weniger zimperlich. Es gibt ein Twitter-Foto, das angeblich mitten aus dem Gedränge stammt, später sogar Fotos von den abgedeckten Leichen. Und den üblichen Stakkato-Journalismus: «Schreie, Panik, Angst!»
18.15: Wer sich eine gute Viertelstunde nach der ersten Meldung im TV einen Überblick verschaffen will, findet: nichts. N24 sendet eine Doku namens Zukunft ohne Mensch. Bei N-TV ist Take Off – Das Abenteuermagazin zu sehen. Dazu gibt es ein paar aktuelle Infos per Laufband am unteren Bildschirmrand. Im WDR sind zu diesem Zeitpunkt noch unkommentierte Bilder von der größten Technoparty der Welt zu sehen. «Ich will Eure Hände sehen», feuert ein DJ gerade die noch nichts ahnende Menge an. Immerhin hat der WDR seit 18 Uhr einen Liveticker auf seiner Internetseite.
18.20: Thomas Bug und Catherine Vogel, die für den WDR vor Ort sind, versuchen sich an einer ersten Einschätzung der Lage. Weil im Hintergrund die Musik unvermittelt weiterwummst, sind sie allerdings kaum zu verstehen. Auch, als sie den Staffelstab an Sabine Heinrich übergeben («Sabine bitte, wenn du mich hörst»), bringt das wenig Aufklärung. Die Reporterin, die schon als Moderatorin von Unser Star für Oslo leicht deplatziert wirkte, ist zwar ganz in der Nähe des Unglücksorts postiert, war zum Zeitpunkt der Katastrophe aber «gerade nicht hier», wie sie später erklärt. Sie kann vorerst nur feststellen: «Die Stimmung ist insgesamt ein bisschen ruhiger geworden.»
18.30: Der WDR zieht die für 18.50 Uhr geplante Aktuelle Stunde um 20 Minuten vor. Mit Jessika Westen und Mike Litt sind zwei weitere Reporter vor Ort, die Stimmungen einfangen. Neue Infos von Sabine Heinrich: «Ich kann einen Tunnel sehen.» Und: «Da ist ein gelber Hubschrauber.» Immerhin zitiert einer der Reporter einen Radiokollegen, der Augenzeuge im Tunnel war.
18.40: Bei Twitter gibt es bereits mehr als 800 Einträge mit dem Hashtag #loveparade. Wer da noch mitkommt, ist im Prinzip nicht schlechter informiert als im TV - diese Erkenntnis sollte den Fernsehmachern durchaus Kopfschmerzen bereiten. Die Tweets zeigen viel Bestürzung, danach gibt es schnell Vermisstenmeldungen, Lob für Künstler, die freiwillig auf ihre Auftritte verzichten, Wut auf die Veranstalter und Hinweise auf düstere Vorzeichen wie einen User-Kommentar vom Donnerstag bei DerWesten.de, der eine Katastrophe im Tunnel prophezeite. Und dazwischen immer wieder: ganz viel schlechten Geschmack («Also im Tunnel nach dem letzten Konzert bei Rock am Ring ist keiner gestorben. Muss wohl am Techno liegen», meint Rock_RT).
18.42: Auch die Veranstalter scheinen von Pietät nichts zu halten. Nicht nur, dass sie die Loveparade nicht Abbrechen, um nicht einer weiter Massenpanik zu riskieren. Auch online geht die Party weiter. Auf der Homepage der Loveparade wünscht man unbeirrt «Viel Spaß beim Multichannel-Live-Stream der Loveparade.» Die Bilder von feiernden Menschen werden zwar kurzzeitig schwarz-weiß, aber das ist nur als künstlerischer Effekt gemeint.
18.44: Die Aktuelle Stunde im WDR kommt nun «zu einem ganz anderen Thema» und spult das vorab produzierte Material zu anderen Nachrichten ab.
18.46: N-TV ist aufgewacht. Es gibt eine sagenhaft sinnlose Telefon-Schaltung zu Reporter Lars Tepel, der deutlich schlechter informiert ist als die Moderatorin im Studio. Wer gerade vor dem Fernseher um Freunde oder Angehörige bangt, die vor Ort sind, muss sich von ihm wie gefoltert vorkommen. «Die Menschen sind hier zum Feiern. Das Wetter ist auch wunderbar», stellt er beispielsweise fest. Weiterer Höhepunkt der exklusiven N-TV-Informationen: «Der Hauptbahnhof ist ja ein Ort, wo viele Menschen ankommen und auch wieder abreisen.» Hier ist ganz offensichtlich auch im Sender die nackte Panik ausgebrochen, denn der Reporter ist so schlecht vorbereitet, dass er nicht einmal die korrekten Besucherzahlen kennt.
19 Uhr: Ein 4-Minuten-Beitrag über die Loveparade-Katastrophe ist Aufmacher in den Heute-Nachrichten im ZDF.
19.20: N-TV kommt nun langsam in Schwung und hat einen Kameramann als weiteren Augenzeugen am Telefon. «Der Tunnel war quasi die Falle», berichtet er und klagt an: «Das war programmiertes Chaos.»
19.28: Der WDR bietet weiterhin die mit Abstand beste Aufbereitung des Geschehens im TV. Hier sitzt die erste Augenzeugin bereits im Studio. Die Videoreporterin Petra Vennebusch schildert die aufgepeitschte, aggressive Stimmung zum Zeitpunkt des Unglücks. «Ich habe irgendwann die Kamera ausgemacht», sagt sie.
19.30: Anderthalb Stunden nach der ersten Meldung ist endlich auch N24 mit mehr als einem Laufband auf Sendung. Es gibt eine Telefonschalte zu Reporter Robert Sanders, der genau das erzählt, was die Nachrichtenagenturen schon längst berichtet haben und was es seit fast einer Stunde auf mehreren Nachrichtenportalen zu lesen gibt. Auch er stellt fest: «Die Musik ist sehr laut.» Immerhin in dieser Frage scheinen sich die Berichterstatter aller Medien einig zu sein.
19.39: N-TV schaltet diesmal zu Reporter Oliver Beckmeier, aber auch er kann außer Spekulationen nicht viel liefern. Dazwischen läuft das aufgezeichnete Telefonat mit Lars Tepel immer wieder als Schleife.
19.50: Dass sich «Katastrophenberichterstattung» auf das Ereignis bezieht, nicht auf dessen Aufbereitung, hat man bei N24 wohl noch nicht gemerkt: Als Reporter Robert Sanders erneut befragt werden soll, bricht die Leitung zusammen. Nach seinen ersten Statements muss man fast vermuten, dass das kein Verlust ist. Immerhin beweist das Versagen der Technik, wie schlecht das Handynetz bei der Loveparade war – ein Grund, warum viele Teilnehmer lange Zeit nichts von der Tragödie mitbekommen haben.
20 Uhr: N-TV hat auf YouTube erste Amateurvideos gefunden, die unmittelbar nach der Massenpanik in der Nähe des Tunnels aufgenommen wurden. Auch bei Bild.de gibt es mittlerweile einen Videobeitrag, der allerdings nur Twitter-Fotos und eine Stimme aus dem Off liefert. Vorher läuft ein Werbeclip für Wernesgrüner Bier - makaber angesichts der Gerüchte, dass die Panik auch deshalb ausbrach, weil viele Teilnehmer alkoholisiert waren. Die Tagesschau beginnt mit der Meldung von 15 Toten bei der «Love Parade», die im Ersten noch in Anführungszeichen gesetzt wird. Alles, was man zu diesem Zeitpunkt wirklich an Fakten über das Unglück kennt, passt problemlos in den 2-Minuten-Beitrag.
20.16: Im Ersten beginnt der Brennpunkt mit Jörg Schönenborn. Es gibt eine Schaltung zu WDR-Kollegen vor Ort, die nun zumindest akustisch besser zu verstehen sind. Das Erste hat zudem erste Bilder von Pressekonferenz der Stadt Duisburg, die aber mit so heißer Nadel gestrickt (und so belanglos) sind, dass die Stellungnahme von Duisburgs Ordnungsdezernent Wolfgang Rabe schließlich mitten im Satz ausgeblendet wird. Andrea Schafarczyk, Chefredakteurin des WDR-Jugendsenders 1Live, erklärt den Zuschauern, was die Loveparade eigentlich ist und stellt danach die These auf: «Es wird sehr sehr schwierig sein, dass die Love Parade nach diesem Ereignis wieder auf die Beine kommt.»
Dazu gibt es im 11-Minuten-Brennpunkt einen Rückblick auf die Geschichte der Loveparade. Insgesamt ein kompakter, seriöser Blick auf das Geschehen, der die spontane Bestürzung gut auffängt, ohne sich in zu viele Spekulationen zu verlieren.
20.27: Der Brennpunkt ist vorbei, N-TV sendet weiter das bereits Bekannte und die noch immer nicht ausgeräumten Gerüchte in einer Endlosschleife. N24 disqualifiziert sich vollständig: Nachdem man erst geschlafen und dann nur Halbgares berichtet hat, laufen nun bereits wieder Dokumentationen. Viel schlechter als bei N24 hätte die Krisenberichterstattung auch nicht ausgesehen, hätte man sie den Püppchen von Viva und RTL2 überlassen, die zu Glanzzeiten der Loveparade noch von dem Event berichtet hatten. Bei diesem Niveau ist es wirklich kein Wunder, dass ProSieben Sat.1 den Nachrichtensender für überflüssig hielt.
news.de
am schlimmsten finde ich , das jetzt im nachhinein die verantwortlichen alle schuld von sich weisen. wenn wirklich wie angegeben alles so gut geplant und organisiert war dann wäre es bestimmt nicht so weit gekommen. die reden alle , als ob die besucher selbst schuld waren an dieser tragödie.
jetzt antwortenKommentar melden1000.000 Watt Musikleistung und alles mit Glasfaserkabel installiert aber keine Kommunikation vorhanden. Wie schon vorher jemand kommentierte, alles Amateurbastelei. Bei allen Veranstaltungen werden normaler Weise Rot-Kreuz-Zelte mit Sanitätern installiert, ausserdem stehen Feuerwehr und THW vor Ort zur Verfügung. Das gilt schon für Schützenfeste oder Ähnlichem. Zur Kieler Woche wäre das nicht passiert.
jetzt antwortenKommentar meldenMehr als geschmacklos war die Reaktion von MTV auf das Loveparde-Unglück: während die "Happy Tree Friends" über 1 Stunde lang auf 100 verschiedene Arten hingerichtet werden, läuft am linken oberen Bildschirmrand ein Banner durch: "Wir trauern um die Opfer der Love Parade, unser Mitgefühl gilt den Familien." Da haben sich die Familien der Betroffenen bestimmt gefreut über so viel aufrichtige Anteilnahme!
jetzt antwortenKommentar meldenHabe einen Text im Internet gefunden, der sich ebenfalls mit den medialen Grundgängern befasst: http://snetzle.de/meinungen/5385519dbf1422d01.html
jetzt antwortenKommentar meldenAls aller erstes möchte ich mein Beileid an alle betroffen mitteilen, ein dankeschön für alle Helfer so wie Beamte und auch den Krankenhäusern in Duisburg. Diese Kathastrophe war vorhersehbar,doch irgentwie vertraute man doch auf die Stadt Duisburg,das diese alles gut organisiert,doch durch den Platzmangel und dem wohl nicht erfahrenen wissen wie man eine solche große Veranstalltung organisiert mussten Zahlreiche Menschen von uns gehen. Ich kann nur meinem Guten Menschenverstand verdanken das ich dieses Mal die Loveparade gemieden habe,da ich vorher mir die größe dieses Platzes angesehen habe
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